Johannes Paul II. und die Philosophin "Mehr als Freunde, weniger als Liebhaber"

Johannes Paul II. soll eine enge Beziehung zu einer verheirateten Frau gehabt haben. Sie hat ihm offenbar gut getan.

ARTE France

Von


Wen könnte es interessieren, dass ein Geistlicher mal eine gute Freundin hatte, die vielleicht mehr war als das? Eine Menge Menschen, denn hier geht es um Johannes Paul II., den Keuschheitspapst; um einen, der Homosexuellen Enthaltsamkeit predigte, der Kondome auch für Aidskranke verdammte und selbst vergewaltigten Frauen von einer Abtreibung abriet.

Es geht um einen Pontifex, dem Ehe und Familie als göttliche Institution galten und der - für katholische Verhältnisse im Schnelldurchlauf - zum Heiligen ernannt wurde.

Ein Heiliger also, der eine "sehr intensive Freundschaft" zu einer verheirateten Mutter von drei Kindern gepflegt haben soll - so insinuiert es zumindest eine Dokumentation der BBC und des Senders Arte.

Demnach sollen Johannes Paul II. und die US-Philosophin Anna-Teresa Tymieniecka über 30 Jahre lang eine außergewöhnliche Beziehung gehabt haben, die, wenn sie den Prüfern der zuständigen Kongregation bekannt gewesen wäre, den Filmemachern zufolge eine Verzögerung bei der Heiligsprechung nach sich gezogen hätte.

Beleg für die nicht klar definierte Liaison sind knapp 350 Briefe, die der Pontifex an die in Polen geborene Intellektuelle geschrieben hat. 1973 sollen sich die beiden kennengelernt und schnell eine lebhafte Brieffreundschaft entwickelt haben. Man habe sich in Rom und in Polen getroffen, lange Gespräche und Telefonate geführt, außerdem gemeinsam Ski- und Campingurlaube verbracht.

Karol Wojtyla in seiner Zeit als Erzbischof von Krakau: "Du schreibst, dass Du ganz zerrissen bist"
REUTERS/KNA

Karol Wojtyla in seiner Zeit als Erzbischof von Krakau: "Du schreibst, dass Du ganz zerrissen bist"

Im Jahr 1976 kam der damalige Kardinal Karol Wojtyla in die Vereinigten Staaten, wo er unter anderem auf Tymienieckas Landhaus in Vermont zu Besuch war. Am 10. September, nur wenige Tage nach seiner Abreise, verfasste Wojtyla folgende Zeilen: "Du schreibst, dass Du ganz zerrissen bist, und ich habe keine Antwort auf diese Worte. Ich fühle Dich überall, in allen möglichen Situationen, ob Du nah bist oder fern. Ich weiß noch genau, wo ich war, als Du mir sagtest: 'Ich gehöre zu Dir.' Ich hatte Angst vor diesem Geschenk. Aber ich weiß nun, dass ich dieses Geschenk annehmen muss als ein Geschenk des Himmels."

Das klingt ein bisschen nach dem Grundkonflikt der Achtzigerjahre-TV-Schmonzette "Die Dornenvögel" - ist aber beileibe kein Beweis dafür, dass Johannes Paul II. Probleme mit der Einhaltung des Zölibats hatte. So sieht es auch der Autor der BBC-Dokumentation, Edward Stourton. Er betont, die beiden seien "mehr als Freunde, aber weniger als Liebhaber" gewesen. Eine knifflige Sache, angeblich für beide Seiten.

Und wie bei allen spannenden Freundschaften, soll es auch zwischen Wojtyla und Tymieniecka gekracht haben, 1978, da war er gerade zum Papst gewählt worden. Es ging um die Rechte an einem philosophischen Buch von Wojtyla, an dessen Übersetzung die Wissenschaftlerin mitgearbeitet hatte.

Tymieniecka, eine ausgewiesene Kennerin des Philosophen Edmund Husserl, war wütend, erklärte aber später durchaus selbstbewusst, sie habe dem Papst vergeben. Nach dem Attentat auf Johannes Paul II. am 13. Mai 1981 seien sich die beiden wieder näher gekommen, der letzte Brief datiert auf das Jahr 2005, wenige Monate vor dem Tod des Pontifex.

"Intellektuell und sehr emotional"

"Ihre Beziehung hat sich auf zwei Ebenen abgespielt, einer intellektuellen und einer persönlichen, sehr emotionalen", sagt der Übersetzer Eugene Kizlerk in der Dokumentation. Wojtyla und Tymieniecka seien sich auf beiden Ebenen nah gekommen, "und es war für beide sehr schwer, das auseinanderzuhalten".

Tymieniecka selbst dementierte jeden amourösen Zwischenton ihrer Freundschaft zu Wojtyla. Von dem Journalisten Carl Bernstein im Jahr 1996 befragt, ob sie in den Papst verliebt gewesen sei, sagte sie: "Nein, wieso sollte ich mich in einen mittelalten Geistlichen verlieben? Ich gelte immer noch als schöne Frau, ich habe viele schöne, junge Männer um mich herum."

Auch der Vatikan wiegelt laut "Guardian" ab. Es sei bekannt gewesen, dass der Papst gute Beziehungen zu Tymieniecka, aber auch zu anderen Frauen gehabt habe, die ihn etwa in Familienfragen beraten hätten. Auch die polnischen Nationalbibliothek winkte ab: Tymieniecka habe zum Freundeskreis des Papstes gehört, die Beziehung sei jedoch "weder vertraulich noch ungewöhnlich" gewesen, sagte ein Sprecher. Von einem "Sturm im Wasserglas" spricht der Papst-Biograf George Weigel, solche Dokumentationen würden die Wahrnehmung Johannes Paul II. nicht im Geringsten verändern.

Vielleicht aber doch, denn das Verhältnis zu der 2014 verstorbenen Tymieniecka zeigt Johannes Paul II. in einem neuen Licht. Als Traditionalist hatte sich der Papst zu Lebzeiten in Sachen Gleichberechtigung nicht gerade FreundInnen gemacht. Er sah vor allem in Maria "den erhabensten Ausdruck des Genius der Frau". Seine intellektuelle Auseinandersetzung mit einer offenbar starken Frau zeigt aber, dass er keine Angst davor hatte und den Austausch schätzte.

Auf die Frage, welchen philosophischen Einfluss sie auf Johannes Paul II. gehabt habe, soll Tymieniecka sehr unbescheiden geantwortet haben: "So wie ich es sehe, ist dieses Pontifikat von meinen Ideen geprägt." Der Papst sei, wenn nicht von ihr inspiriert, so doch mindestens "in völligem Einverständnis" mit ihr.


"Die Geheimnisse von Papst Johannes Paul II.", Dienstag, 20.15 Uhr, Arte

Mehr zum Thema


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 60 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
heini1946 15.02.2016
1. Scheinehe ?
Man habe sich in Rom und in Polen getroffen, lange Gespräche und Telefonate geführt, außerdem gemeinsam Ski- und Campingurlaube verbracht. Das kann man drehen wie man will. Für einen Priester verbieten sich solche Sachen, zumal diese Person verheiratet war mit 3 Kindern. Als ihr Ehemann hätte eine solche Zweisamkeit nicht geduldet und dem Pastor bescheid gestoßen. Wer war ihr Ehemann? Strohmann ? Von wen sind die Kinder ? Ein böser Verdacht kommt bei mir auf.
ArnoNyhm1984 15.02.2016
2. Ein Beispiel mehr für die Bigotterie der Kirche..
..Wasser predigen, Wein saufen. Moralapostel geben und die Scheidung verteufeln, aber eine Beziehung mit einer geschiedenen Frau haben. Zölibat predigen, aber sich selber nicht daran halten. -Wenn's den lieben Herrgott geben sollte, dann dürfte JPII erst mal nicht ins Paradies gekommen sein..
isegrim der erste 15.02.2016
3. Was passiert, wenn die Beziehung nicht nur platonisch war?
Das wäre eine spannende Frage? Kann die Heiligsprechung dann wieder rückgängig gemacht werden? Das hieße, JPII wieder in den Zustand unheilig versetzen?
dr. ch. bernhart 15.02.2016
4. Irrelevant
ist diese Nachricht von Bedeutung? Der Tote kann sich nicht einmal wehren
weissimmerwas 15.02.2016
5. nicht alle sind Spießer
Wenn der Pabst sein Amt ernst nimmt, dann sollte solch eine Beziehung eine Verpflichtung sein. Ein Mann kann nur dann ein vollständiger Mann sein wenn er eine angemessene Beziehung zu einer taffen Frau gestalten und "aushalten" kann. Die Weltgeschichte ist voll von außerordentlichen Beziehungen zwischen den Geschlechtern und es soll auch viele Männer geben, die einer bemerkenswerten Frau an ihrer Seite den notwendigen Spielraum geben.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.