Missbrauchsvertuschung "Die Kirche will ja den Opfern glauben"

Franziskus nimmt einen Bischof in Schutz, der Missbrauch vertuscht haben soll. Wider besseres Wissen? Ein Vertreter der päpstlichen Kinderschutzkommission nimmt Stellung.

Papst Franziskus in Rom
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Papst Franziskus in Rom

Ein Interview von


Der Fall hat weltweit Empörung unter Opfern sexueller Gewalt ausgelöst: Papst Franziskus verteidigt einen chilenischen Bischof gegen Vorwürfe, Missbrauch verschleiert zu haben. Obwohl eines der Opfer dem Pontifex schon Jahre zuvor einen Brief geschrieben und darin erklärt hat, der Bischof habe sexuelle Übergriffe nicht nur geheim gehalten, sondern ihnen sogar beigewohnt.

SPIEGEL ONLINE hat den vatikanischen Kinderschutzexperten Hans Zollner nach seiner Einschätzung gefragt.

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    Der Jesuitenpater Hans Zollner ist Psychologe und Vizerektor der Universität Gregoriana in Rom. Er gilt als Experte in Fragen des innerkirchlichen Missbrauchs und ist seit 2014 Mitglied der päpstlichen Kommission für Kinderschutz. Zollner schult weltweit katholische Geistliche und Laien. An der Gregoriana hat er einen Master-Studiengang für Kinderschutz ins Leben gerufen.

SPIEGEL ONLINE: Hat Papst Franziskus den Brief des mutmaßlichen Missbrauchsopfers Juan Carlos Cruz gelesen?

Zollner: Das weiß nur der Papst allein. Mich wundert, dass viele davon ausgehen, wo doch klar ist, dass Franziskus jeden Tag Tausende Schreiben bekommt, von denen er nur einen Bruchteil lesen kann. Ich habe ihm selbst einmal zwei Briefe in die Hand gegeben - und weiß trotzdem nicht, ob er sie gelesen hat.

SPIEGEL ONLINE: Auf seinem Chile-Besuch im Januar hat Franziskus die Vorwürfe, Bischof Juan Barros habe Missbrauch vertuscht, noch als Verleumdung bezeichnet. Warum?

Zollner: Der Papst ist das, was man auf Englisch eine "person-person" nennt. Wenn er Menschen trifft, bildet er sich ein Urteil über sie, von dem er sich später nur schwer abbringen lässt. Er kennt Barros persönlich und hat ihm offenbar seine Version geglaubt. An dieser Überzeugung hat er festgehalten. Möglich, dass ihn auch eigene schlechte Erfahrungen aus der Vergangenheit beeinflusst haben: Franziskus musste sich einst gegen unbelegbare Vorwürfe wehren, er habe mit der argentinischen Militärdiktatur kooperiert. In diesem Kontext könnte man verstehen, dass er auf Behauptungen, die auf den ersten Blick nicht zu beweisen sind, allergisch reagiert.

SPIEGEL ONLINE: Strategisch wäre es klüger gewesen, wenn der Papst sich gar nicht zum Fall Barros geäußert hätte.

Zollner: Ja, das war nicht besonders diplomatisch. Zumal es in krassem Gegensatz zu seinem sonstigen Verhalten steht. Ich habe selbst erlebt, wie er auf Missbrauchsopfer zugegangen ist, wie er ihnen zugehört hat, wie warmherzig, offen und zugewandt er dabei war. Die Kirche will ja den Opfern glauben, aber bei rechtlichen Fragen und besonders im Blick auf die zu ziehenden Konsequenzen bedarf es eben der Beweise. Das ist ein ethisches Dilemma, in dem auch der Papst steckt.

SPIEGEL ONLINE: Was kann denn in der kirchlichen Rechtsprechung ein Beweis für Missbrauchsvertuschung sein?

Zollner: Es liegt in der Eigenart von Vertuschung, dass sie nur schwer nachgewiesen werden kann. Dazu sollten die in der Strafverfolgung üblichen forensischen Methoden und Maßnahmen angewandt werden. Kirchliche Rechtsprechung muss sich an den allgemein üblichen Standards orientieren.

SPIEGEL ONLINE: Ihre ehemalige Kollegin aus der päpstlichen Kinderschutzkommission, Marie Collins, ist mit einem Foto an die Öffentlichkeit gegangen, das belegen soll, dass der Papst den Brief des mutmaßlichen Missbrauchsopfers Cruz kannte. Ein Affront gegen Franziskus?

Zollner: Ich kenne Frau Collins sehr gut, wir haben lange zusammengearbeitet. Sie war schockiert, als der Papst erklärte, es gebe keine Beweise gegen Barros. Sie ging davon aus, dass Franziskus den Brief des Opfers kannte.

SPIEGEL ONLINE: Collins hat für ihren Rückzug aus der Kommission im März 2017 vor allem die fehlende Zusammenarbeit mit der Glaubenskongregation als Auslöser genannt. Werden auch Sie in Ihrer Arbeit behindert?

Zollner: Ich habe bei den Leitern der römischen Behörden, also bei Kardinälen, die Präfekten von Kongregationen sind, nie Widerstand, sondern viel Unterstützung erlebt. Es gibt Widerstand im System, aber nicht bei den Chefs, sondern wenn, dann in der mittleren Ebene. Dieser Widerstand ist auch nicht aktiv, sondern eher die römische Art, Dinge auszusitzen und Prozesse zu verschleppen. Das ist sehr ärgerlich.

SPIEGEL ONLINE: Angesichts der öffentlichen Empörung hat der Papst nun reagiert und neue Ermittlungen im Fall Barros angeregt. Der zuständige Erzbischof Charles Scicluna soll das mutmaßliche Missbrauchsopfer Cruz anhören. Glauben Sie, dass weitere Zeugen geladen werden?

Zollner: Ich gehe davon aus, dass Scicluna alles tun wird, was in seiner Macht steht, um Licht in den Fall zu bringen. Seit den mutmaßlichen Übergriffen sind mehr als 30 Jahre vergangen. Wenn es noch Zeugen gibt, die bereit sind auszusagen, wird er sie sicherlich anhören.

Der chilenische Bischof Juan Barros umringt von Demonstranten
REUTERS

Der chilenische Bischof Juan Barros umringt von Demonstranten

SPIEGEL ONLINE: Für viele Beobachter offenbart sich mit dem Fall Barros der grundsätzliche Unwillen der katholischen Kirche, Missbrauchstaten aufzuklären und Mitwisser zu bestrafen.

Zollner: Barros erscheint als Symbolfigur für ein System der Vertuschung. Jene Kultur des Wegschauens und Beschönigens zu verändern, wird noch viel Zeit brauchen, besonders im Blick auf andere Erdteile.

SPIEGEL ONLINE: Die Wut bei den Missbrauchsopfern ist groß, weil viele das Gefühl haben, dass sich seit den großen Skandalen 2010 zu wenig getan hat.

Zollner: Es gibt sicherlich Menschen in unserer Kirche, die kein aktives Interesse an Aufklärung haben. Aus meiner Perspektive hat sich aber auch einiges getan. Die päpstliche Kinderschutzkommission hat seit 2014 weltweit 250 Schulungsmaßnahmen zu Prävention und Intervention durchgeführt. Auf den Philippinen und in vielen anderen Ländern haben die örtlichen Bischofskonferenzen eigene Kinderschutzbüros eingerichtet. Der Papst hat angeordnet, dass Bischöfe bei Missbrauchsvertuschung gemaßregelt und gegebenenfalls entlassen werden können. Auch das Kinderschutzzentrum an der römischen Universität Gregoriana will zu einer Welt beitragen, in der Kinder sicher aufwachsen können.



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