Papst in Mexiko Franziskus reist ins Epizentrum des Schmerzes

Ausgerechnet in Ciudad Juárez hat Papst Franziskus seine Mexiko-Reise beendet, in dieser Grenzstadt ohne Seele. Es war die perfekte Wahl.

Aus Ciudad Juárez berichtet

AFP

Als Franziskus diese letzten Worte sagt, brandet doch noch Applaus auf. "Ich habe mich wohl gefühlt in dieser großen mexikanischen Familie, einem Volk, das so sehr leidet", ruft der Papst den 250.000 Menschen in Ciudad Juárez zu, die zu seiner Abschlussmesse gekommen sind. "Gracias", rufen ein paar Gläubige zurück. Danke.

Ein letztes Mal ist Franziskus auf seiner Reise durch Mexiko vom Protokoll abgewichen. Es ist 17.50 Uhr, sein Konvoi sollte längst auf dem Weg zum Flughafen sein, als er sich noch einmal von den Mexikanern im "Chamizal-Park" direkt an der Grenze zu den USA und den Millionen Gläubigen im ganzen Land verabschiedet. Ohne Manuskript dieses Mal, ohne religiösen Pomp. "Danke, dass ihr mir die Tür zu eurem Leben geöffnet habt", sagt er. Dabei wendet er sich auch an die Tausenden Menschen, die ihm jenseits des Stacheldrahtzauns auf der US-Seite zuhören, sie sind nur einen Steinwurf entfernt.

Zwei Stunden hatten die Menschen zuvor andächtig der Abschlussmesse des Pontifex gelauscht und bei fast jeder seiner Aussagen unmerklich genickt. Der Papst geißelte die Gewalt in der Grenzstadt, er bezeichnete die Migration als "Sklaverei" und "menschliche Tragödie", er sprach von Jugendlichen als "Kanonenfutter". Es waren Worte, auf die die Menschen hier lange gewartet haben. Aufmunternde, mitfühlende Worte. Sätze, die den Menschen in dieser geschundenen Stadt Kraft geben sollen - und den Flüchtlingen, die Ciudad Juárez als Durchgangsstation kennen.

"Unsere Stadt braucht Frieden, endlich Frieden"

"Es ist so wichtig, dass der Papst ausgerechnet hierher kommt", sagt zum Beispiel Benito Serrano. "Unsere Stadt braucht Frieden, endlich Frieden", sagt der Maurer. Da sei es nur ein kleines Opfer, sechs Stunden in großer Hitze zu warten. Um ihn herum nicken Dutzende Köpfe.

Ciudad Juárez, dieses Epizentrum der Gewalt und des Schmerzes, war der passende Schlusspunkt einer bemerkenswerten Pastoral-Reise, auf der das Oberhaupt der Katholischen Kirche nah an den Menschen war und fern der Autoritäten und Regierenden geblieben ist. Ein Besuch, bei dem er die deutliche politische Kritik immer in diplomatische Etikette verpackte.

So sprach er am ersten Tag im Nationalpalast von Mexiko-Stadt vor den Ohren von Präsident Enrique Peña Nieto davon, dass Bestechlichkeit dann entstehe, wenn man wenige privilegiere. Auf den anderen Stationen bei seiner Reise durch die Problemgegenden Mexikos wandte er sich gegen Gewalt, Drogenkrieg und vor allem die Vernachlässigung der Armen und Ausgegrenzten sowie die Misshandlung und Geringschätzung der Ureinwohner durch Kirche und Staat.

Verlorene Wüstenstadt im Niemandsland

Aber kein Ort eignete sich besser für das Ende dieses Besuchs als die Millionenstadt Ciudad Juárez. Weder Papst Benedikt bei seiner Reise vor drei Jahren, noch Papst Johannes Paul II. bei seinen fünf Pastoralreisen in das nordamerikanische Land waren auf die Idee gekommen, in diese verlorene Wüstenstadt im Niemandsland zu kommen. Eine Stadt ohne Seele, geprägt von breiten Avenidas, die Fabrikhallen mit Fast-Food-Tempeln verbinden und Shopping-Malls mit Schlafstädten. Vor der Stadt erhebt sich der Grenzzaun zu den USA, im Rücken liegen das Gebirge der Sierra de Juárez und die Wüste von Chihuahua.

Ciudad Juárez war viele Jahre Synonym für Tod. Zwischen 2008 und 2012 starben im Kampf der Kartelle untereinander und gegen den Staat 11.000 Menschen, die große Mehrheit Jugendliche. 200.000 Menschen wurden durch die Gewalt vertrieben oder gingen freiwillig. Tausende Geschäfte schlossen, ganze Stadtviertel wurden zu Gespenster-Siedlungen.

Es war und ist eine Stadt, in der alles gehandelt wird: Drogen, Waffen, Menschen, aber auch die Hoffnungen der Migranten auf ein besseres Leben jenseits der Zauns. Ein Ort, in dem Tausende Frauen ermordet wurden, ohne dass je Täter gefasst wurden. Auf einem kahlen braunen Hügel am Rande der Stadt steht in riesigen weißen Lettern: "Ciudad Juárez - Die Bibel ist die Wahrheit - Lese sie". Es wirkt wie Hohn an einem Ort, an dem so oft das fünfte Gebot gebrochen wurde.

Das Wunder von Ciudad Juárez

Die dunkelsten Tage sind gerade einmal vier Jahre her. Aber noch immer ist Ciudad Juárez eine der gefährlichsten Städte Mexikos. Heute sterben keine 30 Menschen mehr am Tag, sondern nur noch ein bis zwei. Aber die Bewohner gehen abends wieder Tanzen und nachmittags mit ihren Kindern in den Park. Und zwar ohne Gefahr zu laufen, in eine Schießerei verwickelt zu werden.

Und nun kommt der Papst zum Abschluss seiner Mexiko-Reise in diese geschundene Stadt. Die Menschen hier nennen das ein "milagro", ein Wunder. Sie hoffen wirklich, dass das Oberhaupt der Katholischen Kirche etwas verändern kann. Es geht ihnen nicht nur um Beistand, sondern um konkrete Hilfe.

Daniel, ein Migrant aus Honduras, der zu den 2200 geladenen Flüchtlingen bei der Messe zählte, ist sich sicher, dass der Papst etwas für ihn und seine Leidensgenossen tun kann: "Er kann dafür sorgen, dass die USA ein Einwanderungsgesetz schaffen." Luz María, deren Söhne vor sechs Jahren von den Kartellen hingerichtet wurden, hofft, dass der Papst endlich für Gerechtigkeit sorgt in einem Mexiko, in dem nur zwei von Hundert Tätern je zur Verantwortung gezogen werden. Und der Maurer Benito will einfach nur, dass der Papst etwas dafür tut, dass diese Stadt wieder "ins Lot" kommt.

Versprechen gehalten

Diese hohen Erwartungen zum Ende der Reise hat der Argentinier selbst geweckt. Denn er hat auf seinem Trip durch das verwundete Mexiko gehalten, was er vor seiner Reise versprochen hatte: Klartext reden, Fehler eingestehen, Besserung anmahnen. Dabei hob er diejenigen ins Licht, die gewöhnlich im Schatten bleiben: die Ureinwohner in Chiapas am Montag, am Dienstag die Jugend, und am Mittwoch in Ciudad Juárez die Migranten und die Opfer des Drogenkriegs.

Die überzogenen Erwartungen an Franziskus' Besuch hätten damit zu tun, dass sich die Mexikaner von ihrer Regierung im Stich gelassen fühlten, sagt der Kirchenexperte und Klerus-Kritiker Bernardo Barranco. "Die Menschen dürsten nach Führern, bei denen sie sich aufgehoben und verstanden fühlen." Und gerade Papst Franziskus sei in Mexiko so populär, weil er nicht nur das Evangelium verkünde, sondern auch soziale Gerechtigkeit predige.

Video zeigt wütenden Papst: Heiliger Vater!

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