Papst überrascht die Welt: Rücktritt aus heiterem Himmel

Benedikt XVI. tritt zurück - Vatikan und Welt sind völlig überrascht. Joseph Ratzinger verkündet, dass er am 28. Februar sein Amt niederlegen werde. Die Kirche plant schon das Konklave zur Neuwahl: Bereits zu Ostern soll es den 266. Pontifex der Geschichte geben.

REUTERS

Rom - Um 11.46 Uhr macht Benedikt XVI. Geschichte: "Nachdem ich wiederholt mein Gewissen vor Gott geprüft habe, bin ich zur Gewissheit gelangt, dass meine Kräfte infolge des vorgerückten Alters nicht mehr geeignet sind, um in angemessener Weise den Petrusdienst auszuüben." Mit diesen Worten erklärte der Papst seinen Rücktritt - ein kaum je da gewesener Vorgang in der bewegten Historie der katholischen Kirche.

Anlässlich einer Ratssitzung zur Heiligsprechung der Märtyrer von Otranto verkündete der 85-Jährige die Entscheidung, von seinem Amt zurückzutreten - in lateinischer Sprache. Lange habe er mit sich und seinem Gewissen gerungen, teilte der Pontifex seinen überraschten Zuhörern mit. Doch er spüre die Last der Aufgabe zu sehr. Mit konkreten, offenbar unabänderlichen Folgen: Am 28. Februar um genau 20 Uhr soll die Amtszeit des 1927 in Marktl am Inn geborenen Joseph Ratzinger enden.

Fotostrecke

33  Bilder
Papst-Rücktritt: Von Joseph Ratzinger zu Benedikt XVI.
Die Welt verändere sich schnell und werde "durch Fragen, die für das Leben des Glaubens von großer Bedeutung sind, hin- und hergeworfen". Um trotzdem "das Schifflein Petri zu steuern und das Evangelium zu verkünden", brauche man körperliche und geistige Kraft, so der Papst in seiner Erklärung. Die jedoch habe in den vergangenen Monaten derart abgenommen, "dass ich mein Unvermögen erkennen muss, den mir anvertrauten Dienst weiter gut auszuführen".

Es ist ein amtsmüder Papst, der da seinen Rücktritt verkündet. Dies bestätigte auch sein Bruder Georg Ratzinger, der die angeschlagene Gesundheit von Benedikt XVI. als Grund nannte. "Das Alter drückt", sagte der 89-Jährige, der seit Monaten von den Plänen seines Bruders gewusst hat. Der Rücktritt sei ein "natürlicher Vorgang": "Mein Bruder wünscht sich im Alter mehr Ruhe."

Benedikt, der seit 2005 im Amt ist, hatte bereits vor einiger Zeit deutlich gemacht, dass er es sich durchaus vorstellen könne, aus Gesundheitsgründen das Pontifikat abzugeben. "Er wollte uns das mitleidslose und unmenschliche Spektakel ersparen, dem wir bei Papst Johannes Paul II. beigewohnt haben", sagte der Wissenschaftsphilosoph Marcello Pera, ein langjähriger Freund des deutschen Pontifex und Mitglied der Berlusconi-Partei Popolo della Libertà (PdL).

Nur wenige Vertraute des Papstes waren offenbar im Vorfeld informiert. Für die meisten kam der Rücktritt wie ein Paukenschlag: Der Kardinaldekan der katholischen Kirche, Angelo Sodano, nannte die Ankündigung einen "Blitz aus heiterem Himmel". "Ich bin sehr erschüttert", sagte Ministerpräsident Mario Monti am Rande einer Tagung in Mailand. Laut eigener Aussage hat er nichts von den Absichten des Papstes gewusst.

"Die Nachricht hat historischen Charakter", stellte der Spitzenkandidat des Mitte-Links-Bündnisses für die Parlamentswahl 2013, Pier Luigi Bersani von der Demokratischen Partei (PD), zu Recht fest. Laut Kirchenrecht darf ein Papst "zurücktreten", wenn er dafür stichhaltige Motive hat.

In der Geschichte der katholischen Kirche gab es nur einmal eine vergleichbare Situation, als Coelestin V. 1294 nach nur viermonatiger Amtszeit freiwillig und ohne äußeren Druck zurücktrat. "Ratzinger ist ein großer Theologe", sagte Bersani dem Sender Radio Montecarlo. Der Politiker will den Rücktritt nicht als Zeichen von Schwäche, sondern eine Geste von etwas Neuem, in die Zukunft Gerichtetem verstanden wissen.

Zitate von Benedikt XVI.

Zitate starten: Klicken Sie auf den Pfeil

Regierungssprecher Steffen Seibert sagte: "Als Christ und zumal als Katholik reagiert man mit Bewegung und mit Betroffenheit darauf. Die Bundesregierung hat den allerhöchsten Respekt für den Heiligen Vater, für seine Leistung, für seine Lebensleistung für die katholische Kirche." Ratzinger habe "seine ganz persönliche Handschrift als Denker an der Spitze dieser Kirche und auch als Hirte eingebracht".

Benedikts Entscheidung kommt nach einem für die katholische Kirche besonders skandalträchtigen Jahr, in dem im Rahmen der sogenannten Vatileaks-Affäre vertrauliche Dokumente aus dem Vatikan in die Öffentlichkeit gelangten. Bereits 2010 sagt Benedikt XVI. in Peter Seewalds Interviewbuch "Licht der Welt", es sei für einen Papst "eine Pflicht" zurückzutreten, wenn er seine Ämter nicht mehr bewältigen könne: "Wenn ein Papst zur klaren Erkenntnis kommt, dass er physisch, psychisch und geistig den Auftrag seines Amtes nicht mehr bewältigen kann, dann hat er ein Recht und unter Umständen auch die Pflicht zurückzutreten."

Vatikansprecher Federico Lombardi erklärte, Ratzinger werde sich nach seinem Rücktritt auf sein Anwesen in Castel Gandolfo zurückziehen. Ein Nachfolger solle bis Ostern feststehen. "Wir sollten Ostern einen neuen Papst haben", sagte Lombardi. Das Konklave zur Wahl des neuen Kirchenoberhaupts könne 15 bis 20 Tage nach dem Rücktritt beginnen.

Der 85-jährige Ratzinger war im April 2005 zum 265. Papst gewählt worden. Zuvor war er Präfekt der Glaubenskongregation. In Zukunft will der Geistliche laut eigenen Worten "der Heiligen Kirche Gottes mit ganzem Herzen durch ein Leben im Gebet dienen".

Benedikt XVI. nahm betont demütig seinen Hut: Er bedankte sich bei seinen Mitbrüdern "von ganzem Herzen für alle Liebe und Arbeit, womit ihr mit mir die Last meines Amtes getragen habt". Und bat um Verzeihung für "alle meine Fehler".

Noch vor 24 Stunden hieß es auf dem Twitter-Account von Benedikt XVI.: "Wir müssen auf Gottes Barmherzigkeit vertrauen. Wir sind alle Sünder, aber seine Gnade verwandelt uns und schafft uns neu."

ala/dpa/AFP

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 123 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. keine Überraschung
tester12 11.02.2013
SPOn titelt "Rücktritt aus heiterem Himmel". Das verstehe ich nicht. Merkel hat ihm doch das vollste Vertrauen ausgesprochen. Da muss man sich nicht wundern, dass er zurücktritt ;-)
2. Respekt!
schalkefan 11.02.2013
Vor Merkel zittern alle...
3. Big Boss
seltenwichtig 11.02.2013
Zitat von sysopBenedikt XVI. tritt zurück - Vatikan und Welt sind völlig überrascht. Joseph Ratzinger verkündet, dass er am 28. Februar sein Amt niederlegen werde. Die Kirche plant schon das Konklave zur Neuwahl: Bereits zu Ostern soll es den 266. Pontifex der Geschichte geben. Papst-Rücktritt: Benedikt XVI. legt sein Amt am 28. Februar nieder - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/papst-ruecktritt-benedikt-xvi-legt-sein-amt-am-28-februar-nieder-a-882629.html)
So ist das eben, wenn man vom Big Boss zum Rücktritt gezwungen wird. Es ist ja auch höchste Zeit, dass ER die Geschäftsführung wieder selbst übernimmt.
4. Hut ab
HunnyBunny71 11.02.2013
Bin zwar aus der römisch-katholischen Kirche ausgetreten (also exkommuniziert nach dem Glaubensverständnis) vor fast 20 Jahren schon, weil mir trotz meines Glaubens (der immer noch da ist), das Bild der Kirche bez. Frauen u. a. einfach nicht zusagt, aber Hut ab, Ratzinger ist und war immer straight in seinem Weg. Daran sollten sich einige ein Vorbild nehmen!
5. The show must go on
rieberger 11.02.2013
Zitat von sysopBenedikt XVI. tritt zurück - Vatikan und Welt sind völlig überrascht. Joseph Ratzinger verkündet, dass er am 28. Februar sein Amt niederlegen werde. Die Kirche plant schon das Konklave zur Neuwahl: Bereits zu Ostern soll es den 266. Pontifex der Geschichte geben. Papst-Rücktritt: Benedikt XVI. legt sein Amt am 28. Februar nieder - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/papst-ruecktritt-benedikt-xvi-legt-sein-amt-am-28-februar-nieder-a-882629.html)
Ein alter Mann tritt vernünftigerweise zurück. Andere alte Männer warten auf den freiwerdenden Posten.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Panorama
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Gesellschaft
RSS
alles zum Thema Papst Benedikt XVI.
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 123 Kommentare

Twitter zu #Papst #Benedikt