Papst beim Weltfamilientag "Kinder bereiten Kopfschmerzen, ganz zu schweigen von Schwiegermüttern"

Unter frenetischem Jubel der Gläubigen hat Papst Franziskus auf dem Weltfamilientag gesprochen. Doch wer Impulse für die Synode in Rom erwartet hatte, wurde enttäuscht: Es ging um Liebe und fliegende Teller.

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Ab dem 4. Oktober findet in Rom die Weltbischofssynode zur "Berufung und Mission der Familie in der modernen Welt" statt. Weil die Kirche nicht halb so modern ist wie die Welt, ist die Hoffnung bei progressiven Katholiken auf Reformen groß. Dementsprechend hoch waren die Erwartungen an die Rede des Papstes zum Weltfamilientreffen in Philadelphia.

Würde sich Franziskus zu den ewigen Konfliktthemen in der katholischen Kirche äußern? Zu der Situation wiederverheirateter Geschiedener und Homosexueller, zur Abtreibung?

Die enttäuschende Nachricht vorweg: Als der Pontifex am späten Samstagabend vor Zehntausenden ans Rednerpult trat, kam er auf keines dieser Themen zu sprechen. Er erinnerte vielmehr leidenschaftlich an die Kraft der Familie, ihre Funktion als Keimzelle der Gesellschaft, als "Fabrik der Hoffnung". Die Familie sei "das Schönste, das Gott erschaffen hat", sagte Franziskus. Nur in ihr lerne der Mensch schrittweise die Bedeutung und den Wert der menschlichen Beziehungen kennen. "Pflegen und verteidigen wir die Familie", so die Botschaft, "weil es dabei um unsere Zukunft geht."

Ging es in den Reden des Papstes vor dem US-Kongress und den Vereinten Nationen vor allem um globale politische Anliegen wie soziale Gerechtigkeit, Frieden, Umweltschutz und den Kampf gegen Armut, setzte Franziskus beim Weltfamilientag auf Emotionen. Er legte sein vorbereitetes Manuskript zur Seite und sprach etwa 22 Minuten lang frei, in seiner Muttersprache Spanisch.

Dabei versuchte er humorig, Bezug zum Alltagsleben seiner Zuhörer herzustellen. "Familien streiten auch mal, es können Teller fliegen, und die Kinder bereiten Kopfschmerzen", sagte er. "Ganz zu schweigen von den Schwiegermüttern." Dennoch lohne es sich, für Familien zu kämpfen, auch wenn einige anmerken könnten: "Vater, Sie reden so, weil sie nicht verheiratet sind."

In Wahrheit gehe es um Liebe, sagte der Papst, und erinnerte sich an ein Treffen mit einem kleinen Jungen, der ihn gefragt habe: "Vater, was hat Gott gemacht, bevor er die Welt erschaffen hat?" Die - zugegebenermaßen schwere Antwort - sei gewesen: "Bevor er die Welt erschaffen hat, hat Gott geliebt."

Begeistertes Publikum

Das Publikum war von der gefühligen, aber mitunter etwas langatmigen Rede des Papstes begeistert. Der Pontifex wurde gefeiert wie ein Popstar, mit Laola-Welle, Sprechchören und Jubelrufen. So mancher hätte sich jedoch gewünscht, dass Franziskus dezidierter auf die drängenden Fragen der katholischen "Familienpolitik" eingegangen wäre.

Fast wirkte es, als hätte Franziskus die Worte des konservativen Kardinals Gerhard Ludwig Müller im Ohr gehabt. Der "New York Times" sagte der Präfekt der Glaubenskongregation: "Wenn der Papst über soziale Gerechtigkeit spricht, will ihn jeder umarmen, oder? Das ist nicht schwer." Über moralische Werte zu sprechen, über Sexualität, Ehe oder Abtreibung sei aber "viel konfliktreicher". Also lieber gar nicht drüber reden?

Der Pontifex war am Samstagmorgen von New York nach Philadelphia gereist. Dort feierte er zunächst eine Messe und rief zu einer stärkeren Einbindung von Frauen und Laien in der katholischen Kirche auf. Es gelte, deren "unermesslichen Beitrag" für das kirchliche Leben zu würdigen, sagte der Papst in der Kathedrale von Philadelphia. Die Zukunft der Kirche in einer sich schnell verändernden Gesellschaft fordere "ein aktiveres Engagement" dieser Gruppen, sagte er.

"Gott weint über den Missbrauch der Kinder"

Franziskus hat auch in den USA seine ablehnende Haltung gegenüber der gleichgeschlechtlichen Ehe betont. US-Bischöfe haben die Legalisierung der sogenannten Homo-Ehe als "tragischen Fehler" bezeichnet.

Philadelphias Bürgermeister Michael Nutter will den Papst bitten, dafür zu sorgen, dass sexuelle Minderheiten in Zukunft nicht mehr verurteilt werden. "In Amerika hat jeder Rechte", sagte Nutter bei einer Rede in der Independence Hall. Die lesbischen, schwulen und bisexuellen Bürger kämpften seit Langem für Gleichberechtigung. "Kämpft weiter, es ist ein kollektiver Kampf", sagte er. "Und es gibt viele, die mit euch kämpfen."

Das Weltfamilientreffen gilt als eines der wichtigsten Großereignisse der katholischen Kirche. Das erste Treffen fand 1994 in Rom statt, die Veranstaltung geht auf eine Initiative von Papst Johannes Paul II. zurück. Franziskus' Auftritt war der Höhepunkt der Veranstaltung in Philadelphia.

Beim anschließenden Treffen mit spanischsprachigen Gläubigen in Philadelphia hat Franziskus den zahlreichen lateinamerikanischen Einwanderern den Rücken gestärkt. "Ihr bringt eurer neuen Nation viele Geschenke mit", sagte er. "Ihr solltet euch niemals für eure Traditionen schämen."

Bei einem persönlichen Treffen mit kirchlichen Missbrauchsopfern zeigte sich der Papst tief betroffen und versprach, "dass alle Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden". Im Juni hatte der Papst ein neues Dezernat zur Aufklärung der Verbrechen ins Leben gerufen. "Gott weint über den Missbrauch der Kinder", sagte er. Opfervertreter in den USA kritisieren, dass die Kirche den Skandal nicht ausreichend aufgearbeitet hat. Geschätzt 100.000 Kinder sollen hier Opfer sexuellen Missbrauchs durch den Klerus geworden sein.

Mit einer Messe vor Hunderttausenden Gläubigen wird das katholische Kirchenoberhaupt in der Ostküstenstadt seine Reise durch die USA beenden.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 32 Beiträge
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Seite 1
plasmopompas 27.09.2015
1.
Der Papst redet von Familie. Genauso gut kann ein Blinder von der farbe reden.
mundi 27.09.2015
2. Familienkenntnisse vorhanden
Zitat von plasmopompasDer Papst redet von Familie. Genauso gut kann ein Blinder von der farbe reden.
Sind Sie sicher, dass der Papst in keiner Familie aufgewachsen ist? Nach meinen Informationen hat er noch neben seinen Eltern noch 4 Geschwister. Wer das Leben italienischer Auswanderer in Argentinien kennt, würde nicht vermuten, dass Franziskus in Familienangelegenheiten blind wäre.
Jabata 27.09.2015
3.
Ich verstehe Ihr Kommentar nicht: haben Sie das Gefühl der Papst ist vom Himmel gefallen und hat keine Familie ? Oder bedeutet für Sie Familie nur Ehegattin und eigene Kinder ? Ich bin nicht katolisch aber dieser Mensch leistet eine gute Arbeit, was ich begrüsse.
2469 27.09.2015
4. @2,3
Sie haben ja Recht, aber nur weil Sie mal im Restaurant waren, sind Sie auch kein Meisterkoch. Herr Bergoglio mag ein sympathischer und intelligenter Mann sein, aber seinen Posten hat er mehr oder weniger dem Zufall zu verdanken. Und wer allen ernstes behauptet, die Familie sei von Gott geschaffen, dem ist eh nicht mehr zu helfen, tut mir Leid.
plasmopompas 27.09.2015
5.
Zitat von mundiSind Sie sicher, dass der Papst in keiner Familie aufgewachsen ist? Nach meinen Informationen hat er noch neben seinen Eltern noch 4 Geschwister. Wer das Leben italienischer Auswanderer in Argentinien kennt, würde nicht vermuten, dass Franziskus in Familienangelegenheiten blind wäre.
Hat er Kinder? Nein! Hat er eine Partnerin oder einen Partner? Nein! Seine Kompetenz in Familiendingen relatviert das doch erheblich.
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