Papst streicht Todesstrafe aus Katechismus Die Kirche dürstet nicht mehr nach Blut

Papst Franziskus verbannt die Todesstrafe aus dem katholischen Glaubenskodex. Es ist das Ende eines langen Weges. Aber vielleicht noch nicht überall in der Welt - es ist fraglich, ob ihm die Gläubigen folgen.

Papst Franziskus nach einer Audienz auf dem Petersplatz
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Papst Franziskus nach einer Audienz auf dem Petersplatz


Der Campo de' Fiori ist ein schöner Platz mitten im Rom, beliebt bei Touristen, die dort gerne über den Markt schlendern. Mitten auf dem Platz steht seit 1889 eine Statue, als Erinnerung an den Philosophen Giordano Bruno. Der hatte das Universum für unendlich und ewig erklärt, was die katholische Kirche damals als Ketzerei ansah. Deshalb wurde Giordano Bruno am 17. Februar 1600 genau dort verbrannt. Wie vor ihm schon andere Opfer der katholischen Inquisition.

"Giordano schaut", sagen die Römer, "genau in Richtung Vatikan, das ist seine Anklage gegen die Kirche für alle Ewigkeit." Ein bisschen könnte Giordano den Blick nun senken. Denn Papst Franziskus hat in den römisch-katholischen Katechismus ein deutliches Nein zur Todesstrafe schreiben lassen.

"Lange Zeit wurde der Rückgriff auf die Todesstrafe", so steht es in einer Erklärung des Vatikan dazu, "als eine angemessene Antwort auf die Schwere einiger Verbrechen und als ein annehmbares, wenn auch extremes Mittel zur Wahrung des Gemeinwohls angesehen." Das ist freilich ein Rückblick in großer christlicher Milde.

Tatsächlich hat die römisch-katholische Kirche ja nicht nur die Hinrichtungen staatlicher Mächte akzeptiert und legitimiert. Sie selbst gehörte lange Zeit zu den aktivsten derer, die den "Rückgriff auf die Todesstrafe" nutzten.

"Die Kirche dürstet nicht nach Blut"

Im römischen Reich etwa nahm die Zahl der Hinrichtungen zu, nachdem das Christentum Staatsreligion wurde. Später wurde in den eigenen katholischen Reihen ausgesiebt. "Ketzer" in großer Zahl wurden getötet, ab dem 11. Jahrhundert mit Vorliebe auf Scheiterhaufen verbrannt. Dasselbe Schicksal erlitten überführte "Hexen". Bald richtete sich quer durch Europa die Gewalt auch gegen Juden, meist war ihr Delikt die "Hostienschändung".

Um sich nicht selbst mit Blut zu beflecken - nach dem frühchristlichen Grundsatz: "Ecclesia non sitit sanguinem", "die Kirche dürstet nicht nach Blut" - kooperierte man mit den weltlichen Machthabern: Ein zum Tode verdammter Ketzer wurde per Urteilsspruch "dem weltlichen Arm" überstellt - und von dem lebendig auf den Scheiterhaufen gebunden. Allerdings hatte häufig genug der zuständige Bischof auch die weltliche Macht inne. Er übergab die Vollstreckung der Todesstrafe gewissermaßen sich selbst.

Hoffnungen, dass es im Gefolge von Martin Luther und der Reformation Widerstand gegen die grausamen Folterungen und Hinrichtungen geben würde, erfüllten sich nicht. Erst im Zeitalter der Aufklärung, im 18. Jahrhundert, wurde die Todesstrafe als inhuman und unchristlich kritisiert. Zudem wurde sie als unsinnig beschrieben, weil sie - anders als versprochen oder geglaubt - faktisch keine Abschreckungswirkung habe. Doch bis diese Debatte unter Philosophen, Dichtern und anderen Gebildeten bis zu den katholischen Amtsträgern vordrang, sollte es noch lange dauern.

Todesstrafe "unmenschlich, wie auch immer sie ausgeführt wird"

1995 griff Papst Johannes Paul II. mit der Enzyklika "Evangelium vitae" die in der Welt längst wachsende Abneigung gegen die Todesstrafe vorsichtig auf. Die Möglichkeiten moderner Gesellschaften sollten es erlauben, "das Verbrechen wirksam mit Methoden zu unterdrücken, die zwar den, der es begeht, unschädlich machen, ihm aber nicht endgültig die Möglichkeit nehmen, wieder zu Ehren zu kommen". Er und sein Nachfolger, der deutsche Papst Benedikt XVI., plädierten für eine allgemeine Abschaffung.

Erst im vorigen Oktober erklärte Franziskus unmissverständlich, die Todesstrafe sei "unmenschlich, wie auch immer sie ausgeführt wird". Sie widerspreche dem Evangelium, "weil sie willentlich entscheidet, ein menschliches Leben zu beenden, das in den Augen des Schöpfers immer heilig ist". Nun ist das päpstliche Bekenntnis auch schriftlich fixiert. Der Artikel 2267 im Katechismus der katholischen Kirche wurde entsprechend umgeschrieben.

Die katholische Kirche ist aus dem Mittelalter in der Neuzeit angekommen, in gewisser Weise mit rund zweitausend Jahren Verspätung. Denn war die Todesstrafe im Alten Testament, dem damaligen Zeitgeist entsprechend, noch eine Selbstverständlichkeit ("Wer Menschenblut vergießt, dessen Blut soll auch durch Menschen vergossen werden"), so ändert sich das mit dem Neuen Testament. Durch Jesus.

Was kümmert es China, wenn der Papst die Todesstrafe ablehnt?

Der stellt der "Auge um Auge, Zahn um Zahn"-Regel der alten Lehre entgegen: "Ich aber sage euch: Leistet dem, der euch etwas Böses antut, keinen Widerstand, sondern, wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halt ihm auch die andere hin." Im Neuen Testament gibt es viele ähnliche Stellen. Aber viele im großen Kirchenreich blieben gern in der Welt des Alten.

Der Papst hat ihn jetzt angeordnet, den Sprung vom Alten ins Neue Testament. Ob ihm alle Gläubigen und Amtsträger folgen, muss sich noch zeigen. Der Beifall für Franziskus ist zwar groß, in vielen christlich geprägten Ländern ist die Todesstrafe aber ohnehin schon lange abgeschafft oder wird zumindest nicht mehr praktiziert.

Und wo noch viele Hinrichtungen vollzogen werden - in Ländern wie China, Iran, Saudi-Arabien, dem Irak, Pakistan - dürfte es kaum jemanden kümmern, was der Papst dazu sagt.

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Aber was ist etwa mit den USA? Laut Death Penalty Information Center ist die Todesstrafe dort noch in 31 Bundesstaaten vorgesehen. Spricht Franziskus auch für die Katholiken dort? Kann ein Befürworter der Todesstrafe überhaupt noch katholisch sein? Zumindest die meisten amerikanischen Bischöfe stehen hinter Franziskus.

Bei den Gläubigen sieht es anders aus. Eine Umfrage des Pew Research Centers im April und Mai kam zum Ergebnis, dass 54 Prozent der Amerikaner die Todesstrafe befürworten, während 39 Prozent dagegen sind. Unter Katholiken war das Ergebnis ähnlich: 53 Prozent Befürworter, 42 Prozent Gegner.

Zweifel, ob Franziskus' Botschaft verfängt, sind auch auf den Philippinen angebracht. Das Land hatte die Todesstrafe 2006 abgeschafft. Seit seiner Wahl 2016 versucht Präsident Rodrigo Duterte, sie wieder einzuführen. Sein Vorhaben scheitert bislang am Widerstand des Senats, der zweiten Kammer des Kongresses.

Von den hundert Millionen Einwohnern des Landes sind 80 Prozent katholisch. Deren Bischöfe haben sich in einer gemeinsamen Erklärung gegen die Wiedereinführung der Todesstrafe ausgesprochen. Aber ein großer Teil der Katholiken muss Duterte ja gewählt haben.



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