Pater Eberhard von Gemmingen Jesuit zieht NS-Vergleich im Missbrauchsskandal

Im Skandal um die Missbrauchsfälle an Jesuitenschulen hat Pater Eberhard von Gemmingen eine gefährliche Analogie bemüht: Der frühere Leiter der deutschsprachigen Redaktion von Radio Vatikan verglich die Situation des Ordens mit der von Juden zur NS-Zeit - und ging noch weiter.

Pater Eberhard von Gemmingen: "Es ist fatal, den ganzen Orden schlechtzumachen"
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Pater Eberhard von Gemmingen: "Es ist fatal, den ganzen Orden schlechtzumachen"


Heilbronn/München - Im Missbrauchsskandal an Jesuiten-Schulen hat Pater Eberhard von Gemmingen mit einem Verweis auf die Judenverfolgung vor einem Generalverdacht gegen seinen Orden gewarnt - und dabei eine gefährliche Analogie bemüht.

Der frühere Leiter der deutschsprachigen Redaktion von Radio Vatikan sagte in einem Interview mit der "Heilbronner Stimme": "Es ist fatal, nun den ganzen Orden schlechtzumachen. Ich muss einen Vergleich ziehen: Mit den Juden ist es so losgegangen, dass vielleicht der ein oder andere Jude Unrecht getan hat. Dann aber hat man schlimmerweise alle angeklagt und ausrotten wollen. Man darf nicht von einzelnen Missetaten ausgehen und eine ganze Gruppe verurteilen. Und die Gefahr, dass das passiert, ist groß."

Gemmingen zog den Vergleich mittlerweile zurück. Er hatte sein Interview mit der "Heilbronner Stimme" (Samstagsausgabe) schriftlich autorisiert, die entsprechende Passage nach deren Bekanntwerden jedoch wieder streichen lassen. Die Zeitung hatte das komplette Interview bereits auf seiner Web-Seite veröffentlicht.

Er wolle den Vergleich der Jesuiten mit den Juden zurückziehen, weil dieser unzutreffend sei, erklärte der frühere Leiter der deutschsprachigen Redaktion von "Radio Vatikan" dem Blatt am Freitagabend. Das teilte die "Heilbronner Stimme" der Deutschen Presse-Agentur dpa mit.

Der 73 Jahre alte Gemmingen nahm zugleich einen der Patres in Schutz, die sexuellen Missbrauch begangen haben sollen. "Ich stehe zu ihm. Der hat gesündigt, wenn ich das so sagen darf. Leider laufen in Deutschland noch viele andere Sünder rum, auf die niemand mit dem Finger zeigt", sagte von Gemmingen.

Es sei aber gut, dass die Fälle aufgedeckt werden. Von Gemmingen war selbst Schüler und Präfekt am Jesuiten-Kolleg in Sankt Blasien im Schwarzwald, in dem es auch Opfer gab. Die Jesuiten in Deutschland und speziell auch in St. Blasien seien "betroffen, erschüttert, traurig, ärgerlich, beschämt".

Früher hat man nach Angaben des 73-Jährigen nur versucht, einen öffentlichen Skandal zu vermeiden, heute gehe man vom Leid der Opfer aus und dürfe Missbrauch von Jugendlichen nicht tolerieren. "Heute darf man ja auch Frauen und Kinder gottlob nicht mehr schlagen. Also man darf nicht nur den Jesuiten vorwerfen, sie hätten früher weggeschaut. Früher haben alle weggeschaut. Man hat das toleriert, schweigend. Ich fürchte, dass noch viele Missbrauchsfälle in kirchlichen und bürgerlichen Schulen auftauchen, wenn es Ankläger gibt."

Indes hat sich ein weiteres Opfer beim Bistum Hildesheim gemeldet. Das sagte der Bistumssprecher, Michael Lukas. Er bestätigte damit einen Bericht der "Neuen Presse". Die Frau sei in den neunziger Jahren von einem Pater belästigt worden, der von 1982 bis 2003 mit kurzen Unterbrechungen im Bistum Hildesheim tätig war und einer von drei Jesuiten ist, die inzwischen mit einer Vielzahl von Missbrauchsfällen in Verbindung gebracht werden.

Die Frau war zum Zeitpunkt der Belästigung volljährig. Nähere Angaben wollte der Sprecher nicht machen. Weitere Opfer hätten sich bislang nicht gemeldet.

Das Bistum Hildesheim kündigte an, für Aufklärung sorgen zu wollen. Zu Recht könne man von der Kirche erwarten, dass sie alles unternehme, um solche Taten zu verhindern und dass sie allen Hinweisen auf Missbrauch nachgehe, teilte Bischof Norbert Trelle auf der Bistums-Internetseite mit. An diesem Wochenende soll in sämtlichen Kirchen des Bistums Hildesheim ein Brief verlesen werden, in dem potentielle Opfer aufgerufen werden, sich zu melden.

han/dpa



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