Interview zum Kommunionsstreit "Franziskus ist ein Konservativer"

Franziskus hat sich im Kommunionsstreit gegen die Bischöfe um Kardinal Marx gestellt. Buchautor Marco Marzano erklärt, warum die deutsche Perspektive verzerrend wirkt - und wie der Papst zu verstehen ist.

Streitpunkt Kommunion
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Anfang Mai trafen sich deutsche Bischöfe und Vertreter des heiligen Stuhls im Vatikan, um eine umstrittene Empfehlung der Deutschen Bischofskonferenz zu diskutieren: Die pastorale Handreichung "Mit Christus gehen - der Einheit auf der Spur".

Das Schreiben sollte katholischen Geistlichen Orientierung geben bei der Zulassung protestantischer Ehepartner zur Kommunion. Doch das Papier führte zu einer veritablen Krise innerhalb der Katholischen Kirche: Sieben Bischöfe um den Kölner Erzbischof Rainer Maria Woelki rebellierten gegen das Mehrheitsvotum der Bischofskonferenz und baten Rom um Klärung des Sachverhalts. Ließ der Papst zunächst verlauten, die Bischöfe sollten gemeinsam eine Lösung finden, hat er jetzt dem liberalen Entwurf eine Absage erteilt.

Die Handreichung sei "nicht reif zur Veröffentlichung". Die Frage der Zulassung protestantischer Ehepartner habe gesamtkirchliche Relevanz und "nicht zu unterschätzende Auswirkungen auf die ökumenischen Beziehungen zu anderen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften", ließ er über den Präfekten der Glaubenskongregation, Luis Ladaria, mitteilen.

Nicht nur der prominenteste Befürworter des liberalen Kurses, Kardinal Reinhard Marx aus München, zeigte sich überrascht. Der Vorsitzende der Ökumene-Kommission in der katholischen Kirche, Gerhard Feige, spricht von "Verbitterung" und "Resignation". "Die Enttäuschung ist bei vielen groß, der Schaden noch nicht abzusehen", schreibt Feige in seinem "Nachruf auf eine unsägliche Entwicklung".

Auch viele Gläubige in Deutschland sind irritiert. Haben sich die Machtverhältnisse im Vatikan zugunsten der Traditionalisten verschoben? Hat Papst Franziskus dem Druck in der Kurie nachgegeben? Oder ist die "deutsche Frage" einfach nicht relevant genug für die Weltkirche?

Marco Marzano, Professor für Soziologie an der Universität Bergamo, gibt Antworten.

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    Marco Marzano, geboren 1963 in Turin, ist Professor für Soziologie an der Universität Bergamo. Er beschäftigt sich seit Jahren mit der Katholischen Kirche und hat mehrere Bücher dazu verfasst. Das neueste trägt den Titel: "Die bewegungslose Kirche: Franziskus und die verhinderte Revolution".

SPIEGEL ONLINE: Woher kommt der Sinneswandel des Papstes im sogenannten Hostienstreit?

Marzano: Das kann ich Ihnen nicht sagen. Ich weiß nur, dass der Reformanstoß der deutschen Bischofskonferenz genauso geendet ist wie manch anderer vor ihm - sei es die Reform der Kurie, das Diakonat für die Frauen oder der Umgang mit Homosexuellen. An einem gewissen Punkt schien es so, als würde Franziskus Kardinal Marx und seine Unterstützer ermutigen, ihren Weg weiterzuverfolgen. Doch sie wurden aufs Glatteis geführt.

SPIEGEL ONLINE: Sie erkennen ein Muster?

Marzano: Sicher. Der Papst macht einen zögerlichen Schritt nach vorn, in der Regel begleitet von einer improvisierten Erklärung. Denken wir etwa an seinen Auftritt vor Journalisten auf dem Heimflug von Brasilien im Juli 2013, als er sagte: "Wer bin ich, dass ich Homosexuelle verurteile?" Hoffnung keimt auf - und dann passiert nichts.

SPIEGEL ONLINE: Warum nicht?

Marzano: Wenn es darum geht, konkrete Maßnahmen zu ergreifen, die das Leben der Gläubigen verändern, mangelt es dem Papst plötzlich an Lust, an Kraft, am Willen, vielleicht überlegt er es sich anders. Niemand weiß, was in den Hinterzimmern des Vatikans vor sich geht. Aber eines steht fest: In der Summe ist dieses Pontifikat ein konservatives. Franziskus' Bilanz in Sachen Reformen ist gleich null. Das belegen die Fakten.

SPIEGEL ONLINE: Dennoch hat der Papst es mit seinem Charisma immer wieder geschafft, die Hoffnung auf Veränderung zu nähren.

Marzano: Wir müssen unterscheiden zwischen der Persönlichkeit des Papstes und seinen Errungenschaften. Der Papst als Figur ist neu. Aber die Organisation, der er vorsteht, ist es nicht. Die katholische Kirche hat nicht das geringste Interesse daran, sich zu verändern. Sie ist die größte Bürokratie der Welt.

SPIEGEL ONLINE: Ist nicht die "deutsche Frage" zur Kommunion aufgrund ihrer nationalen Gegebenheiten ohnehin irrelevant für die Weltkirche, die ganz andere Probleme hat?

Marzano: Natürlich. Die katholische Kirche in Deutschland ist modern, fortschrittlich, sehr offen. Aber sie repräsentiert nicht die Weltkirche. Die katholische Kirche ist in mehr als hundert Ländern der Welt aktiv. Eine Entscheidung, welche die Gleichgewichte in die eine oder andere Richtung verschiebt, ist immer gefährlich. Sie könnte eine Kettenreaktion hervorrufen. Wenn sich die Haltung zur Homosexualität veränderte, was glauben Sie, würde in der katholischen Kirche in Afrika passieren? Das hätte immense Auswirkungen.

SPIEGEL ONLINE: In Deutschland ist der Kommunionsstreit bereits zum Politikum geworden, Bundespräsident Steinmeier und andere Politiker haben die katholische Kirche aufgefordert, sich zu öffnen.

Marzano: Dem Vatikan gefällt es nicht, die Katholiken in einem Land zu enttäuschen, das so bedeutsam ist wie Deutschland. Aber man sorgt sich um die Einheit der Kirche. Einer nationalen Bischofskonferenz die Entscheidung über die Öffnung der Eucharistie zu überlassen, bedeutet für die Kritiker den ersten Schritt in Richtung eines Föderalismus, der katastrophale Folgen für das hierarchische Gefüge innerhalb der Kirche haben könnte.

SPIEGEL ONLINE: Der Kölner Kardinal Woelki ist anscheinend als Sieger aus dem Disput hervorgegangen. Hat sich das Machtgefüge im Vatikan zugunsten der Traditionalisten verschoben?

Marzano: Es gibt überhaupt keine Beweise für die These, dass der Papst von feindlichen Mächten umringt ist. Der Präfekt der Glaubenskongregation, Luis Ladaria, der die Entscheidung jetzt verkündet hat, wurde vom Papst ernannt. Genau wie viele andere Mitglieder der Kurie. Es gibt keine Beweise für ein Komplott gegen den Papst.

SPIEGEL ONLINE: Also gab es keinen Druck von Kritikern aus dem Vatikan?

Marzano: In Wahrheit ist die Opposition gegen Franziskus überschaubar. An die Oberfläche gelangt vor allem die Kritik einiger älterer Kardinäle, die schon im Ruhestand sind oder kurz davor stehen. Abgesehen davon steht die Kirche sehr kompakt hinter ihrem Oberhirten. Es gibt keine Rebellion - und auch keinen Grund dafür. Vielleicht müssen die Würdenträger auf ein wenig Luxus verzichten. Dafür ist ihr Papst beliebt.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt nach totaler Stagnation.

Marzano: In der ersten Phase des Pontifikats überwog noch die Hoffnung auf Veränderung, inzwischen befinden wir uns in der zweiten Phase, der regressiven. Die großen Reformen werden erfahrungsgemäß immer zu Beginn eines Pontifikats angegangen. Der Papst ist aber inzwischen über 80, er hat keine Energie mehr für große Reformen. Wir nähern uns einer Zeit, in der noch weniger möglich sein wird als vorher.

SPIEGEL ONLINE: Was fordern Sie also?

Marzano: Die Kirche sollte endlich mit dieser Reformrhetorik aufhören, dem ewigen Gerede von Innovation und Veränderung - einfach, weil es nicht stimmt. Papst Franziskus ist so konservativ wie seine Vorgänger es waren und seine Nachfolger es vermutlich sein werden.

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1579 06.06.2018
1. Keine Überraschung
Hat wirklich irgend Jemand gedacht, dass die katholische Kirche, oder der Papst vorhatten, etwas zu ändern? Es bleibt ein rückständiger Männerverein und wird es auch bleiben. Ich kann Homosexuelle nicht verstehen, die in dieser Institution bleiben. Verhinderung der Überbevölkerung, weil Verhütungsmittel verboten sind und Verhinderung der Ausbreitung von Krankheiten, weil Kondome nicht erlaubt sind. Für mich ist das in höchsten Maße kriminell. Ein verlogener Haufen. Zynisch fand ich den Papst, als er für die Opfer und Betroffenen in Guatemala gebetet hat. Als wenn das helfen würde. Davon können Sie sich nichts kaufen. Hier sollte die katholische Kirche, mit ihrem unermesslichen Reichtum, finanziell unterstützen. Gebete— also wirklich. Mir fehlen die Worte.
BettyB. 06.06.2018
2. Gut erkannt, Gefahr gebannt
Tja, da haben die deutschen Römisch-Katholischen wohl vergessen, dass es aus Sicht ihrer Kirche nur eine Kirche gibt und zudem nicht nur die eine Glaubensgemeinschaft der deutschen Lutheraner, sondern eine Vielzahl von christlichen Glaubensgemeinschaften (siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_christlicher_Konfessionen).
sven2016 06.06.2018
3.
Klingt überzeugend. Der Papst als Mensch wirkt sympathisch, als Amtsträger ist er so schräg wie seine Vorgänger. Schade. Aber was erwartet man eigentlich von einer "Kirche"? Eben.
equigen 06.06.2018
4. Glauben die das GOTT das interessiert?
Diese kleinlichen Spielchen um Macht, Rechthaberei und Wortklauberei.... Ein GOTT der angeblich Millionen von Universen, mit Milliarden von Galaxien mit Millionen von Sternen und Planeten erschaffen hat ... den soll es kümmern ob ein Christ der sich katholisch oder protestantisch oder orthodox nennt eine Stückchen Geback zu sich nehmen darf in Gegenwart des anderen oder nicht?! Als Atheist finde ich die Großmannssucht und Egozentrik von Kirchenführern immer wieder erstaunlich. Und noch erstaunlicher, dass es soviele Gläubige gibt, die so einen religionspolitischen Kinderkram mitmachen.
skeptikerjörg 06.06.2018
5. Amtskirche vs. Gläubige
Alle praktizierenden Christen, die ich kenne, egal, ob katholisch oder protestantisch, haben für diesen Streit kaum bis kein Verständnis. Dass ein Papst, der die katholische Weltkirchliche repräsentiert, sich in dieser typisch deutschen Frage bedeckt hält, kann ich noch verstehen, dass der rückwärtsgewandte Kardinal Wölki darüber einen Grundsatzstreit vom Zaun bricht, nicht. Da war man vor langer Zeit schon mal weiter: Im Herzogtum Jülich-Berg-Kleve war ab 1555 das Abendmahl in beiderlei Form zulässig. Ok, war vor dem 30jährigen Krieg. Wir sind eine gemischt konfessionelle Familie und wollen wir beide mit den Kindern gemeinsam zum Abendmahl, gehen wir in die evangelische Kirche. Da hatten wir nie ein Problem.
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