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Papst-Schreiben zum Missbrauchskandal: Brief der Schande

Von , London

Der Papst schreibt von Reue, von Schande und entschuldigt sich bei den Opfern - doch das reicht vielen Iren nicht: Sie kritisieren Benedikts Hirtenbrief zum Missbrauchsskandal als Versuch der Vertuschung. Pop-Sängerin Sinead O'Connor wirft dem Vatikan vor, er wolle sich aus der Affäre ziehen.

London - Die Reaktionen auf den Hirtenbrief des Papstes an die irischen Katholiken hätten kaum unterschiedlicher ausfallen können. Während der Vorsitzende der irischen Bischofskonferenz, Kardinal Sean Brady, von einem "historischen Tag" sprach, zeigten sich die Vertreter der Missbrauchsopfer mehrheitlich enttäuscht. Die Kirche wolle sich mit dem inhaltsleeren Brief bloß Zeit erkaufen, kritisierte der Dubliner Andrew Madden, der 1995 als eines der ersten Opfer die Kirche verklagt hatte.

Die irische Sängerin Sinéad O'Connor, seit langem eine scharfe Vatikan-Kritikerin, sagte SPIEGEL ONLINE, der Brief sei "eine Studie in der hohen Kunst des Lügens". Der Papst schiebe alle Schuld auf die Bischöfe ab, dabei sei die Verschleierung des Kindesmissbrauchs in Irland auf direkte Anordnung aus Rom erfolgt. Der Brief sei die "Vertuschung der Vertuschung", schimpfte O'Connor.

Benedikt XVI. äußerte sich in dem Hirtenbrief, der am Samstagmittag veröffentlicht wurde, zum ersten Mal schriftlich zum Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche. Er bedauerte den sexuellen Missbrauch von Minderjährigen und drückte an die Opfer und ihre Familien gewandt "im Namen der Kirche offen die Schande und die Reue aus, die wir alle fühlen".

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Päpstlicher Hirtenbrief: Entschuldigung an die Iren
Damit reagierte er mit viermonatiger Verspätung auf den Bericht der irischen Murphy-Kommission, die im November die jahrzehntelange, systematische Vertuschung von Kindesmissbrauch in der Erzdiözese Dublin festgestellt hatte.

Der Pontifex aus Rom warf den irischen Bischöfen "schwere Urteilsfehler" vor und entschuldigte sich bei den Opfern des Missbrauchs. Auf die zahlreichen Missbrauchsfälle in anderen Ländern, darunter auch Deutschland, ging er nicht explizit ein.

Sinéad O'Connor: "Wir Iren sind nicht blöd"

Die irischen Opfervertreter bemängelten, dass der Papst kein Wort der Selbstkritik geübt habe. Schließlich hatte der Vatikan bei der Vertuschung des Kindesmissbrauchs selbst eine unrühmliche Rolle gespielt - der päpstliche Gesandte in Dublin wurde sogar im Murphy-Bericht persönlich gerügt. Der Brief bleibe weit hinter den Erwartungen der Opfer zurück, sagte Maeve Lewis von der Opfergruppe "One in Four". "Nichts weist darauf hin, dass es eine neue Vision von Führung in der Kirche gibt."

Missbrauchsopfer Madden, der seit langem den Rücktritt des irischen Kardinals Brady und des Papstes fordert, sagte, der Brief ändere gar nichts. Er brauche keinen Hirtenbrief, um ihm zu erklären, dass Kindesmissbrauch Sünde sei. Der Papst habe sich für den Missbrauch entschuldigt, aber nicht für die Vertuschung durch die Kirchenführung. Das sei es jedoch, wofür der Papst sich entschuldigen sollte.

Die irischen Bischöfe hingegen lobten den Brief in den höchsten Tönen für seine Klarheit. Mit Einigkeit und gemeinsamem Gebet könne für die Kirche nun eine "Zeit der Wiederauferstehung" anbrechen, sagte Kardinal Brady. Der Papst habe das Versagen der Kirchenführung im Umgang mit den "sündhaften und kriminellen Handlungen" anerkannt, sagte der Dubliner Erzbischof Diarmuid Martin, der führende Reformer auf der Insel. Die deutsche Bischofskonferenz erklärte, die Mahnung an die irischen Bischöfe sei "auch eine Mahnung an uns". Nun brauche man "lückenlose Aufklärung".

Auch einzelne Opfervertreter begrüßten die Geste des Papstes, doch den meisten reichte die Entschuldigung nicht aus. Der Brief sei ein durchsichtiger Versuch des Vatikans, sich aus der Affäre zu ziehen, sagte Sängerin O'Connor, die sich selbst als gläubig bezeichnet: "Wir Iren sind nicht blöd."

Wie weiter in Irland?

Der Hirtenbrief wurde als viel zu vage kritisiert. Opfervertreter zeigten sich enttäuscht, dass der Papst kein Wort zu möglichen Rücktritten verlor. Drei der vier Rücktritte irischer Bischöfe habe Benedikt XVI. noch nicht angenommen, sagte Madden. Auch die Rücktrittsforderungen an Kardinal Brady ignorierte der Papst. Vor einer Woche war herausgekommen, dass Brady 1975 als protokollierender Priester dabei war, als zwei missbrauchte Kinder zu einem Schweigegelübde gezwungen wurden. Doch vor einem Machtwort scheute Benedikt XVI. zurück.

Vor allem ließ der Brief die Frage offen, was nun weiter in Irland geschehen wird. Der Papst kündigte an, Inspektoren aus Rom auf die Insel zu entsenden, die den "Prozess der Erneuerung" überwachen sollen. Die irischen Bischöfe hatten sich bereits darauf verständigt, den Umgang mit Missbrauchsfällen in allen 24 bisher nicht untersuchten Diözesen unter die Lupe zu nehmen. Die Ergebnisse sollen allerdings erst in zwei Jahren vorliegen - zu spät, finden Kritiker.

Nach jahrzehntelanger Vertuschung trauen die wenigsten Iren der Kirche die Aufklärung ihrer Vergangenheit zu. Längst gibt es Forderungen nach einer staatlichen Untersuchung aller kirchlichen Akten. Die unabhängige Katholikenzeitung "Irish Catholic" empfiehlt den Bischöfen, alle schmutzigen Geheimnisse ihrer Diözesen von sich aus offenzulegen statt auf die nächsten Enthüllungen durch die Medien zu warten.

Der Hirtenbrief des Papstes sei zu begrüßen, sagte Garry O'Sullivan, Chefredakteur des "Irish Catholic". Der Name des Papstes habe immer noch Gewicht auf der Insel. Doch der bisherige Umgang der Kirche mit dem Skandal sei "absolut erbärmlich", so O'Sullivan. Wenn die Bischöfe die Aufklärung nicht deutlich beschleunigten, verlören sie auch noch den letzten Rest ihrer Glaubwürdigkeit. Sie täten es nicht, weil sie noch immer etwas zu verbergen hätten. O'Sullivan: "Wir haben noch nicht alles gesehen."

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Forum - Missbrauchskandal - richtige Reaktion des Papstes?
insgesamt 1680 Beiträge
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1. nein
Klo, 20.03.2010
Zitat von sysopIn seinem Hirtenbrief entschuldigt sich Benedikt XVI. bei den irischen Opfern sexueller Gewalt, schweigt aber zu den deutschen Fällen. Ist die Reaktion des Papstes angemessen?
Sie ist eindeutig nicht angemessen, denn sie enthält keinen einzigen Lösungsvorschlag. Faktisch handelt es sich um nichts anderes, als um eine Art Mitleidsbekundung an geschändete irische Kinder. Die pfeifen vermutlich aber auf diese Art der Anteilnahme. Es hilft ihnen auch nicht weiter. Das Klo.
2. Angemessen wäre eine Reform
tancarino, 20.03.2010
Wer hatte etwas anderes erwartet als den Versuch, den eigenen Laden über die Runden zu retten?
3. nein
Klo, 20.03.2010
Zitat von sysopIn seinem Hirtenbrief entschuldigt sich Benedikt XVI. bei den irischen Opfern sexueller Gewalt, schweigt aber zu den deutschen Fällen. Ist die Reaktion des Papstes angemessen?
Hat Ratzinger eigentlich schon etwas zu den Vorwürfen an ihn selbst gesagt? Offenbar ist jetzt amtlich, dass das Bistum Essen den Herrn Ratzinger in München umfassend über die Verbrechen des Priesters H. informiert hat. Und trotzdem hat der den Fall weiter verschleiert, die Staatsanwaltschaft nicht informiert, ja gar den Päderasten weiter im Dienst mit Kindern beschäftigt. Ratzinger hat dem Kinderschänder damit eine Art Zugangsgarantie zu Kindermaterial verschafft. Wenn das kein Grund ist für einen sofortigen Rücktritt? Wegen was ist gerade nochmal die evangelische Bischöfin zurückgetreten? Das Klo.
4. So war es zu vermuten
granzert 20.03.2010
Der Papst hat sich so in seinem Brief geäussert, wie es doch zu vermuten war. Ein bisschen Bedauern gegenüber den Opfern, ein paar Versprechungen zur Aufklärung beizutragen, eine Aufforderung der Justiz behilflich zu sein und ein bisschen Bla-Bla in blumiger Sprache verpackt. Hat jemand etwas Anderes erwartet? Ach ja und eine Drohung kommt gleich dazu: Er will die leidgeprüften Iren auch noch besuchen. Wie heisst es doch in einem guten, alten Sprichwort: Ein Unglück kommt selten allein. Dass er sich zur Lage in Deutschland nicht äussern konnte, war auch vorherzusehen. Verdächtige müssen keine Angaben machen..... In diesem Sinne Granzert
5.
juggs 20.03.2010
Haha, jetzt geht es der Kirche an den Kragen. Mir war es "fast" mein Lebenlang klar, das dieses Hausgemachte Problem exestiert. Ich denke mal, es ist jedem klar. Wurde ja immer totgeschwiegen, warum nicht so weitermachen?! Die Kirche könnte ja als "WiederGutmachung" ein bisschen von ihrem Besitz spenden. Erstens an die Opfer, und dann mal bissl an die sogenannte "3te Welt"
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