Rechter Stammtisch Wie dieser Münchner Wirt sein Restaurant verlor

Weil sich Rechtsextreme in der Gaststätte eines Münchner Italieners trafen, machten linke Aktivisten und Politiker gegen den Wirt mobil. Nun hat der Mann seine Existenz verloren. Wer hat Schuld?

Gastwirt Giovanni Costa
SPIEGEL ONLINE

Gastwirt Giovanni Costa

Von , München


Giovanni Costa hat sich verkrochen. Ganz hinten in der Ecke sitzt er an diesem frostigen Tag, in einem urigen Gasthaus neben der Münchner Frauenkirche. Es ist ein trauriges Bild - nicht, weil außer dem 54-Jährigen niemand an einem der Massivholztische hockt. Sondern weil der Gastwirt Costa als Gast in einer Gaststätte sitzt, die nicht seine eigene ist.

Denn die hat er verloren.

Viele Gastronomen müssen irgendwann aufgeben. Aber Costas Geschichte ist verworrener und vielschichtiger als andere: Hier geht es um Politik und Profit, um Gesinnung und Gehässigkeit. Es ist eine Geschichte über die Streitkultur in einem zerstrittenen Land.

Die Kurzversion geht so: Im Oktober 2015 treffen sich Anhänger des Münchner Pegida-Ablegers in Costas Gaststätte und gründen einen Stammtisch. Der Odeonsplatz, auf dem die Gruppe montagabends gegen eine angebliche Islamisierung wettert, liegt fünf Haltestellen von Costas "Casa Mia" im Stadtteil Sendling entfernt, direkt vor dem Lokal führt eine Treppe zum U-Bahnhof. Binnen weniger Minuten kommen die Pegidisten so vom Versammlungsort zur "Casa Mia", dort haben sie ihre Ruhe.

In Sendling hält sich die Begeisterung darüber in Grenzen. Bald schaltet sich der SPD-geführte Bezirksausschuss ein, linke Aktivisten beschmieren das Lokal an der Ecke von Impler- und Oberländerstraße, schließlich erhält Costa die Kündigung des Mietvertrags: Die "Casa Mia" gibt es nicht mehr.

Das war im Juli 2017, und die Aufregung war groß: Hat ein Gastwirt seine Existenz verloren, weil er Islamfeinde bewirtete und ihn linke Aktivisten und Politiker deshalb systematisch bekämpften? Sind angesichts der Asylkrise die Zeiten vorbei, in denen Gastronomen wie Costa sich in die politische Neutralität zurückziehen konnten? Handelte der Wirt fahrlässig - oder ist er Opfer einer bedenklichen Politisierung aller Lebensbereiche?

Jetzt, mit einigen Monaten Abstand, spricht Costa ruhig über seine Sicht der Dinge. Er holt eine Schnupftabakdose aus der Hosentasche, lässt einen winzigen braunen Haufen auf die Hand rieseln und zieht ihn ins linke Nasenloch.

1976 kam er als Zuwanderer nach München, da war er gerade 14, in seinem sizilianischen Heimatort Aci Sant'Antonio leben seit Jahren viele Migranten. Seit 1991 führt er die "Casa Mia" im Zentrum von München.

"Wir haben ein Problem", sagt der gebürtige Sizilianer in breitem Bayerisch. In Deutschland habe sich etwas verändert, die Meinungsfreiheit sei in Gefahr - und er sei eines der Opfer. Einen Täter gibt es aus Costas Sicht auch, er nennt ihn den "Sheriff von Sendling": Ernst Dill.

Dill, ein glatzköpfiger Herr von 71 Jahren, ist im Bezirksausschuss Sendling Sprecher der SPD-Fraktion und Beauftragter gegen Rechtsextremismus. Im Januar 2016 tauchte er, so erzählt es Costa, eines Mittags in der "Casa Mia" auf - da trafen sich die Pegidisten bereits seit drei Monaten regelmäßig im Nebenraum der Gaststätte. Dill habe ihn aufgefordert, den Stammtisch nicht länger zu dulden, bei anderer Gelegenheit habe der SPD-Mann sogar gedroht: "Ich lasse Sie verhungern."

Dill hat solche Vorwürfe mehrfach zurückgewiesen, mehrere Anfragen des SPIEGEL ließ er über Monate unbeantwortet.

Dass die in München regierende SPD rechte Gäste ungern in Lokalen der Stadt sieht, ist kein Geheimnis - das geht etwa aus einem Brief an Costa vom 29. Januar 2016 hervor, unterschrieben von Oberbürgermeister Dieter Reiter und einem Vertreter des Branchenverbands DEHOGA. Bedauerlicherweise gebe es Fälle, "in denen Gaststättenbetreiber ihre Räumlichkeiten an extrem rechte Gruppierungen überlassen haben", heißt es in dem Schreiben, dem ein knallgelber Aufkleber beilag, darauf der Schriftzug: "München ist bunt!"

Costa besteht darauf, niemandem sein Restaurant "überlassen" zu haben. Weder erlaubte er, dass Pegida-Anhänger in seinem Lokal Parolen skandierten, noch dass sie Flugblätter verteilten oder auch nur einen Stammtisch-Wimpel aufstellten. Außerdem, sagt der Wirt, sei Pegida gegen die Islamisierung, nicht gegen Ausländer - sonst kämen die ja wohl kaum in das Lokal eines Sizilianers.

So simpel ist das jedoch nicht.

Anders als in Dresden ist der Münchner Pegida-Ableger kaum von der Zivilgesellschaft getragen, sondern unter anderem von der "Identitären Bewegung" und NPD-Kadern. Costa stört sich trotzdem nicht daran, als Komplize von Rassisten dazustehen. Die Islamfeinde aßen Spaghetti, das fand er völlig in Ordnung. "400 bis 500 Euro zusätzlich pro Woche", sagt er, "die konnte ich gut gebrauchen." Er würde jederzeit wieder so handeln, denn: "Bei mir wird keine Politik gemacht. Bei mir wird gegessen, getrunken und gezahlt."

Costa hat nichts Verbotenes getan, moralisch ist die Sache weniger eindeutig. Aber ist es deshalb in Ordnung, den Wirt anzuprangern, regelrecht an seiner Existenz zu sägen?

Anfang März 2016 besprühten Unbekannte die Außenwände der Gaststätte: "Nationalismus raus aus den Köpfen", "Nazis verpisst euch". Überregionale Medien griffen den Fall auf, in rechten Foren war von "Münchens Bunt-Mafia" und "Gesinnungsterror" die Rede, Lokalpolitiker Dill wurde als "Säuberungs-Stalinist" oder "SPD-Blockwart" bezeichnet.

Der aus dem Ruder gelaufene Streit über den Stammtisch zeigt, wie nervös die Republik angesichts des Rechtsrucks inzwischen ist - und dass sich die Debattenkultur ebenso dramatisch verändert hat wie die politische Landschaft.

Costa, der inzwischen im Lokal seines Bruders aushilft, sagt, er hätte mit all dem am liebsten gar nichts zu tun. Einige der Pegida-Gäste kenne er seit vielen Jahren - ebenso wie etliche Münchner SPD-Politiker. "Ich bin völlig unpolitisch", raunt er, und das gelte auch fürs Geschäft. Er höre den Gesprächen seiner Gäste nicht zu und überprüfe sie auch ansonsten nicht. "Soll ich mich vor die Tür stellen und jeden nach seiner politischen Gesinnung fragen?", ruft er aus, "das ist kein Verhörraum, sondern eine Gaststätte!"

Doch die Hoheit über den Diskurs war schnell verloren. Pegida rief auf Facebook seine Anhänger auf, bei Costa essen zu gehen - die SPD tat so ziemlich das Gegenteil: "Wir wollen kein braunes Bier in Sendling", sagte Lokalpolitiker Dill im März 2016 einem Münchner Anzeigenblatt. Das Restaurant sei im Stadtteil sehr beliebt, fügte Markus Lutz hinzu, der Vorsitzende des Bezirksausschusses: "Aber unter diesen Umständen kann man es nicht mehr weiterempfehlen."

Ist das ein Aufruf zum Boykott?

Costa behauptet, die SPD sei sogar noch weiter gegangen: "Dill und seine Kumpanen" hätten sich mehrfach vor die Tür gestellt und Passanten vom Betreten des Lokals abgeraten. Auch seien binnen weniger Monate fünfmal Lebensmittelkontrolleure dagewesen, sagt Costa. Er spricht von einer Kampagne gegen Rechts, deren Opfer nun ein unbescholtener Gastronom sei: "Wenn sie so was in Dresden machen würden, könnte die gesamte Wirtschaft dort dichtmachen."

Die Sendlinger SPD bestreitet die Vorwürfe, ihre Argumentation geht in etwa so: Man habe Costa lediglich helfen wollen, schließlich müsse kein Gastwirt rechtsextreme Umtriebe dulden - und Pegida München sei nun mal ein besonders heikler Fall. In einem Brief vom 8. März 2016 schreibt Ausschusschef Lutz, "dass diese Gruppierung seit Oktober 2015 durch das bayerische Landesamt für Verfassungsschutz beobachtet wird".

Dieser Lesart zufolge schlug Costa ein gut gemeintes Angebot aus: Gäbe es die "Casa Mia" noch, wenn der Wirt sich schnell von dem Pegida-Stammtisch distanziert hätte? Aber hieße das nicht zugleich, dass die Intervention des Bezirksausschusses zur Schließung der "Casa Mia" anderthalb Jahre später führte? Dieser Verdacht liegt nahe, beweisen lässt er sich nicht.

Costa sieht sich als Erpressungsopfer: Dill habe im Gegenzug für seine vermeintliche Unterstützung erwartet, dass der Wirt die rechten Gäste rausschmeißt. Er kenne das aus seiner sizilianischen Heimat: "Wenn jemand dir einen Gefallen tut, musst du das irgendwann zurückzahlen." Er kramt ein paar sorgfältig gefaltete Zeitungsartikel hervor und breitet sie auf dem Tisch aus, wie ein Grundschüler, der die Großeltern mit Klassenarbeiten voller Einser beeindrucken möchte. Es sind Texte, die von "Gewalt und Drohungen der Linken" handeln ("tz") oder den Sendlinger Bezirksausschuss mit der sizilianischen Mafia vergleichen ("Junge Freiheit").

Costa präsentiert die Artikel wie Beweise für seine Sicht der Dinge, aber sie belegen etwas anderes: Wer den Gastwirt für das Opfer einer Kampagne hält, findet Bestätigung beispielsweise in der "Neuen Zürcher Zeitung" - und wer in ihm einen unbelehrbaren Pegida-Komplizen sehen möchte, kann sich auf Darstellungen etwa in der "Huffington Post" berufen. Zwei Medien, zwei sehr unterschiedliche Analysen desselben Vorgangs.

"Dieses Lokal ist Pegida-frei"

Mit "Lügenpresse" hat all das nichts zu tun, sondern mit Pluralität und Uneindeutigkeit: Der Fall "Casa Mia" zeigt exemplarisch, dass die Wahrheit oft zwischen den Extremen liegt.

Ein weiteres Tabakhäufchen verschwindet in Costas Nase, während er vom Niedergang seines Lokals erzählt: Im Laufe des Jahres 2016 habe sich der Stammtisch des "Bundes für Geistesfreiheit" abgemeldet, dann der FC Viktoria München und der Tischtennisklub, sogar die Italien-Gruppe. "Dieses Lokal ist Pegida-frei" stand laut Costa auf den Aufklebern, die irgendwer nachts auf die Fensterscheiben klebte.

Binnen Wochen seien die Einnahmen um mehr als die Hälfte zurückgegangen. Der Brauerei Anheuser-Busch InBev, seinem Lieferanten und Vermieter, sei das nur recht gewesen: "Die haben einen Grund gesucht, mir zu kündigen", behauptet Costa. Eine Konzernsprecherin weist das zurück, der Wirt habe schlichtweg die Pacht nicht mehr zahlen können. Sie betont zugleich, dass Anheuser-Busch InBev "diskriminierende Inhalte jeglicher Art in unseren Gastronomieobjekten nicht tolerieren" könne.

Im März 2016 unterschrieb Costas Frau Sabine, die offizielle Mieterin des Lokals, einen "Nachtrag zum Pachtvertrag". Darin verpflichtete sich die Wirtsfamilie, keine Veranstaltungen "antidemokratischen Inhalts auszurichten oder stattfinden zu lassen". Aber ist ein Abendessen von mutmaßlichen Antidemokraten bereits eine antidemokratische Veranstaltung? Die Brauerei versichert, ihre Mieter hätten den Zusatzvertrag freiwillig unterschrieben, Costa spricht von Erpressung.

"Gast ist, wer bezahlt"

In der Folge kamen laut Costa immer weniger Gäste, über Monate häuften sich Schulden an. Als dem Lokal Anfang 2017 bereits das Aus drohte, solidarisierten sich viele Sendlinger mit ihrem Nachbarn. Claudia Rieg-Appleson etwa, Diplompsychologin und SPD-Mitglied, sammelte Unterschriften für den Erhalt des Restaurants und beteuerte öffentlich, dass Costa nichts mit Pegida zu tun habe. Im Mai kamen wieder mehr Kunden in die "Casa Mia", am letzten Tag des Traditionslokals sollen Gäste geweint und minutenlang applaudiert haben.

In der linken Szene blieb Costa trotzdem der Mann, der die Nazis bewirtet. Seit April kamen die Pegida-Anhänger auf sein Bitten hin nur noch in kleinen Gruppen, "mal abends zu zweit, mal mittags zu fünft". Ganz rauswerfen mochte er die Rechten nicht, die Anfeindungen gingen weiter. Einmal hätten Aktivisten von Außen an die Scheiben getrommelt und "Nazis raus" gebrüllt, sagt er. Im Lokal hätten da gerade ein paar Seniorinnen und ein Fußballstammtisch gesessen.

Man mag angesichts solcher Vorfälle nachvollziehen, dass Costa sich nicht auf die Seite linker Aktivisten und Politiker stellt. Zugleich bleibt unverständlich, dass er so gar kein Problem darin sieht, offenbar verfassungsfeindliche Gäste zu bewirten. "Die hatten keine Hakenkreuze dabei, keine Flyer", sagt Costa. "Das waren für mich einfach Gäste."

Stramme Pegidisten, die einfach nur Gäste sind? Costa gibt sich als Mensch mit Prinzipien, eines lautet: "Gast ist, wer bezahlt." Seine Prinzipien hat er verteidigt, sein Restaurant verloren.



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