Papst und Weltuntergangstheorien: Peter macht das Licht aus

Von Ulrich Krökel, Warschau

Messe in Warschau: Zwischen Glaube und Aberglaube Zur Großansicht
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Messe in Warschau: Zwischen Glaube und Aberglaube

Wer wird der nächste Papst? Verschwörungstheoretiker in Polen fürchten einen Afrikaner auf dem Heiligen Stuhl. Dieser könnte einer Weissagung zufolge der Vorletzte im Vatikan sein. Nach ihm kommen nur noch Papst Peter und der Weltuntergang.

Für Polens Kirchenführer ist ein Papst aus Schwarzafrika längst keine exotische Vorstellung mehr. "Ich schließe das keineswegs aus", sagt der Metropolit von Warschau, Kazimierz Nycz. Er ist beim Konklave in Rom stimmberechtigt. Was der Kardinal diplomatisch formuliert, kommentieren Polens Medien offen: "Die gehandelten Kandidaten aus Afrika sind sehr nah am Geist unseres Katholizismus", analysiert die Zeitung "Gazeta Wyborcza" und erläutert unter Verweis auf den legendären polnischen Papst Johannes Paul II.: "Das ist ein Katholizismus des Gefühls, nicht des Verstandes." Mit anderen Worten: Lieber ein vermeintlich emotionaler Ghanaer wie Peter Turkson als ein Theologieprofessor aus Deutschland wie Joseph Ratzinger.

Gefühle ganz anderer Art löst die Vorstellung eines afrikanischen Papstes allerdings in Teilen der polnischen Bevölkerung aus. Bei manchen Gläubigen - und mehr noch bei Abergläubigen - wächst dieser Tage die Angst vor dem Weltuntergang. Es gebe eine zunehmende Sorge, dass die Wahl eines dunkelhäutigen Pontifex auf die ultimative Katastrophe hindeuten könne, schrieb die Zeitung "Polska" schon bald nach dem Rücktritt Benedikts XVI. und erklärte: "Die Anhänger dieser Theorie berufen sich auf die Prophezeiungen des heiligen Malachias. Sie bestehen aus 112 Versen, in denen er die Abfolge der Kirchenführer bis zum Ende der Welt beschreibt."

Nach diesen Weissagungen leitet ein Papst mit der Hautfarbe einer dunklen Olive das apokalyptische Ende ein. Im Verständnis (aber)gläubiger Deuter ist damit ein Afrikaner gemeint. Immerhin gewährt Malachias der Welt eine Gnadenfrist. Auf den Oliven-Pontifex folgt als letzter Papst noch Peter der Römer. Dann aber werde "der schreckliche Richter sein Urteil über das Volk fällen. Ende."

Wissenschaftler streiten seit langem über die Echtheit der Malachias-Verse. Spätere Fälschungen, die der Prophezeiung zu mehr Glaubwürdigkeit verhelfen sollten, wurden nachgewiesen. Malachias, irischer Mönch und späterer Erzbischof von Amargh soll im 12. Jahrhundert gelebt haben. Tatsächlich wurden die Sprüche von jemand anderem verfasst und um 500 Jahre zurückdatiert.

Polens Verschwörungstheoretiker stören sich an derartigen Feinheiten allerdings nicht. In der berühmten Galerie mit Papstporträts gebe es nur noch Platz für das Gemälde Benedikts XVI., verbreiten sie im Internet. Kann das Zufall sein? Tatsächlich wurden unter Johannes Paul II. in der Basilka St. Paul für die Päpste der Zukunft bereits leere Rahmen aufgehängt.

Doch damit nicht genug. Wo der Weltuntergang nah ist, ist auch Nostradamus nicht fern. Das Warschauer Boulevardblatt "Fakt" verweist auf eine Weissagung des legendären französischen Astrologen des 16. Jahrhunderts. Letzter Papst werde ein Mann "mit olivenfarbener Haut", zitiert die Zeitung den Hellseher. Andere polnische Nostradamus-Deuter behaupten mit einem Augenzwinkern, der Franzose habe für das Pontifikat Benedikts XVI. den Dritten Weltkrieg prophezeit. Der Deutsche wiederum habe die Kriegsschuld nicht schon wieder auf sein Heimatland laden wollen und sei deshalb zurückgetreten.

Der Satan spaziert durch die Reihen der Kardinäle

Bierernst nehmen die meisten Polen, die für ihren feinen Humor bekannt sind, die apokalyptischen Szenarien ohnehin nicht. Die große Mehrheit der Kommentare im Netz zeugt von ironischer Vorfreude auf einen schwarzafrikanischen Papst und zur Not auch auf den Weltuntergang.

So sorgt sich Nutzerin "Aga" um den Ruf des Heiligen Geistes, der schließlich beim Konklave das letzte Wort habe und somit auch für die Wahl eines Afrikaners verantwortlich sei. Ewa Pfeifer fragt: "Was sagt Malachias über die Zukunft unserer Renten - sind die sicher?" Maria Pawlik bezieht sich auf einen Satz aus den berühmten "Drei Geheimnissen von Fatima", in denen es heiße, vor dem Ende der Welt werde "der Satan durch die Reihen der Kardinäle spazieren". Pawlik: "Da wandelt er doch schon lange."

Die ketzerischen Kommentare zeugen davon, dass die Menschen in Polen, dem katholischsten Land Europas mit statistisch 94 Prozent Gläubigen, den Umgang mit Verschwörungstheorien aller Art immer besser lernen. Verwundern kann das nicht. Seit fast drei Jahren sorgen Thesen für Aufruhr, der polnische Präsident Lech Kaczynski sei 2010 in Smolensk nicht bei einem Flugzeugunglück ums Leben gekommen, sondern einem Mordanschlag zum Opfer gefallen.

Den wahren Künstlern unter Polens Verschwörungstheoretikern ist es nun sogar gelungen, die Katastrophe von Smolensk und die bevorstehende Apokalypse in einen Zusammenhang zu bringen. In der biblischen Offenbarung des Johannes spiele bekanntlich die Zahl 666 eine herausgehobene Rolle, erklären sie. Die Kaczynski-Maschine aber habe exakt in der Höhe von 6,66 Meter mit der Tragfläche eine Birke gestreift und sei abgestürzt. Das kann doch kein Zufall sein.

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