Fünf Jahre Papst Franziskus Reformer im Intrigenstadl

Vor fünf Jahren wurde Jorge Mario Bergoglio zum Papst gewählt. Das heißt: fünf Jahre Streit mit Kardinälen, fünf Jahre die Welt retten. Verändert er die Kirche - oder hat die Kirche ihn verändert?

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Papst Franziskus stand entspannt in lockerer Runde mit Journalisten zusammen, am Ende eines dreitägigen Besuchs in Chile. Bis ein heimischer Reporter das heikle Thema ansprach: Was der Papst vom Vorwurf gegen den chilenischen Bischof Juan Barros halte, der habe einen befreundeten Priester gedeckt, der jahrelang Minderjährige sexuell missbraucht habe. Da war die lockere Stimmung mit einem Schlag dahin.

"An dem Tag, an dem man mir einen Beweis gegen Bischof Barros vorlegt, werde ich sprechen", raunzte Franziskus den Fragesteller an. "Es gibt keinen einzigen Beweis gegen ihn. Es ist alles Verleumdung. Ist das klar?"

So reagiert er inzwischen häufig. Er sei dünnhäutig geworden, empfindlicher, sagen Menschen, die ihn persönlich kennen, ihm ab und zu begegnen. Mitunter unüberlegter. Denn wenige Tage später kamen ihm offenbar selbst Zweifel, ob der Fall so klar ist. Er entsandte einen vatikanischen Sonderermittler nach Chile.

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Papst Franziskus: Fünf Jahre lang Papst

Solche Konfliktfelder gibt es überall im großen Reich von Papst Franziskus. Beispiel China: Dort protestieren katholische Priester gegen dessen, wie sie meinen, Kniefall vor den Machthabern. Franziskus will den alten Streit beilegen, wer in China katholische Bischöfe ernennen darf, die Kirche oder der Staat. Bislang gibt es offizielle, von Peking auserkorene Bischöfe, und heimliche, von der Kirche geweihte. Schon Papst Benedikt XVI. hatte einen politikfreundlichen Kurs angestrebt, den Franziskus jetzt vollenden will. "Rom verkauft die katholische Kirche", wüten Priester vor Ort dagegen, "Bischöfe, die für ihren Glauben gelitten haben, werden nun beiseite geräumt."

Der Weltretter

Papst, das ist ein schwieriger, ein anstrengender, zehrender Job. Man ist Chef eines kleinen, aber besonders komplizierten Staates, einer Religionsgemeinschaft mit weit über einer Milliarde Mitgliedern und - jedenfalls sieht sich Franziskus so - dem Weltfrieden verpflichtet. Gerade der sei derzeit durch viele bewaffnete Konflikte allerorten höchst gefährdet. Auch ein Atomkrieg sei nicht ausgeschlossen, fürchtet Franziskus, schon "ein Unfall könnte einen Krieg entfesseln", quasi ungewollt.

Deshalb ist er global als Friedensstifter unterwegs, hat bei der Annäherung zwischen den USA und Kuba eine wichtige Rolle gespielt, betet mit Palästinensern und Israelis in den vatikanischen Gärten, redet mit Wladimir Putin wie mit den chinesischen Machthabern. Selbst, wenn einer wie Weißrusslands Machthaber Alexander Lukaschenko ihn treffen möchte, sagt er: "Gerne". Kritiker finden, er sei zu sehr Politiker, zu wenig Seelsorger.

Der Theologe des Volkes

Und dann muss er ja auch noch den Vatikan regieren, das Machtzentrum und der Intrigenstadl der katholischen Welt: heilig und scheinheilig, voll mit Gläubigen und Zynikern. Hier wird bestimmt, was die Katholiken draußen tun und lassen, glauben und fürchten sollen.

Hier verorten Kritiker die Ursachen, warum der katholischen Kirche vor allem in Europa die Schäfchen in Scharen davonlaufen. Beispielsweise, weil die starren Regeln der Kirche mit dem Leben der Menschen heute oft nicht in Einklang zu bringen sind. Hier soll Franziskus aufräumen, Ballast abwerfen, eine modernere Kirche für den alten, unversehrten Glauben kreieren. Dafür haben ihn die Kardinäle eigentlich gewählt. Doch irgendwie hat er das falsch verstanden - oder sie. Oder beide.

Der Migrantenspross

Denn mit Franziskus wurde ein Papst gekürt, wie ihn Rom nie zuvor hatte. Ein Migrantenspross aus Südamerika, dessen italienische Großeltern einst ihr Glück in Argentinien suchten. Ein Mann aus einer ganz anderen Welt als alle seine Vorgänger im Jahrhundert zuvor - acht Italiener, ein Pole, ein Deutscher.

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Franziskus: Die Jugendjahre des Papstes

Geprägt von der in Argentinien verbreiteten "Theologie des Volkes", ist deren Credo auch sein Leitmotiv in Rom: Die Kirche muss auf der Seite der Armen stehen.

Schon bei der Wahl seines Papstnamens waren viele Kardinäle irritiert. Hadrian oder Clemens hatten sie ihm wohl vorgeschlagen. Aber das neue Katholikenoberhaupt "vom Ende der Welt", wie er selbst spottete, nahm sich den Heiligen Franz von Assisi zum Vorbild. Den "Mann der Armut", der mit den Vögeln sprach und der Amtskirche auch sonst wenig geheuer war.

Auf dem Weg zu "einer Kirche für die Armen" fing der neue Papst auch gleich an, ungemütlich zu werden: Teurer Schnickschnack aus Gold und Seide an den Gewändern der Kleriker war fortan ebenso verpönt wie Essen in Nobelrestaurants, geräumige Dienstwagen und alles, was sonst nach Luxus aussieht. Er selbst wohnt bis heute in einem schlichten Appartement des vatikanischen Gästehauses Santa Marta statt im Apostolischen Palast. Franziskus kümmere sich mehr um die Obdachlosen rund um den Vatikan als um seine Kurie, sagen Kritiker.

Der Zorn Gottes

Das mag sein. Jedenfalls werden die Monsignori und Eminenzen schon hellhörig, wenn Franziskus auch nur von der "Revolution zärtlicher Liebe" spricht, mit der man "die christliche Botschaft neu beleben" müsse. Oder wenn er "Prozesse anstoßen" will, die der Kirche "das Ohr öffnen für den Herzschlag dieser Zeit". Das klingt sanftmütig und zart. Tatsächlich wüte er in seinem Reich gelegentlich "wie der Zorn Gottes", sagt ein Mitarbeiter, natürlich anonym.

Mit solchem Zorn hat er die seit Jahrzehnten in Skandale verwickelte Vatikanbank umgekrempelt. Wenn schon nicht schließen, dann aber Schluss mit dem korrupten Geldhaus im Herzen der Kirche, in dem Kirchenmanager Millionen verzockten, Mafiagelder wuschen, Steuerhinterziehung förderten.

Er hat sich davon abbringen lassen, aber mithilfe kostspieliger Profis von außerhalb das kirchliche Bankgeschäft auf Minimalniveau gekürzt und das Personal zu großen Teilen ausgewechselt.

Der Abräumer

Nicht nur in der Bank, überall in seinem Reich versucht Franziskus seit fünf Jahren mit neuen Leuten eine neue Kirche zu bauen. Wenn nötig, räumt er dabei selbst mächtige Kirchenfürsten beiseite, wie den deutschen Chef der Glaubenskongregation Gerhard Ludwig Müller, die Nummer zwei in der vatikaninternen Rangordnung.

Den beinharten Konservativen hatte Papst Benedikt XVI. nur ein halbes Jahr vor seinem Amtsverzicht auf den Posten des obersten Glaubenswächters gesetzt. Als Aufpasser sozusagen, damit niemand an den ehernen Glaubenssätzen der Kirche rüttele.

Franziskus löste das Personalproblem eiskalt: Als Müllers Vertrag im vergangenen Sommer zur planmäßigen Verlängerung anstand, verlängerte er nicht. Ohne Begründung, ohne große Worte war Müller plötzlich draußen. Stinksauer warnte der öffentlich vor einer "Verwässerung des Glaubensbekenntnisses" und einem "Rabatt auf die christliche Ethik".

Der Mini-Reformer

Das alles sind Reformen, zweifellos. Aber nicht die, die weite Teile der Kirche sich von ihm erhoffen. Manches hat Franziskus im Vatikan durchaus geändert: Er hat die Wirtschaftsabteilungen um-, den diplomatischen Dienst ausgebaut, die Regeln für die Selig- und Heiligsprechung wie zur Annullierung von Eheschließungen vereinfacht. Doch das alles hält keinen enttäuschten Katholiken vom Austritt zurück und macht keinen ratlosen Seelsorger froh. Die wirklich strittigen Reformen stehen aus oder hängen auf halber Strecke fest. Beispiele:

  • In der Kommission, die sich mit sexuellem Missbrauch in der Kirche befasst, sollten unbedingt Missbrauchsopfer mitarbeiten. Doch zwei von ihnen beendeten ihre Mitarbeit. Die Irin Marie Collins begründete dies mit mangelnder Kooperation der vatikanischen Glaubenskongregation.
  • Die intensivere Einbindung von Frauen in den kirchlichen Dienst, etwa als Diakoninnen, kommt gegen starken Widerstand nicht voran.
  • Franziskus' Anliegen, geschiedenen Katholiken, die ein zweites Mal geheiratet haben, einen Weg zur Teilnahme an den Sakramenten zu öffnen, wird von den Dogmatikern blockiert.

Franziskus' Zwischenbilanz nach fünf Jahren ist mithin gemischt: Er hat seine Kirche näher an die Realität gebracht, hat sich und der Kirche viel Sympathie verschafft, doch wichtige Reformen kommen bislang nicht voran.

Nun ja, seine Amtszeit ist ja nicht zu Ende.

Anmerkung: In einer früheren Version hieß es zu Beginn, Franziskus sei mit den Journalisten gesessen. Tatsächlich standen sie.

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ruswelt 10.03.2018
1. Ich bin der Meinung, ...
... dass es der Kirche gut tun würde einen jüngeren Papst auf den Papststuhl zu hieven. Sozusagen auf Höhe der Zeit. Bischöfe, Kardinäle, alle jenseits der 60 und bei der nächsten Papstwahl sogar älter.
carlitom 10.03.2018
2.
Ich glaube nicht, dass es da groß was zu verändern gab. Der gute alte Franz war doch von Anfang an in der Praxis (Missbrauch, Frauenbeteiligung und Co.) voll auf Linie. Nur verbal sah das anders aus. Gehandelt hat er allerdings nie nach dem, was da großsprecherisch verkündet hatte. Das ist nur der Showteil fürs Schaufenster. Innen drin läuft alles wie bisher auch. Keine Veränderung in Sicht und geplant - von Marginalien zur optischen Aufhübschung mal abgesehen.
Joachim Kr. 10.03.2018
3. Dass er noch da ist, ist großartig
Er hat viel erreicht. Und muss unbedingt weitermachen. Und wenn nötig, weiter radikale Personalentscheidungen treffen. Solange, bis seine obersten Schäfchen von alleine wissen, wohin es geht. Hoffen wir, dass er es schafft! Ich bin kein Kirchenmitglied, auch weil es so war, wie es war.
sucher533 10.03.2018
4. Widerstand?
Widerstand gegen den Papst innerhalb der katholischen Kirche, gegen den Stellvertreter Gottes? Jedes Papstwort sollte doch für jeden Katholiken Gesetz sein, so wahr ihm Gott helfe.
go-west 10.03.2018
5. Papst Franziskus sollte m.E. zur Not eine Abspaltung
der konservativen Hardliner in Kauf nehmen, wenn sonst keine wirklichen und einschneidenden Reformen möglich sind. Diese Leute werden sich kaum bewegen. Die können ja dann einen katholischen Folkloreverein gründen und weiter in Gold und Purpur gewandt auf Latein kommunizieren.
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