Der Papst und die Mafia "Ihr endet in der Hölle"

Franziskus macht mobil gegen die italienische Mafia. Der Papst feierte mit Opfern und Gegnern der kriminellen Clans eine Messe. In Rom protestieren 100.000 Menschen gegen die Gangster.


Die Heilige Treppe in Rom, gegenüber der Basilika San Giovanni in Laterano, soll schon Jesus beschritten haben, als er bei Pontius Pilatus sein Todesurteil abholte. Die Gläubigen nehmen die Stiege, die im vierten Jahrhundert von Jerusalem nach Europa gebracht wurde, kniend. Sie sprechen auf jeder Stufe ein Gebet und erwirken so den Ablass ihrer Sünden. Oben angelangt werfen viele noch etwas Geld in einen Schlitz in der Wand - Spenden an die Heilige Mutter Kirche.

Regelmäßig quälen sich auch Männer mit Anzug und Krawatte die Stufen hinauf und stopfen dicke Packen Geld in den Schlitz. Manche sehen nur so aus, andere sind es auch: kleine oder größere Bosse aus den italienischen Gangstersyndikaten, die mit Drogen- und Menschenhandel, Erpressung, Wucher, Mord und Totschlag viel Geld verdienen. Als gute Katholiken geben sie etwas davon ab - für ihr Seelenheil, für einen Platz im Himmel.

Das historisch-harmonische Zusammenleben von Clans und Kirche - immer mal wieder getrübt, aber letztlich intakt - will dieser Papst nun beenden.

"An die Männer und Frauen Mafiosi"

Freundlich und höflich, wie es seine Art ist, wandte sich Franziskus am Freitagabend bei einem Gottesdienst in der römischen Kirche von San Gregorio VII direkt an die "Männer und Frauen Mafiosi" und bat sie auf Knien: "Ändert euer Leben, bekehrt euch, hört auf, Böses zu tun". Denn sonst, "wenn ihr so weiter macht, endet ihr in der Hölle". So drastisch hat es kein Katholiken-Oberhaupt je formuliert: Geld und Macht der Mafia sind "blutbefleckt", nichts wert im anderen Leben. Wer jetzt nicht umkehrt, der ist ewig verloren, ohne Aussicht auf Vergebung.

Auch frühere Päpste haben sich gegen die Mafia gewandt, Johannes Paul II und auch Papst Benedikt XVI, aber nie so eindeutig wie Franziskus.

Der unterstrich seine Worte zudem durch deutliche Gesten: Er betrat die Kirche Hand in Hand mit dem Priester Luigi Ciotti, dem Gründer der Organisation Libera, die sich um die Opfer der Mafia und deren Familien kümmert. Über 15.000 Menschen, heißt es, haben durch die Clans einen Freund, einen Partner, einen Angehörigen verloren. Ein Papst hatte sich bislang nie für Ciotti interessiert.

Don Ciotti überreichte dem Papst die Stola eines anderen Priesters, Giuseppe Diana. Der war schon vor 20 Jahren der Mafia in die Quere gekommen und ermordet worden. Und Franziskus, auch das eine klare Botschaft, legte sich Dianas Stola um.

100.000 Menschen protestieren gegen die Mafia

Die päpstliche Messe fand, natürlich war auch das kein Zufall, am Vorabend des "Tags der Erinnerung und des Einsatzes" gegen die Mafia statt, organisiert wie seit 19 Jahren von Don Ciotti. Die Aktion war in den Vorjahren ein wenig aus dem Blick geraten. Ein Gedenktag eben, mehr nicht. Am Samstag strömten 100.000 Menschen nach Latina, nahe bei Rom. Alle wichtigen Medien waren präsent, auch einflussreiche Politiker wie Justizminister Andrea Orlando und Senatspräsident Pietro Grasso, der viele Jahre lang Anti-Mafia-Staatsanwalt in Palermo war. Vielleicht entwickelt sich da etwas, hofft Roberto Saviano, Italiens berühmtester Anti-Mafia-Aktivist und Bestsellerautor ("Gomorrha"). Denn die Kirche und ihr Papst sind für die Mafia nicht ohne Belang.

Im Gegenteil. Der Bezug zur Kirche, der Glaube an die gute, schützende Madonna etwa, ist ein wichtiges Strukturelement der Mafia-"Familien". Sie halten sich für "gute Katholiken", gehen sonntags in die Kirche, die Frauen sogar eher täglich. Die Aufnahmerituale für neue Clanmitglieder sind voller religiöser Symbole und Bezüge. Und sie sind ja auch in vielen Kirchengemeinden "ehrenwerte" Mitglieder, sitzen in den ersten Reihen, spenden große Summen und die Kirche sagt "Danke, vergelt's Gott!" Gemeinsam haben Kirche und Mafia jahrzehntelang die Kommunisten klein gehalten, als Waffenbrüder in höherem Auftrag. Entsprechend dürfte die Wirkung der päpstlichen Worte ausfallen.

Bomben als Botschaft

Tatsächliche, dauerhafte Wirkung werden sie jedoch nur haben, schreibt Saviano in "La Repubblica", wenn nicht mehr nur ein paar mutige Priester, sondern die Kirche insgesamt beginnt, sich tatsächlich an dem Kampf gegen die Mafia zu beteiligen und nicht länger den Lockrufen des kriminellen Geldes und der damit erkauften politischen Macht erliegt. Mithin, wenn die italienische Kirche insgesamt den Worten ihres Oberhauptes folgt.

Das erfordert viel Mut, denn ohne Risiko ist das weder für die vielen, kleinen Priester vor Ort noch für Franziskus. Als Papst Johannes Paul II im Mai 1993 in Sizilien die Mafia zur Umkehr aufrief, antwortete die zwei Monate später mit einer Bombe an der Basilika San Giovanni in Lateran, nicht weit entfernt von der Heiligen Treppe. Dabei kam niemand kam zu Schaden.

Anders im September des gleichen Jahres: Da tötete die Mafia Don Pino Puglisi, auch er ein Vorkämpfer gegen die Organisierte Kriminalität.



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 137 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
neu_ab 22.03.2014
1.
Hm... Welche Mafia meint der denn? Die aus Brüssel? oder nur die Normale?
spon-facebook-515787246 22.03.2014
2. Eines Papstes des 21. Jahrhunderts unwürdig...
...ist, wer mit den Ängsten der Menschen spielt. Dieser Mensch behauptet, die Mafiosi würden in der "Hölle" für ihre Taten büßen müssen. Dabei ist weder ihm selbst noch sonst irgend jemandem dieser Ort jemals zu Gesicht gekommen. Wenn sich Menschen strafbar machen, sind sie zu LEBZEITEN von der Justiz dafür zu belangen; eines Gottes bedarf es hierfür nicht...
john_doe77 22.03.2014
3. .
Gott schütze diesen Papst!
provocator 22.03.2014
4. Naja,
das Angstmachen mit der Hölle und anderen Schauermärchen funktioniert ja schon länger nicht mehr so richtig, aber vielleicht zieht´s ja bei den Mafiosi noch ... lol
jester-eternally 22.03.2014
5. Jesus in Rom?
Jesus hat sein Todesurteil bei Pontius Pilatus IN ROM abgeholt? Wow!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.