Papst-Kreuzweg Benedikt geißelt Gentechnik als Sünde

Papst Benedikt XVI. wähnt eine Art Anti-Genesis am Werk. In seinem vorab veröffentlichten Wortlaut für den Karfreitags-Kreuzweg beklagt er außer dem Elend in der Welt auch den Verfall der Familie. Die Schuldigen hat er ausgemacht: Egoisten und Gentechniker.


Er ist eine stimmungsvolle Inszenierung – und gleichzeitig der programmatische Höhepunkt des Osterwochenendes in Rom: Beim Kreuzweg im römischen Kollosseum wird Benedikt XIV. am Abend die Leiden Christi beschwören. Bei seinem ersten Kreuzweg als Papst prangert Joseph Ratzinger Armut und Elend in der Welt an – ebenso wie die Fortschritte in der Biotechnologie. Humangenetikern wirft das Oberhaupt der katholischen Kirche gar vor, sie versuchten, "sich an Gottes Stelle zu setzen".

Zu den vierzehn Stationen des Kreuzwegs gehören im katholischen Ritus traditionell die Motive der Sünde und des Leidens Jesu für die Verfehlungen der Menschen. Symbolisch zieht der Papst bei Fackelschein jene Stationen entlang, die von dem Todesurteil durch Pontius Pilatus bis zur Grablegung des Leichnam Jesus' reichen. In Anlehnung an die überlieferten Begebenheiten verliest der Pontifex an jeder der Stationen Gebete und Meditationen.

Besonders diese Meditationen nutzen die Päpste zu aktuellen Kommentaren. Im vergangenen Jahr hatte Joseph Ratzinger, damals noch Kurienkardinal, die Texte des Kreuzwegs verfasst. Heute stammen die Betrachtungstexte aus der Feder Angelo Comastris. Der Erzbischof ist der Generalvikar des Papstes für die Vatikanstadt – ein Vertrauter Benedikts XVI. Das Büro für liturgische Feiern mit den Heiligen Vater, veröffentlichte den Wortlaut dieser Texte vorab, auch in deutscher Sprache.

Beobachter werten die Texte des Karfreitags als Ausdruck des neuen Stils Papst Benedikts XVI. - kein Kuschel-Katholizismus à la Weltjugendtag mehr.

Meditation gegen die Moderne 

Für die politische Botschaft des Pontifex sind an diesem Karfreitag jene Texte besonders aufschlussreiche, die an den Stationen drei, sieben und neun des Kreuzwegs vorgetragen werden: Dort also, wo dem Ritus entsprechend Jesus unter der Last des Kreuzes gestürzt sein soll.

An der dritten Station wird einleitend aus dem Buch Jesaja zitiert: "[Jesus] wurde durchbohrt wegen unserer Verbrechen, wegen unserer Sünden zermalmt." Es folgt eine Reflektion des Opfer Gottes als Folge der Sünden der Menschen:

"Herr, wir haben das Empfinden für die Sünde verloren! Mit heimtückischer Propaganda verbreitet sich heute eine törichte Apologie des Schlechten, ein absurder Kult Satans, ein unsinniger Wille zur Übertretung, eine verlogene und haltlose Freiheit, welche die Laune, das Laster und den Egoismus verherrlicht und sie als Errungenschaften der Zivilisation hinstellt."

Seine Auffassung von Sünde wird der Papst an der siebten Station noch konkretisieren – und Beispiele aus der Gegenwart benennen.

"Doch was ist es, das heute in besonderer Weise den heiligen Leib Christi peinigt? Sicher ist ein schmerzliches Leiden Gottes der Angriff auf die Familie. Es scheint, als gebe es heute eine Art Anti-Genesis, einen Gegen-Entwurf, einen diabolischen Hochmut, der die Familie abschaffen will."

Den kaum verklausulierten Anspielungen auf Lebens- und Gesellschaftsformen, die nicht der traditionellen Sichtweise der katholischen Kirche entsprechen, wird Benedikt XVI. Vorwürfe gegen die Biowissenschaften, insbesondere gegen die Gentechnik, anfügen:

"Der Mensch möchte die Familie neu erfinden, die Grammatik des Lebens selbst, von Gott so ersonnen und gewollt, möchte er verändern. Doch sich an Gottes Stelle zu setzen, ohne Gott zu sein, ist die dümmste Arroganz, ist das gefährlichste Abenteuer."

Immerhin findet der Pontifex einen noch schlimmeren Missstand in der Welt als die Fortschritte der Naturwissenschaften. "Wo ringt Jesus in dieser Zeit mit dem Tode", wird Benedikt XVI. an der neunten Station fragen. Die Antwort: "Die Teilung der Welt in Zonen des Wohlstands und Zonen des Elends ist die Agonie Christi heute." Tatsächlich bestehe die Welt aus zwei Zimmern: "In dem einen fürchtet man die Fettleibigkeit", in dem anderen sterbe man vor Elend. "Warum begreifen wir nicht", fragt der Papst, "dass die Armen die Therapie sind für die Reichen?"

Fußwaschung für Laien

Am Gründonnerstag hatte Benedikt die Osterfeiern mit der Weihung der heiligen Öle für Taufen und Firmung und der traditionellen Fußwaschung eröffnet.

Der Ritus, bei dem Benedikt mehreren Priestern die Füße wusch, erinnert an die Geste des Religionsstifters Jesus von Nazareth kurz vor seinem Tod am Kreuz. Jesus hat nach biblischer Überlieferung seinen Jüngern zum Zeichen der Demut die Füße gewaschen. "Jedes Werk der Güte für einen anderen, besonders für die Leidenden und diejenigen, die wenig geschätzt werden, ist ein Dienst der Fußwaschung", erklärte Benedikt. "Dazu ruft uns der Herr auf: Herabzusteigen, Demut zu lernen und den Mut zur Güte."

Wahrscheinlich mit Blick auf das kürzlich veröffentlichte so genannte "Judas Evangelium", wonach Judas kein Verräter von Jesus Christus, sondern eigentlich sein treuester Jünger gewesen sein soll, erklärte Benedikt: "Für ihn gibt es nur Macht und Erfolg, die Liebe zählt nicht." Judas sei "habgierig" und "ein Lügner" gewesen. "Er spielte ein doppeltes Spiel und brach mit der Wahrheit."

Am Ostersonntag, seinem 79. Geburtstag, spendet der Papst auf dem Petersplatz den Segen "Urbi et Orbi" (Der Stadt und dem Erdkreis).

stx/AFP/AP/dpa



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