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Papst-Treffen mit Missbrauchsopfern: "Eine bedeutungslose Geste"

Aus Erfurt berichtet

"Ratzinger ist ein Kinderschänderschützer" stand auf einem Transparent: Vor der Messe auf dem Domplatz in Erfurt demonstrierten Kritiker gegen den Papst. Benedikts geheimes Treffen mit Missbrauchs-Opfern ist für sie bedeutungslos.

Der Papst in Erfurt: Proteste vor der Messe Zur Großansicht
Getty Images

Der Papst in Erfurt: Proteste vor der Messe

4 Uhr morgens in Erfurt. Justyna und Kamila stöckeln in der Finsternis über das holprige Kopfsteinpflaster. Sie wollen ganz vorne stehen, wenn Papst Benedikt auf dem Domplatz die Heilige Messe zelebriert. Sie sind am Abend zuvor in Dresden gestartet. Beide tragen ein Kreuz um den Hals, Justyna ein kleines silbernes, Kamila eines aus bunten Strasssteinchen.

Sie sind nicht die ersten. Längst wächst die Menschentraube stetig an, die Ordner, die seit 22 Uhr am Abend zuvor Posten bezogen haben, öffnen gegen 4.45 Uhr die Absperrungen. Kurz nach 7 Uhr werden die meisten Eingänge wieder geschlossen.

Unter den Wartenden dominiert ein Thema: Der Papst hat am Abend zuvor Menschen getroffen, die von Priestern und kirchlichen Mitarbeitern sexuell missbraucht wurden, und Helfer, die diese Opfer betreuen. Er ist eben doch ein Aufklärer, der Heilige Vater, und kein Vertuscher.

"Bewegt und erschüttert von der Not der Missbrauchsopfer hat der Heilige Vater sein tiefes Mitgefühl und Bedauern bekundet für alles, was ihnen und ihren Familien angetan wurde", heißt es in einer Stellungnahme des Vatikans. Er habe den Betroffenen versichert, "dass den Verantwortlichen in der Kirche an der Aufarbeitung aller Missbrauchsdelikte gelegen ist und sie darum bemüht sind, wirksame Maßnahmen zum Schutz von Kindern und Jugendlichen zu fördern".

Eine symbolische Geste des Papstes, mit der zu rechnen war, auch wenn sie nicht auf dem offiziellen Programm seiner Deutschlandreise stand. Dass die Begegnung allerdings nach der Marianischen Vesper in Etzelsbach mit etwa 90.000 Pilgern und zu solch vorgerückter Stunde stattfinden würde, damit hatte niemand gerechnet. Benedikt XVI. empfing die fünf Opfer und ihre Helfer im Erfurter Priesterseminar, in dem er übernachtete.

Wenige Minuten zuvor hatte sich ein Demonstrationszug aufgelöst. Mehr als 500 Kritiker waren durch die Straßen Erfurts marschiert, um gegen den Papst und seine Visite in Deutschland zu protestieren - ihr Hauptanklagepunkt war eben jener jahrzehntelange Missbrauch von Kindern in kirchlichen und anderen Einrichtungen. Ein Skandal, den die Bistümer seither versuchen, aufzuarbeiten.

"Joseph Ratzinger ist ein Kinderschänderschützer" stand auf einem Transparent, "Wo bleibt die lückenlose Aufklärung?" auf einem anderen. Mehrere Redner forderten eine angemessene finanzielle Entschädigung für die Opfer.

Nach dem Treffen mit dem Kirchenoberhaupt würden sich eine Handvoll misshandelter Personen für eine Weile besser fühlen, sagte Emmanuel Henckens von der internationalen Opfer-Organisation Snap ("Survivors Network of those Abused By Priests", Netzwerk der Überlebenden des Missbrauchs durch Priester). "Aber das Treffen mit dem Papst wird nichts daran ändern, dass Priester endlich aufhören Kinder zu belästigen oder Bischöfe davon abhalten Verbrechen zu vertuschen." Das Treffen sei eine "doch letztlich bedeutungslose Geste eines Mannes, der sehr leicht Kinder schützen könnte, aber sich weigert, dies zu tun". Snap haben sich nach eigenen Angaben 12.000 Missbrauchsopfer angeschlossen.

Es war nicht das erste Mal, dass der Papst Missbrauchsopfer traf. Bereits in den USA und bei seinem Besuch in Malta kam es zu einer Aussprache, allerdings nie vor laufender Kamera. Bei einem Besuch in Großbritannien hatte sich Benedikt XVI. vergangenes Jahr bei den Opfern entschuldigt und betont, pädophile Geistliche hätten Schande und Erniedrigung über die katholische Kirche gebracht.

Die Kirche werde an ihrem Schweigen scheitern, prophezeit André, einer der Demonstranten. "Diese verlogene Doppelmoral und diese elende Scheinheiligkeit werden sie ausrotten. Das sind doch keine Einzeltäter, sondern Mitglieder eines geschlossenen Systems." Die verstaubte Sexualmoral habe zudem Steinzeitcharakter, damit könne man doch keine Jugend begeistern - und erst recht keine neuen jungen Priester akquirieren.

"Quo vadis Benedikt?"

Der sexuelle Missbrauch war nur einer von vielen Kritikpunkten, die "Heidenspaß statt Höllenangst", ein Bündnis aus mehreren Organisationen, dem Papst und der katholischen Kirche vorwarf. Außerdem auf der Agenda: Diskriminierung und Verfolgung von Homosexuellen und die Ungleichbehandlung von Frauen. Der "weltgrößte Männerbund" propagiere ein patriarchales und sexistisches Familienkonzept, das Frauen auf "willige Gebärmaschinen" reduziere, riefen wütende Demonstranten heiser in die Mikrofone.

Annett, ihr T-Shirt mit papstfeindlichen Parolen verziert, einen Strauß Kondome in der Hand, echauffiert sich: "Wie diese Katholiken uns in der Welt sehen, wie sie über uns, uneheliche Kinder und Homosexuelle reden, das kann man denen doch nicht durchgehen lassen." Unter den Protestlern waren auch Mitarbeiter der Linksfraktion im Thüringischen Landtag sowie Thüringens DGB-Chefin Renate Licht.

Die enge Bindung zur umstrittenen Piusbruderschaft und die Aufhebung der Exkommunizierung einiger Bischöfe, denen Antisemitismus und Leugnen des Holocausts vorgeworfen werde, wurden ebenfalls angeprangert.

"Quo vadis Benedikt?", rief eine Demonstrantin in die Menge und schob die Antwort prompt hinterher: "Er biegt in einer scharfen Kurve nach rechts ab, direkt zurück in die Vergangenheit und in den braunen Sumpf."

Der Protestzug, die meisten Teilnehmer waren unter 40, bahnte sich den Weg vom Hauptbahnhof in die Altstadt. Er erinnerte an eine Gothic-Veranstaltung, viele trugen schwarze Kleidung, bodenlange Ledermäntel, die Haare schwarz eingefärbt und eine Sonnebrille. Einige hatten sich als Pfarrer verkleidet, andere balancierten aufgeblasene Kondome vor sich her, in der Hand oder auf dem Kopf eine Botschaft für den Heiligen Vater aus Pappe. Einige von ihnen waren bereits mit 6000 weiteren Gegnern in Berlin auf die Straße gegangen.

"Man muss als Christ Geduld haben"

"Ratzinger - aus der Traum! Auch du liegst bald im Kofferraum!", skandierten sie. Die Sprechchöre hallten die Plattenbauten hinauf und lockten Neugierige auf die Balkone, die winkten und zustimmend nickten.

An Justyna und Kamila, den beiden Frauen aus Dresden, prallt die Kritik ab, sie halten bedingungslos zu ihrem Papst. "Man muss als Christ Geduld haben", sagt Kamila, "die Kirche denkt nun mal in Jahrhundertschritten, und dafür sind wir schon recht weit gekommen." Und die Rolle der Frau? "Die Männer in der Kirche sind Machos", sagt Justyna und kichert. "Sie sind Stellvertreter Christi, das gefällt ihnen. Männer wollen immer stark sein."

Während sich die Cousinen nach vorne drängeln, formieren sich erneut Papstgegner in Erfurt, dieses Mal am Anger, dem zentralen Platz der Landeshauptstadt. Bei ohrenbetäubender Musik aus knarzenden Lautsprecherboxen bilden sie zeitgleich zur Heiligen Messe eine "religionsfreie Zone", doch nur wenige finden sich zu dieser unchristlichen Zeit auf den Bierbänken ein.

Justyna und Kamila bekommen auch von diesem Protest nichts mit. Die beiden 21-Jährigen stammen aus Alwernia, einem Städtchen nicht weit entfernt von Wadowice, dem Geburtstort von Papst Johannes Paul II. Für ihre Familien, denen sie jeden Monat Geld schicken, machen sie Fotos mit ihren Handys, sie sind aufgeregt. Ihr Traum ist es, dem Papst die Hand geben zu dürfen. "Dann bist du unsterblich", sagt Justyna. "Du musst nur fest daran glauben."

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 334 Beiträge
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1. Hmm..
Atomkrafteimer 24.09.2011
Wirklich beurteilen, ob die Kirche oder der Papst mit den Missbrauchsfällen richtig umgeht, können nur die Opfer. Von daher sollte entscheidend sein, was die dazu zu sagen haben und nicht irgendwelche Demonstranten. Wovon ich im übrigen immer mehr und mehr glaube, dass es sich langsam zum Berufszweig entwickelt. Vor allem hirnverbrannte Aussagen wie "Ratzinger - aus der Traum! Auch du liegst bald im Kofferraum!" sind völlig unnötig und sind einer Aufarbeitung dieser Schandtaten nicht wirklich zweckdienlich - möglicherweise auch nicht im Sinne der Opfer.
2. Kirche
rentnerin 24.09.2011
Es war auch nichts anderes zu erwarten vor allem von diesem Papst. Schöne Worte heucheln aber in der Sache knallhart hintenrum die vermeintlichen Interessen der Amtskirche zu halten. Der alte Mann ist nun einmal ein Reaktionär und sieht nur eines nämlich eine geschlossene Amtskirche mit einer glatten Oberfläche unter der alles verborgen wird. Das wahre Leben will und kann diese Kirche nicht verstehen nur ihr Interesse. Jesus predigte das Himmelreich und gekommen ist eine höchst irdische Kirche deren Interessse woanders liegt.
3. ohne Titel
holk1ng 24.09.2011
Zitat von AtomkrafteimerWirklich beurteilen, ob die Kirche oder der Papst mit den Missbrauchsfällen richtig umgeht, können nur die Opfer. Von daher sollte entscheidend sein, was die dazu zu sagen haben und nicht irgendwelche Demonstranten. Wovon ich im übrigen immer mehr und mehr glaube, dass es sich langsam zum Berufszweig entwickelt. Vor allem hirnverbrannte Aussagen wie "Ratzinger - aus der Traum! Auch du liegst bald im Kofferraum!" sind völlig unnötig und sind einer Aufarbeitung dieser Schandtaten nicht wirklich zweckdienlich - möglicherweise auch nicht im Sinne der Opfer.
Das glaube ich auch. Hat man als normaler Mensch nicht eigentlich Beruf, Ausbildung, Studium und daneben auch Hobbys, Sport, einen Freundeskreis oder eine Beziehung, Familie, Kinder, eben ein Leben, dass man mit anderen sinnstiftenden Dingen bereichern kann außer ständigem, dem Kontext selten gerecht werdenden DEMONSTRIEREN?!
4. Keineswegs.
Meskiagkasher 24.09.2011
Zitat von AtomkrafteimerWirklich beurteilen, ob die Kirche oder der Papst mit den Missbrauchsfällen richtig umgeht, können nur die Opfer. Von daher sollte entscheidend sein, was die dazu zu sagen haben und nicht irgendwelche Demonstranten. Wovon ich im übrigen immer mehr und mehr glaube, dass es sich langsam zum Berufszweig entwickelt. Vor allem hirnverbrannte Aussagen wie "Ratzinger - aus der Traum! Auch du liegst bald im Kofferraum!" sind völlig unnötig und sind einer Aufarbeitung dieser Schandtaten nicht wirklich zweckdienlich - möglicherweise auch nicht im Sinne der Opfer.
Haben wir je gesehen, dass der Papst die Täter aus seiner Kirche entfernt und der Justiz des jeweiligen Landes übergeben hat? Man muss keines der Opfer sein, um zu sehen dass sein Festhalten an seinem Personal trotz derer Verbrechen kein richtiger Umgang mit den Missbrauchsfällen ist. Oder wie?
5. Kirche?
drollo, 24.09.2011
Es ist immer wieder erstaunlich, wie sich gerade Deutsche über Themen echauffieren, die sie gar nicht betreffen (müssen). Niemand *muss* die katholische Kirche gut finden, niemand *muss* dort dabei sein. Jeder kann austreten, bzw. gar nicht erst eintreten, ohne dass er Konsequenzen zu fürchten hat. Ganz einfach, aber es hilft anscheinend ungemein, sich mit Gleichgesinnten in gemeinsamer Abscheu zu suhlen. Auch wenn man nicht betroffen ist. Vermutlich beschäftigen sich die meisten überzeugten Katholiken weniger mit der Institution Papst als die "aufgeklärten" Atheisten, die sich gut fühlen, wenn sie anderen ihre Rückständigkeit vorwerfen können. Und natürlich grundsätzlich die besseren Menschen sind ... halt typisch deutsch, zu wissen wie es besser geht und das der ganzen Welt erzählen. ;-)
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