Von Benjamin Schulz, Helgoland
Pamela Hansen setzt ihre weiße Mütze ab, läuft durch die verglaste Eingangstür und beginnt, im Krankenhaus Hände von Krankenschwestern zu schütteln: "Tach, ich bin die Neue!" Pamela Hansen sitzt mit drei Beamten auf der Polizeiwache in der Ringstraße am Tisch, trinkt einen Kaffee und sagt: "Hallo, ich wollte mich mal vorstellen." Pamela Hansen geht im Rathaus die Treppe zu den Büros im ersten Stock hinauf, biegt links ab, steht im Vorzimmer des Bürgermeisters und begrüßt seine Mitarbeiter: "Ich wollte einfach kurz vorbeischauen."
Pamela Hansen schüttelt derzeit viele Hände, begrüßt viele Leute, knüpft viele Kontakte. Seit Anfang Februar hat sie einen Job, den niemand anders haben wollte: Die 40-jährige ist Pastorin auf Helgoland. Am Sonntag wird sie offiziell in ihr Amt eingeführt.
Hansen hat eine der ungewöhnlichsten Pastorenstellen, die in Deutschland zu vergeben sind. 1150 Einwohner (nach der amtlichen Statistik, die Gemeinde selbst spricht von 1400), davon rund 800 Gemeindemitglieder, verteilt auf 1,7 Quadratkilometer, 60 Kilometer vor der niedersächsischen Küste. Seit Ende Januar ist Hansen auf der Insel - vor Ort, aber noch nicht ganz angekommen.
Was bringt eine nicht seefeste Pastorin nach Helgoland?
Die kurze Antwort lautet: der Zufall. Die längere geht so: Hansen, geboren im schleswig-holsteinischen Eutin, aufgewachsen in Plön, zeigte schon nach dem Studium eine Neigung zu ungewöhnlichen Arbeitsplätzen. Ein halbes Jahr Missionsarbeit in Papua-Neuguinea. Vikariat auf der Insel Föhr. Danach arbeitete sie fast fünf Jahre in den USA, weil sie in Deutschland keine Stelle fand und in Amerika Pastoren gesucht wurden. Ihr Mann Gunnar, von Beruf Lehrer, ging mit.
Als seine Beurlaubung vom Schuldienst auslief, musste er im Mai 2011 zurück nach Deutschland. "Zu dem Zeitpunkt ging meiner Gemeinde in den USA das Geld aus", sagt Hansen. Sie packte ihre Sachen und folgte ihrem Mann zurück nach Deutschland.
Wie wäre es mit Helgoland?
Hansen sitzt in ihrem Helgoländer Amtszimmer zwischen noch nicht ausgepackten Bücherkisten und dunklen Holzmöbeln, die so aussehen, als hätten sie schon mehrere Pastorenwechsel auf der Insel erlebt. Ein Panoramafenster lässt viel Licht in den Raum, auf der breiten Fensterbank steht ein Kruzifix, daneben liegen Bücher und Akten.
Zurück in Deutschland meldete sie sich beim Kirchenamt:
"Frau Hansen, was können Sie sich stellentechnisch vorstellen?"
"Eigentlich alles."
"Gibt es eine Stelle, die Ihnen schlaflose Nächte bereiten würde?"
"Nein."
Hansen lacht. "Ich glaube, mir ist rausgerutscht: 'Solange es nicht Hallig Hooge ist.' Aber auch das hätte ich mir vorstellen können."
"Wie wäre es mit Helgoland?"
Hansens Mann hatte Bedenken - die Abgeschiedenheit, die Insellage, die Enge, weniger Privatsphäre als auf dem Festland. Es brauchte ein Wochenende intensiven Nachdenkens und ein wenig Überzeugungsarbeit, dann stand die Entscheidung fest. Kurz vor Weihnachten stellte sich die 40-Jährige per Skype dem Helgoländer Kirchenvorstand vor. Der war froh, dass jemand die Stelle haben wollte - auf eine Ausschreibung hatte sich zuvor kein einziger Interessent gemeldet. Die Bedenken, die auch Hansens Mann hatte, schreckten potentielle Bewerber ab.
Hansen muss als Ausnahme gelten. Sie macht tatsächlich den Eindruck, dass sie gerne dort ist. "Ich weiß gar nicht, was die Leute haben, die sagen: Urlaub machen ja, hier leben nein. Es ist so schön hier." Jetzt im Winter sind viele Geschäfte und Restaurants geschlossen, Helgoland wirkt auch am helllichten Tag leer, ausgestorben. Hansen stört das nicht.
Seelsorge für 300.000 Touristen
Hansen, die braunen langen Haare zum Zopf geflochten, macht den Eindruck, als wisse sie genau, worauf sie sich einlässt.
Das ist nicht wenig.
Hansen soll eine Stelle ausfüllen, die laut ihrem Amtsvorgänger Mathias Dittmar verwaltungstechnisch und personell unzureichend ausgestattet ist.
Hansen soll die Gemeinde beleben, wünscht sich Kirchenvorstand Lars Carstens, während er auf dem Friedhof vor der sanierungsbedürftigen St. Nicolaikirche steht. Auch etwas, worum sich Hansen kümmern muss.
Hansen soll nicht nur für die Insulaner Seelsorgerin sein, sondern auch für 300.000 Touristen im Jahr, sagt Helgolands Tourismusdirektor Klaus Furtmeier.
Hansen soll jeden Inselbewohner zumindest vom Sehen kennen, erwartet Rolf-Dieter Voigt. Der 69-Jährige lebt seit 1968 auf der Insel.
Hansen bemüht sich, den Erwartungen gerecht zu werden, unter Leute zu kommen, etwa als Mitglied bei der Freiwilligen Feuerwehr. Sie sieht die Touristenseelsorge im Sommer als schönen Ausgleich zum Winter. Und was die Belebung der Gemeinde angeht: "Die Gemeinde ist nicht der Pastor, die Gemeinde sind wir alle."
"Wer nach Helgoland geht, ist mit Haut und Haaren integriert"
Die großen Erwartungen sind für Hansen das eine, Helgolands Besonderheiten das andere. Die Insel wirkt teilweise wie aus der Zeit gefallen. Viele Gebäude sind alt oder sanierungsbedürftig, aber kaum eines verströmt den Charme eines Altbaus. Die Häuser liegen eng aneinander, viele Wege sind kaum breit genug für eines der wenigen Elektroautos auf der Insel.
"Ich lege viel Wert auf meine Privatsphäre", sagt Hansen. "Jeden Tag gehe ich eine Stunde mit dem Hund, um Zeit für mich zu haben." Man müsse als Pastor Grenzen ziehen. "Auf Helgoland ist die Situation besonders, weil alle so eng aufeinanderhocken. Und ganz besonders ist das wichtig, wenn das Pfarrbüro im Wohnhaus des Pastors ist."
Man möchte sagen: viel Glück dabei. "Wer nach Helgoland geht, ist mit Haut und Haaren integriert, man steht unter Dauerbeobachtung", sagt Amtsvorgänger Dittmar. Privatsphäre hat man auf der Insel kaum.
In dieser sensiblen Atmosphäre werden selbst Alltäglichkeiten eine Übung in Diplomatie. Im Mikrokosmos Helgoland ist es sehr schwer, einmal verprellte Leute wieder für sich zu gewinnen. Deswegen haben wohlmeinende Insulaner der neuen Pastorin nahegelegt, sich möglichst neutral zu verhalten. Zum Beispiel, indem sie bei beiden konkurrierenden Lebensmittelgroßhändlern bestellt, die die Lieferungen von Land abwickeln. Und indem sie sich keine Stammkneipe aussucht, sondern immer mal wieder woanders hingeht.
Bloggen über das Pastorendasein
Hansen ist deutlich anzumerken, dass sie bemüht ist, die Vorteile ihrer neuen Stelle hervorzuheben. Das tut sie auf Twitter, in ihrem Blog und im direkten Gespräch. Die Betulichkeit der Insel vermeide Stress, Lebensmittel würden direkt vor die Haustür geliefert, die Enge biete auch Vorzüge, "weil eben nicht alles so anonym ist". Angst, die Abgeschiedenheit könnte ihren Freundeskreis verkleinern, hat Hansen nicht. "Die Freundschaften, die Amerika überstanden haben, werden auch Helgoland überstehen." Bis zum Sommer muss sie allerdings eine Fernbeziehung führen - ihr Mann fängt erst im nächsten Schuljahr als Lehrer an der Helgoländer Schule an, nur wenige Schritte vom Pastorat entfernt.
Und was ist mit Dingen, die Helgoland nicht bietet? Diese Frage beantworten Insulaner routiniert. "Theater? Wie oft geht ihr denn auf dem Festland?"; "Mir fehlt hier nichts"; "Ich habe hier mehr soziale Kontakte als Leute in der Großstadt." Es soll ein Lob auf Helgolands Lebensqualität sein, klingt aber wie eine Rechtfertigung.
Ein wenig hat Hansen dieses Argumentationsmuster schon angenommen: Sie habe mit ihrem Mann darüber gesprochen, dass es auf der Insel kein chinesisches Restaurant gibt. "Aber dann haben wir uns gefragt: Wann sind wir das letzte Mal beim Chinesen essen gewesen? Das ist über ein halbes Jahr her."
Die Luft ist klar, die Nordsee liegt ruhig und tiefblau, der Himmel ist nahezu wolkenlos und die Sonne scheint. Pamela Hansen steht an der Helgoländer Steilküste und sagt: "Es ist mein Wunsch, so lange wie möglich zu bleiben - wenn es klappt, gerne auch bis zur Pensionierung." Das ist ambitioniert, Hansens Vorgänger waren fünf und drei Jahre auf Helgoland.
Am Sonntag wird Hansen zum ersten Mal in der St. Nicolaikirche predigen. Der Predigtext ist aus dem zweiten Korintherbrief, Kapitel zwölf, Verse eins bis zehn. Hansen hat den Text nicht ausgesucht, er war vorgegeben. "Ist aber nicht schlimm, ich fand, das passt ganz gut." Es geht um Schwäche und Gnade.
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