Papst in Großbritannien: Triumphzug im Schritttempo

Aus London und Birmingham berichtet Fiona Ehlers

Der Besuch auf der Insel galt als die bislang schwierigste Mission für den Papst. Doch am Ende feierte ein Vatikansprecher die Großbritannien-Reise als "spirituellen Erfolg". Denn Benedikt XVI. punktete bei den Briten: mit einfachen Gesten und deutlichen Botschaften.

Papst-Reise: Benedikts Triumph Fotos
DPA

Es war seine 17. Auslandsreise, und am Sonntagabend dürfte Benedikt XVI. erleichtert den Rückflug nach Rom angetreten haben. Denn die historische Visite des Papstes in Großbritannien war letztlich doch ganz anders, als vor Beginn der viertägigen Reise prognostiziert wurde. Die Skepsis der Briten schwand, und der deutsche Pontifex wurde auf der Insel gefeiert.

Der Besuch im Vereinigten Königreich wurde zum Triumph für Benedikt. Vatikansprecher Federico Lombardi sprach von einem "spirituellen Erfolg". Der Papst gewann die Herzen der Briten. Er vermochte es sogar, die sonst so bissigen Medien weichzuspülen, die ihn sonst gerne als "Gottes Rottweiler" verspotten. Er tat es mit einfachen Gesten, mit starken Botschaften zu seinen Lieblingsthemen, der Mission seines Pontifikats: Dialog zwischen Glaube und Vernunft, Wiederentdeckung der christlichen Wurzeln. Es war eine Reise des Austauschs, ein Triumphzug im Schritttempo mit dem Papamobil durch das wohl säkularste Land, das je ein Papst betreten hat.

Es waren am Wochenende die letzten milden Herbsttage auf der britischen Insel. Die Londoner schipperten in Ausflugsdampfern über die Themse, besuchten die Tate Modern, trugen Einkaufstüten von Top Shop und flanierten im Sonnenschein. Ganz London? Nein, Zehntausende hatten am Samstag, dem dritten und letzten Tag der Papstvisite in der Hauptstadt, Wichtigeres vor.

Sie waren wütend, sie waren hingerissen. Gleichgültig oder desinteressiert, wie die britische Presse im Vorfeld der Visite stets betont hatte, war niemand. Benedikt XVI. hatte Großbritannien gespalten: Die einen protestierten, die anderen pilgerten. London glich einer geteilten Stadt.

Tränen in den Augen beim Treffen mit den Missbrauchsopfern

Gegen Mittag war der Piccadilly Circus schwarz von Menschen. Eine unheilige, eine vergnügungssüchtige Koalition von Missbrauchsopfern, Frauenrechtlern, Homosexuellen, Abtreibungsbefürwortern und Kondom-Fans scharte sich um einen weißen VW-Bus, der sich den Weg durch die Massen Richtung Trafalgar Square bahnte.

Sie kamen verkleidet als Nonnen oder als Papst mit Papp-Tiara, sie trugen Hitler-Schnauzer, selbstgemalte Plakate, johlten, skandierten in Sprechchören: "Down with the pope!", "Get your rosaries off my ovaries!" und Menschlichkeit statt Religion!

Es war die einzige Demonstration während des Papstbesuches in Großbritannien, und weit mehr waren angereist als erwartet: 15.000 bis 20.000 Papst-Gegner, zehnmal mehr als die Organisatoren vom Bündnis "Protest the Pope" erhofft hatten. Es war ein politischer Protest, am Ende des Marsches versammelten sie sich am Eingang zur Downing Street, dem Sitz des britischen Premierministers. Die Regierung, riefen sie, sei verantwortlich für den Besuch des Pontifex. In Sprechchören forderten sie Premier David Cameron dazu auf, sich vom Papst, diesem Teufel, diesem Anti-Christen, zu distanzieren. Vergeblich. Stunden zuvor, das wussten sie, hatte Cameron Benedikt XVI. zur Audienz getroffen.

Die weltlichen Heiligen der Demonstranten waren Stephen Fry, Schauspieler ("Oscar Wilde"), und intellektuelle Atheisten wie Peter Tatchell und Richard Dawkins, der Mann, der Benedikt XVI. verhaften lassen wollte, sobald er britischen Boden betreten würde, und einsehen musste, dass dies eine Schnapsidee war. Jetzt kletterte Dawkins auf das Dach des VW-Busses und tat das, was er seit Wochen tut: Er geißelte den Papst als Frauenfeind, als Feind der Homosexuellen, der Wissenschaft, des Fortschritts und vor allem als Gefahr für unschuldige Kinder, deren Körper und Seelen durch den Missbrauch für immer geschädigt seien. Das Protestpublikum skandierte "Shame on the Pope", die Stimmung blieb friedlich.

Gegen 17 Uhr, die Messe mit dem Papst im Hyde Park stand kurz bevor, erreichte die Breaking News der BBC auch die Demonstranten in der Downing Street. Hinter verschlossenen Türen in der päpstlichen Nuntiatur von Wimbledon hatte Papst Benedikt fünf Missbrauchopfer getroffen, eine halbe Stunde, länger als David Cameron. Er habe Tränen in den Augen gehabt, hieß es in einem eilig veröffentlichten Kommuniqué des Vatikans, als er sich bei den Opfern entschuldigte, am Ende habe man gemeinsam gebetet.

"Wir brauchen keinen Papst, der seine Hände faltet und heult. Wir brauchen einen, der den Missbrauch verhindert", rief Barbara Vine von der Opferorganisation Snap, die jetzt neben Dawkins auf dem VW-Bus Forderungen stellte: Eine Web-Seite mit allen Namen und Fotos aller Priester, die Kinder missbraucht hätten, eine bedingungslose Zusammenarbeit mit der weltlichen Justiz, einen Papst, der endlich handelt statt zu schwafeln. "Papst Benedikt, öffne deine Akten", brüllten sie jetzt und "Die Macht den Menschen, nicht dem Papst!"

Zur selben Zeit setzte sich am Piccadilly Circus ein anderer Zug in Bewegung. Den Constitution Hill entlang Richtung Hyde Park Corner, dieselbe Strecke, die eben noch die Demonstranten marschiert waren, nur in die entgegengesetzte Richtung.

Winken und Lächeln wie die Queen

Es waren vor allem junge Familien, Rentner und Jugendliche auf Klassenreise und hier lebende Emigranten aus Asien und Afrika. Sie sagten, sie seien nur zufällig hier, Picknick im Hyde Park wie jedes Wochenende. Es hörte sich an, als müssten sie sich entschuldigen für ihre plötzlich ausgebrochene Neugier auf den Papst.

Sie saßen in Grüppchen in der Sonne, tranken Wein aus Pappbechern, kletterten auf Bäume und Laternenpfähle und schwenkten weiß-gelbe Vatikan-Fähnchen. Sie sagten, sie seien die Hofberichterstattung im britischen Fernsehen leid, sie wollten den Papst live erleben, sich selbst einen Eindruck verschaffen von diesem unnahbaren Mann. Sie hatten Bilder gesehen von der herzlichen Umarmung des Erzbischofes von Canterbury mit dem Papst in der Westminster Abbey. Von den Treffen mit Jugendlichen vor der Kathedrale. Sie waren beeindruckt von seinen deutlichen Worten gegen die Missbrauchskandale, von seinen starken Botschaften, über die Liebe, die Gefahren der Moderne, das hätte sie nachdenklich gemacht.

Dann geht ein Johlen durch die Menge, dann kommt er angefahren, in einem Mercedes mit Vierradantrieb. Das Papamobil, ein weißes Gefährt mit Aufbau, der an ein Werk des Künstlers Damien Hirst erinnert. Darin kein Hai, darin der Papst auf einem Thron. Neben ihm saß Privatsekretär Georg Gänswein, sie winkten und lächelten wie die Queen in ihrer Kutsche.

100.000 Londoner kreischten jetzt und klatschen und zückten ihre Handys und Digitalkameras. Sie reichten dem Papst ihre Babys ans Fenster aus Panzerglas, damit er sie küsst und segnet. Sie ließen sich verzaubern von diesem alten Mann, die "Sunday Times" wird am nächsten Tag erklären, wie die Briten es lernten, binnen zwei Tagen den Papst zu lieben und titeln: Ein "Rottweiler"? Nein, ein "heiliger Großvater"!

Und als das Papamobil an ihnen vorbeifuhr im Schritttempo, rieben sie sich kurz die Augen, und als sie es kaum noch sehen konnten, rannten sie doch dem Papst hinterher, ergriffen und verzückt, die Park Lane entlang bis zum Zaun vor der Bühne. Für eine Stunde erlahmte der Verkehr, die Stadt stand still. Wer hätte das für möglich gehalten vor ein paar Tagen?

Am Sonntag dann war alles vorbei. Benedikt flog im Helikopter nach Birmingham, der Himmel hing wieder voller Regenwolken. Mit der Seligsprechung von Kardinal John Henry Newman, sein Zeichen der Versöhnung mit der anglikanischen Kirche, war die Visite beendet. Und die Terrorgefahr ausgestanden, es bestand nie eine, stellte sich heraus, fünf Straßenkehrer aus Algerien wurden freigelassen. Scotland Yard war wohl auf einen Scherz hereingefallen.

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insgesamt 378 Beiträge
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1. in seiner Rhetorik ist er geschult.
heinrichp 19.09.2010
Zitat von sysopDer Besuch auf der Insel galt als die bislang schwierigste Mission für den Papst. Doch am Ende feierte ein Vatikansprecher die Großbritannien-Reise als "spirituellen Erfolg". Denn Benedikt XVI. punktete bei den Briten: mit einfachen Gesten und deutlichen Botschaften. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,718315,00.html
Der Mensch sucht zu viel draußen, so wie der Papst, der im Außen die richtigen Worte findet, in seiner Rhetorik ist er geschult. Er soll sich mehr nach innen kehren. In sich trifft er das Wunderbare, das Heiligtum Gottes, welches in seinem innersten Geistherzen verankert ist. Dann werden wir uns alle besser verstehen, auch der Papst der in seinen Dogmen gefangen ist.
2. Geht das nur mir so?
chagall1985 19.09.2010
Jedesmal wenn Ich ein Foto des Papstes sehe denke Ich an den Teufel. Das Anglitz und den Blick hätte sich keiner besser ausdenken können. Verschlagenheit, hinterlist und böswilliges lächeln. Ich bin immer wieder erschrocken wie dieser Papst auf Fotos rüberkommt!
3. Und ewig grüßt der Gläubige
mardas 19.09.2010
Und der Berichterstatter erwähnt nicht einmal den Hass Ratzingers auf "säkulare Extremisten", wie Ratze es nannte, und erwähnt die vielen anderen Dinge nicht, die Ratze auf der Messe nicht sonderlich hervorhebte. Da soll mal noch einer sagen, der SPIEGEL sei grundsätzlich eher religionsskeptisch. Grundsätzlich eindeutig nicht, wie dieser Artikel belegt.
4. i.m.h.o.
autocrator 19.09.2010
wahrlich, für Ratzinger und die RKK ein triumph. - ein tränchen heucheln und n bissl beten statt millionenentschädigungen für mißbrauchsopfer bezahlen müssen, - mutmaßliche attentäter zu "terroristen" hochstilisiert (und damit die eigene überhöhung nochmal getoppt), - die intellektuellen leistungen von J.Newman geschickt übergangen, - ein bißchen feuchte hände geschüttelt und dümmlich gelächelt statt einer sachlichen auseinandersetzung z.b. zum thema frauenordination ... eine PR-tour vom feinsten, besser geht's nicht, und das ganze auch noch vom britischen steuerzahler bezahlt. Und für die messe konnte man sogar eintrittsgeld verlangen! "50 minutes talk with god - pay here 10 Pound, special offer!" - da lief ein test für neue einkünfte der RKK nebenbei auch noch ganz grandios! das ganze nennen wir zuletzt noch "einen großartigen spirituellen erfolg", womit die falschetikettierung auch gleich noch gezielt im sinne der RKK abläuft. Eins muss man den alten herren aus Rom schon lassen: Show und substanzlosigkeit haben die echt gut drauf!
5. Substanz über Oberflächlichkeit
ridgleylisp 19.09.2010
Zitat von sysopDer Besuch auf der Insel galt als die bislang schwierigste Mission für den Papst. Doch am Ende feierte ein Vatikansprecher die Großbritannien-Reise als "spirituellen Erfolg". Denn Benedikt XVI. punktete bei den Briten: mit einfachen Gesten und deutlichen Botschaften. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,718315,00.html
Der Besuch hat eben ergeben was von einem Papst mit großem Intellekt zu erwarten war:Ein Trumpf der Substanz über die Oberflächlichkeit.
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