Video aus Paris 70 Sekunden Antisemitismus

Zvika Klein hat sich eine Kippa aufgesetzt und ist zehn Stunden lang durch Paris gelaufen - mit versteckter Kamera. Er wurde beleidigt und angespuckt. Das Video befeuert die Debatte über Antisemitismus in Frankreich.

Reporter Klein (l.): "Hasserfüllte Blicke, aggressive Bemerkungen, feindselige Körpersprache"
YouTube/ nrg.co.il

Reporter Klein (l.): "Hasserfüllte Blicke, aggressive Bemerkungen, feindselige Körpersprache"

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Im Schnitt zweimal am Tag werden in Frankreich Juden wegen ihres Glaubens angegriffen. 851 antisemitische Übergriffe registrierte der Dachverband der jüdischen Institutionen in Frankreich im Jahr 2014. Das war vor dem Terroranschlag auf einen koscheren Supermarkt in Paris Anfang Januar und vor der Schändung eines jüdischen Friedhofs am vergangenen Wochenende.

Die Regierung hat längst eingeräumt, dass Antisemitismus in Frankreich ein gewaltiges Problem ist. Er kommt nicht mehr nur von der Rechten wie dem Front-national-Gründer Jean-Marie Le Pen, der mehrfach wegen antisemitischer Ausfälle verurteilt worden ist. Inzwischen sind es meist junge Muslime, die Juden beschimpfen und verprügeln.

Ein Video, das ein israelischer Journalist in Paris aufgenommen hat, befeuert nun die Debatte über Judenhass unter französischen Muslimen. Der Reporter Zvika Klein hat sich eine Kippa aufgesetzt und ist nach eigener Aussage zehn Stunden durch die französische Hauptstadt gelaufen. Das Konzept erinnert an das Video der Amerikanerin Shoshana Roberts, die zeigte, wie oft sie innerhalb eines Tages auf New Yorks Straßen von Männern belästigt wurde.

Roberts Video ist seit Oktober fast 40 Millionen Mal angeklickt worden. Kleins Film aus Paris hat innerhalb von zwei Tagen immerhin knapp 900.000 Klicks gesammelt. Das Video zeigt, wie der Reporter mehrfach beleidigt wird. Ein Mann verfolgt ihn und zischt ihm abfällig das Wort Jude hinterher. Eine Frau und ein Mann spucken aus, als Klein an ihnen vorbeiläuft. Ein Junge ruft ihm entgegen: "Es lebe Palästina!"

Das alles sind keine wirklich bedrohlichen Vorfälle, aber es sind solche Gesten und Beleidigungen, die dazu beitragen, dass sich mehr und mehr französische Juden in ihrer Heimat unwohl fühlen. "Je weiter wir gelaufen sind, umso mehr haben mir die hasserfüllten Blicke, aggressiven Bemerkungen und die feindselige Körpersprache Angst gemacht", schreibt Klein in einem Artikel zu seinem Video.

Ein kleiner Junge, der ihn gesehen hatte, habe seine Mutter gefragt: "Was macht der denn hier, Mama? Weiß der denn nicht, dass er hier umgebracht wird?" Im Video ist diese Szene nicht zu sehen. Überhaupt lässt der Film offen, wie repräsentativ die insgesamt nur 70 Sekunden langen Ausschnitte für den zehnstündigen Paris-Spaziergang des Zvika Klein sind.

Der Journalist arbeitet für das israelische Nachrichtenportal nrg.co.il, das dem US-Milliardär Sheldon Adelson gehört. Der 81-Jährige ist persönlicher Freund und wichtiger Geldgeber des israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanyahu. Seine Medien, allen voran die Gratiszeitung "Israel Hayom", unterstützen den Regierungschef nach Kräften.

Dem Premier kommt die große Aufmerksamkeit, die das Video in den vergangenen Tagen erlangt hat, gut zupass: Netanyahu wiederholt mantraartig, dass Frankreich für Juden nicht mehr sicher sei. "Israel wartet mit offenen Armen auf euch", sagte der Premier erst am Montagabend.

Die Regierung in Paris reagierte verärgert. "Der Platz für französische Juden ist in Frankreich", sagte Premierminister Manuel Valls. Netanyahus Werben um Einwanderer sei Wahlkampfgetöse, schließlich kämpfe der Regierungschef vor den Parlamentswahlen am 17. März um jede Stimme.

Trotzdem hat der wachsende Antisemitismus in Frankreich Folgen. Im vergangenen Jahr sind mehr als 7000 Franzosen nach Israel ausgewandert - mehr als je zuvor. Damit hat die Fünfte Republik binnen eines Jahres mehr als ein Prozent seiner jüdischen Gemeinde verloren.

Ein Ende dieses Trends ist nicht absehbar. Die Jewish Agency, die israelische Behörde, die Juden bei der Einwanderung nach Israel hilft, registriert nach eigenen Angaben pro Tag mehr als hundert Anfragen von französischen Juden.

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