Warnschuss für Papst Franziskus Jetzt geht es ans Eingemachte

Konservative Kirchenfürsten haben einen Brandbrief an den Papst geschrieben. Nun ist das Schreiben publik geworden. Es zeigt den vehementen Widerstand gegen Reformen.

Komplizierte Verhandlungen: Wie viel Reform verträgt die Kirche?
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Komplizierte Verhandlungen: Wie viel Reform verträgt die Kirche?


Der Papst reagierte auf den Affront, da wusste die Welt noch gar nichts von jenem Brandbrief, der nun publik wurde. Nein, sagte der Papst vor rund zehn Tagen, die Synode dürfe sich nicht auf ein Thema wie etwa den Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen einengen lassen. Und an der kirchlichen Lehre zu Ehe und Familie werde nicht gerüttelt.

Das war am zweiten Tag der Familiensynode. Tags zuvor hatte er wohl das Schreiben erhalten, das nun "L'Espresso" öffentlich gemacht hat. Erzbischöfe aus Kanada, den USA, Australien, Afrika sollen es verfasst haben. Auch der ehemalige Regensburger Bischof Gerhard Ludwig Müller war dabei, Chef der mächtigen Glaubenskongregation in Rom.

Dass manche der Mitunterzeichner sich umgehend distanzierten, als der Brief an die Heiligkeit bekannt wurde, zeigt schon: Die Sache ist heikel. Andere haben sich aufgeregt über "ein neues Vatileaks", wie Müller.

George Pell: "Keine Möglichkeit, an dieser Lehre etwas zu ändern"
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George Pell: "Keine Möglichkeit, an dieser Lehre etwas zu ändern"

Der Brief kommt zahm daher, der Ton ist angemessen unterwürfig. Man wolle dem Papst "eine Reihe von Sorgen" nahebringen, die man von anderen Teilnehmern der Synode gehört habe und selbst teile. Doch ihre Kritik hat es in sich: Es bestehe die Sorge, dass die Synode am Ende vom "theologisch/doktrinalen Problem" der Teilhabe an den Sakramenten für Katholiken in zweiter Ehe "dominiert werden könnte". Obwohl die Synode doch dafür gedacht sei, sich "einer lebenswichtigen pastoralen Frage zu stellen": "die Würde von Ehe und Familie zu verstärken".

Wenn es so komme wie befürchtet, rutsche man immer tiefer ins Dilemma, die Kirche müsse "das Wort Gottes und seine Lehre" ständig an den "kulturellen Veränderungen ausrichten". Man brauche ja nur die protestantischen Kirchen anzuschauen, um zu sehen, wohin das führe. Deshalb raten die Briefschreiber zu "großer Vorsicht bei unseren synodalen Diskussionen". Die Botschaft ist klar: Papst, pass auf! Hier geht es ans Eingemachte.

Schon lange vor der Familiensynode, der Versammlung von Bischöfen aus aller Welt im katholischen Kirchenstaat, hatte die konservative Fraktion mobilgemacht. Mit Büchern, in Interviews, über Erklärungen traditioneller Gruppen und Verbände gab es immer dieselbe Botschaft: Rührt die reine, zweitausend Jahre alte, von Gott gegebene Lehre zu Ehe und Familie nicht an!

Da mögen andere nach Wegen suchen, wie man geschiedene Katholiken, die ein zweites Mal heiraten wollen, einen Zugang zu den Sakramenten ermöglicht; oder darüber diskutieren, ob und wie die Kirche auch gleichgeschlechtliche Paare als vollwertige Mitglieder aufnehmen könnte: Für den orthodoxen schwarzen Block gibt es, so klar sagt es zum Beispiel der australische Kurienkardinal George Pell, "keine Möglichkeit, an dieser Lehre etwas zu ändern".

Pell, Chef des vatikanischen Wirtschaftssekretariats, wurde durch einen Vorwurf gegen ihn außerhalb der Kirchenmauern bekannt: Er soll Fälle von sexuellem Missbrauch in der Kirche vertuscht haben. Noch im Mai dieses Jahres bezeichnete ein Mitglied der 2014 gegründeten päpstlichen Kinderschutzkommission, Peter Saunders, ihn als "unhaltbar für den Vatikan". Doch der Rest der Kommission sah das anders. Und so mischt Pell jetzt nicht nur in der Synode mit, er ist auch der Organisator der schriftlichen Warnung an den katholischen "Pontifex Maximus".

Sie ging an den Papst, noch bevor die Diskussionen überhaupt begonnen hatten. Und Franziskus tat den Verfassern offenbar den Gefallen, die Unantastbarkeit der Lehre öffentlich klarzustellen.

War das seine Meinung von Anfang an? War das ein Zurückweichen oder nur Taktik? Niemand weiß es, so wenig wie bislang bekannt ist, wer eigentlich den Brief der Dogmatiker in dieser Woche dem Magazin "L'Espresso" zuspielte. Vatikansprecher Pater Federico Lombardo nannte die Weitergabe des Dokuments "einen Akt der Störung", der von den Unterzeichnern nicht beabsichtigt gewesen sei. Nun, sagen andere, vielleicht gerade doch?

Walter Kasper: "Die verwundeten Menschen begleiten"
Getty Images

Walter Kasper: "Die verwundeten Menschen begleiten"

Für Nello Scavo, Journalist bei der katholischen Tageszeitung "Avvenire", tobt im Vatikan "eine ideologische Schlacht". Er hat dazu gerade ein Buch präsentiert ("Die Feinde von Franziskus"). Seine Verschwörungstheorie besagt, dass Franziskus' Gegner versuchten, "den Papst zu diskreditieren, zum Schweigen zu bringen". Es handelt sich demnach um Pell und Müller, den afrikanischen Kardinal Wilfried Fox Napier und insbesondere mächtige US-Bischöfe, angeführt vom New Yorker Timothy Dolan.

Auch Robert Sarah, Kardinal aus Guinea, zählt zu dieser Gruppe. Und er bewies bei der Synode laut einem Zeitungsbericht, dass ihm alle Mittel recht sind, wenn es um die Verteidigung der Lehre geht: "Was im 20. Jahrhundert Nazi-Faschismus und Kommunismus waren", so wird er zitiert, "das sind heute westliche Ideologien über Homosexualität und Abtreibung sowie der Islamistische Fanatismus." Der katholische US-Zeitung "National Catholic Register" veröffentlichte den Redebeitrag Sarahs. Er stammt demnach von letzter Woche. Die Kirche befinde sich zwischen dem Götzendienst westlicher Freiheit und dem islamischen Fundamentalismus, beides seien "apokalyptische Bestien", ergänzte Sarah.

Vorsichtige Reformer

Die sogenannten "Progressisten", auf der anderen Seite, kommen vor allem aus Europa, wie der deutsche emeritierte Kurienkardinal Walter Kasper und der Münchener Erzbischof Reinhard Marx. Dass sie in der Minderheit sind, ist ihnen klar. Deshalb versuchen sie auch in den synodalen Diskussionen gar nicht erst, die amtlich-katholische Doktrin zu ändern.

Die Lehre bewahren und zugleich "die verwundeten Menschen begleiten", ist ein Leitmotiv aus ihren Reihen. Auch ein Vorschlag, den schon im Frühjahr 2014 Walter Kasper gemacht hatte, die wiederverheirateten Geschiedenen über einen "Bußweg" an die Sakramente heranzuführen, ist in der Debatte. Und immer wieder geht es um eine "neue Sprache".

Dabei, sagen die einen, gehe es um eine andere Haltung gegenüber den Problemen vieler Gläubigen in der heutigen Zeit. Oder es gehe, sagen andere, doch letztlich nur darum, das verbal zu verbinden, was faktisch nicht zu verbinden ist: Eine in Stein gemeißelte alte Lehre in moderner Zeit.

Papst Franziskus: "Ideologische Schlacht" im Vatikan
REUTERS

Papst Franziskus: "Ideologische Schlacht" im Vatikan

Mit Material von dpa

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 381 Beiträge
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hellas1955 15.10.2015
1. Westliche Probleme
In dieser Diskussion wird deutlich, dass Scheidung, Abtreibung, Gleichberechtigung etc. Themen einer alternden westlichen Gesellschaft sind. Afrikaner, Lateinamerikaner, die in traditionellen Kulturen leben, sagen einfach nur: "Habt Ihr keine anderen Probleme?"
janne2109 15.10.2015
2. wwer hatte gehofft
es werde sich etwas ändern mit dem neuen Papst? Träumer! Über einen Bußweg doch dann die Sakramente bekommen? Für gläubige Katholiken ist eine vollzogene Scheidung eh ein Bußweg.
Babsi03 15.10.2015
3. Tschuldigung, aber:
"Rührt die reine, zweitausend Jahre alte, von Gott gegebene Lehre zu Ehe und Familie nicht an!" Tut doch keiner, Familie heißt Kinder und Ehe 2 Menschen die füreinander da sind in guten wie in schlechten Zeiten. Fertig! Daran wird sich nie was ändern, aber wie genau das aussieht interessiert Gott nicht. Der will doch - lapidar ausgedrückt nur, dass seine Schäfchen glücklich sind. Lass dich nicht unterkriegen Franziskus!
ficino 15.10.2015
4. Diese weltfremden
Herrschaften, weit entfernt von den Menschen und deren Leben, beweisen einmal mehr, dass es um alles geht, bloß nicht um Seelsorge, Spiritualität, Verzeihen und Erlösung. Da krallt man sich an menschengemachte Dogmen aus guten, alten Zeiten, als Klerus und Staat in trauter Zweisamkeit ihre Verbrechen und Machtspielchen unbeirrt aufführten konnten. Kindesmißbrauch, Homosexualität, Verschwendungssucht und Finanzkriminalität bei den Katholen, wen juckt's im römischen Klerus? Ich bin mir fast sicher, genau solche Kirchenfunktionäre wären die ersten gewesen, die Jesus Christus aus dem Tempel hinaus gejagt hätte ... Was soll man da anderes tun, als diesen Verein sich selbst zu überlassen, oder ihn zu verlassen und still vor sich hin zu glauben, bis der Herr genügend Hirn vom Himmel wirft, damit alte, satte und saturierte Männer zur Einsicht kommen? Irgendwann in tausend Jahren vielleicht? Das Versagen der Katholischen Kirche ist einfach nur beschämend ...
tailspin 15.10.2015
5. Zefix
{Die Kirche müsse "das Wort Gottes und seine Lehre" ständig an den "kulturellen Veränderungen ausrichten".} Die Kirche ist doch immer wieder gut fuer Ueberraschungen. Das stelle ich mit vor, dass der Herr Gott mit seinem weissen Gewand und seinem Rauschebart vor Aeonen und kurz nach der Erschaffung dieses Planeten mal etwas gesagt hat, das als ehernes Gesetz in die Annalen der Kirche eingegangen ist, und das auf die spaetere, damals noch nicht existente, menschliche Kultur anzuwenden war. Da er seitdem nie wieder gesichtet wurde, anlaesslich dessen er etwas anderes haette gesagt haben koennen, ist nicht so recht vorstellbar, auf welcher Grundlage man jetzt die urspruenglichen Gottesverlautbarungen umdeutelt. Kann mir nicht helfen. Ich komme mit Logik bei der Kirche immer in den Urwald.
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