Papst Franziskus im Heiligen Land Tour de Force statt Pilgerreise

Der Papst besucht das Heilige Land. Wird Franziskus sich klar zum Nahost-Konflikt äußern? Sein Vorgänger hat die Erwartungen zumindest nicht hochgeschraubt.

AFP/ Osservatore Romano

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Für drei Tage wird Papst Franziskus das Heilige Land besuchen - und schon jetzt ist klar: Es wird mehr Tour de Force als Pilgerreise sein, gespickt mit religiösen und politischen Pflichtterminen, am Wegesrand jede Menge diplomatischer Minen.

Die königlichen Hoheiten von Jordanien müssen getroffen werden, außerdem Israels Staatspräsident Peres und Ministerpräsident Netanjahu - nicht zu vergessen Palästinenserpräsident Abbas. Damit es schneller geht, wird der 77-jährige Franziskus mit dem Helikopter von einer heiligen Stätte zur nächsten hetzen, er wird die Klagemauer und die Holocaust-Gedenkstätte Jad Vaschem besuchen, Messen lesen, mit Zehntausenden Gläubigen gemeinsam beten.

Dafür, dass sein Besuch "historisch" wird, hat der Papst schon im Vorfeld gesorgt. "So dass ihr eins seid" liest man auf Latein und Griechisch im Logo der Veranstaltung. Zu sehen sind die Apostel Petrus und Andreas, die sich in einem Segelboot umarmt halten.

Als 270. Nachfolger des Apostel Andreas gilt Bartholomaios I., der Ökumenische Patriarch von Konstantinopel. Der 74-Jährige ist das Ehrenoberhaupt aller orthodoxen Christen weltweit, ein kleiner Mann mit langem weißen Bart und prüfendem Blick, der schon zu Franziskus' Vorgänger Benedikt XVI. gute Beziehungen pflegte.

"Das Treffen hat einen hohen symbolischen Wert", sagte der Patriarch vor einer Woche am Rande eines Symposiums in München - und wirkte dabei selbst ganz ergriffen. In der Jerusalemer Grabeskirche wollen sich Rom und Konstantinopel treffen und eine gemeinsame Erklärung unterzeichnen. Ausdrücklich erinnern sie damit an das ökumenische Treffen von Papst Paul VI. und dem Patriarchen von Konstantinopel, Athinagoras, das vor 50 Jahren den großen Durchbruch in den Beziehungen brachte - die Überwindung des Schismas von 1054.

"Wenn wir die Schöpfung zerstören, zerstört die Schöpfung uns"

Franziskus hat den gemeinsamen Auftritt früh vorbereitet: Er lud den griechischen Patriarchen zu seiner Amtseinführung nach Rom ein - es war das erste Mal seit fast tausend Jahren, dass ein Oberhaupt der Orthodoxen zur Inauguration eines Papstes nach Rom fuhr. Nichts weniger als die Einheit der beiden Kirchen im dritten Jahrtausend steht zur Debatte. Zwar sind in Israel keine theologischen Grundsatzerklärungen zu erwarten - die vertagt man auf die Panorthodoxe Synode 2016. Man darf jedoch gespannt sein auf den inhaltlichen Fokus der Erklärung.

Bartholomaios I. engagiert sich für Nachhaltigkeit und Umweltschutz und wird deswegen auch "der grüne Patriarch" genannt. "Wir müssen unseren Lebensstil und unsere Denkart ändern und zurück zur Harmonie mit der Schöpfung finden", forderte er in München.

Bei diesem Thema herrscht Konsens zwischen den beiden Kirchenführern. "Wenn wir die Schöpfung zerstören, zerstört die Schöpfung uns", stellte Franziskus gewohnt schnörkellos bei seiner letzten Generalaudienz fest.

Der Dialog mit den Orthodoxen ist wichtig - allein in Deutschland leben weit mehr als eine Million von ihnen. Nur gemeinsam könnten die christlichen Kirchen "die Einheit Europas in Ost und West neu bewusst machen", betont der emeritierte Kurienkardinal Walter Kasper in der "Zeit". "Die gegenwärtigen Konflikte in Nahost wie in der Ukraine zeigen, dass wir keine Zeit mehr zu verlieren haben."

Kurz, knapp, deutlich

Stets haben die Päpste versucht, der Reise in den Nahen Osten ihren persönlichen Stempel aufzudrücken - nicht immer mit Erfolg. Der ehemalige Hitlerjunge und Wehrmachtssoldat Benedikt XVI. war als Deutscher und jemand, der den Holocaust-Leugner Richard Williamson rehabilitiert hatte, in der Pflicht, sich adäquat zu den Gräueltaten der Nazis zu äußern. Dies tat er 2009 jedoch nur halbherzig; er betrat lediglich die Vorhalle von Jad Vaschem, weil im Museum der von ihm verehrte Pius XII. kritisch dargestellt wurde. Die Empörung war groß.

Papst Franziskus ist von anderem Kaliber. Er liebt die rhetorische Offensive in der Öffentlichkeit, er warnt und rüttelt auf, streitet mit Atheisten, brandmarkt die römische Kurie als "Lepra" oder übt harsche Kapitalismuskritik. Von ihm wird erwartet, dass er endlich jene Dokumente aus dem Vatikan-Archiv freigibt, die Aufschluss über Papst Pius XII. umstrittene Haltung zum Holocaust und den Nazis geben können. Überhaupt hoffen viele auf klare Worte, einen Paukenschlag im Violinengezirpe der kirchlichen Rhetorik.

Seit seinem dramatischen Appell auf Lampedusa ist klar, dass Franziskus das Schicksal von Flüchtlingen am Herzen liegt. Es gilt als sicher, dass er in Jordanien die Probleme der irakischen und syrischen Bürgerkriegsflüchtlinge aufgreifen wird. Außerdem wird er palästinensische Flüchtlingsfamilien treffen.

Aber was wird er zum Nahost-Konflikt sagen? Mit welcher Botschaft wird er sich profilieren im Spannungsfeld der drei großen Weltreligionen, wo die Christen immer weniger eine Rolle spielen? Und sind nicht drei Tage viel zu kurz, um allen Ansprüchen gerecht zu werden?

"Papst Franziskus konzentriert sich auf das Wesentliche. Und so kurz wie seine Predigten sind auch seine Besuche; aber sie sind deutlich", sagte der Schweizer Kurienkardinal Kurt Koch der Katholischen Nachrichten-Agentur. Koch wird als Vatikan-Beauftragter für Ökumene und die Beziehungen zum Judentum den Papst begleiten, der sich am Montag mit zwei Großrabbinern treffen wird.

Arm in Arm vor der Klagemauer

"Wir haben davon geträumt, vor der Klagemauer zu stehen und uns zu umarmen, um ein Zeichen zu setzen gegen 2000 Jahre Unstimmigkeiten zwischen Juden und Christen", sagte der argentinische Rabbi Abraham Skorka im Interview mit "La Civiltà Cattolica": "Unsere Freundschaft und unser Dialog zeigen, dass es möglich ist", habe Franziskus zu ihm gesagt. Der Papst empfinde das Judentum als "Mutter seines Glaubens", betonte Skorka, der ebenfalls mit dem Pontifex reist.

Die Beziehung der katholischen Kirche zu Israel ist von jeher problematisch. Als letzter europäischer Staat nahm der Vatikan diplomatische Beziehungen zu Israel auf. 1965 betonte Rom mit dem Konzilsdokument "Nostra aetate" das reiche gemeinsame geistliche Erbe von Juden und Christen, 1993 wurde ein Grundlagenvertrag unterzeichnet, der Antisemitismus und Intoleranz verurteilt.

Für die Sicherheitskräfte ist der Besuch eine Herausforderung. Der argentinische Papst ist gefürchtet für seine spontanen Ideen und fehlenden Berührungsängste. Schon in Rom verzweifelt die Security regelmäßig an dem volksnahen Pontifex - in Israel, Jordanien und den Palästinensergebieten ist die Situation aber ungleich angespannter. Seit einiger Zeit kommt es außerdem verstärkt zu Übergriffen auf Christen und ihre Institutionen.

"Dieser Vandalismus ist natürlich zu verurteilen, aber ich habe keinen Zweifel, dass sich die Reise in einem unbeschwerten Klima vollziehen wird", sagte Vatikan-Sprecher Federico Lombardi. Der Papst selbst hat sich ausdrücklich gegen den Einsatz des Papamobils oder von gepanzerten Fahrzeugen ausgesprochen. Er will im offenen Jeep durch die Menge fahren.

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Orthoklas 23.05.2014
1. Respekt vor diesem Mann!
Er wird ganz bestimmt für positive Stimmen sorgen! Und wer weiß, was er an Überraschungen noch im Köcher hat!
dadanchali 24.05.2014
2. Nee
Wenn man jeden Kaspar heilig spricht ist doch sowieso überall "heiliges Land ". Was für ein lustiger Verein wäre das wenn die das nicht ernst meinen würden
bertholdalfredrosswag 24.05.2014
3. Papst Franziskus im (unheilvollen)Heiligen Land
Nach längeren intensieven Glaubensjahren kann ich mich unmöglich wieder damit abfinden, dass eine Legende als offiziele Wahrheit vertreten wird, denn das ist unmoralisch und ethisch ein Delikt. Natürlich bin ich mir bewusst, dass dieser Gotteswahn unausrottbar ist und nur vereinzelt Menschen dazu kommen die den Mut haben durch Logik und Wissenschaftliche Erkenntniss zu eigener Denkfähigkeit gelangen. Wem das gelungen ist wird sich nie mehr davon abkehren wollen.
bertholdalfredrosswag 24.05.2014
4. Papst Franziskus im (unheilvollen)Heiligen Land
Nach längeren intensieven Glaubensjahren kann ich mich unmöglich wieder damit abfinden, dass eine Legende als offiziele Wahrheit vertreten wird, denn das ist unmoralisch und ethisch ein Delikt. Natürlich bin ich mir bewusst, dass dieser Gotteswahn unausrottbar ist und nur vereinzelt Menschen dazu kommen die den Mut haben durch Logik und Wissenschaftliche Erkenntniss zu eigener Denkfähigkeit gelangen. Wem das gelungen ist wird sich nie mehr davon abkehren wollen.
luca 24.05.2014
5. Paukenschlag in Ya Vashem?
Zitat von sysopAFP/ Osservatore RomanoDer Papst besucht das Heilige Land. Wird Franziskus sich klar Botschaft zum Nahost-Konflikt öußern? Sein Vorgänger hat die Erwartungen zumindest nicht hochgeschraubt. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/papst-franziskus-reise-ins-heilige-land-oekumene-in-israel-a-971055.html
Hallo, gehts noch bei SPON! Wieso schreiben Sie zum Auftritt von Papst Franziskus in der Holocaustgedenkstätte, Zitat: "Überhaupt hoffen viele auf klare Worte, einen Paukenschlag im Violinengezirpe der kirchlichen Rhetorik."? Ist die Pius XII.-Forschung in den letzten Jahren völlig an der Redaktion vorbei gegangen? Im Vatikan wird nicht gezirpt, weil es nichts zu zirpen gibt. Pius XII. hat gerecht und klug gehandelt, das stellte und stellt der Vatikan immer wieder klar heraus. Es gibt nicht den geringsten Grund, warum Franziskus in Yad Vashem etwas anderes sagen sollte.
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