Von Barbara Hans
Erst der Tag, an dem er auf Pferd Betsy trifft, wird das Leben der Familie verändern. Rowan ist kognitiv zurückgeblieben, aber motorisch gut entwickelt. Er kennt sich aus in dem Wäldchen hinter dem Haus der Familie. In der Natur wird er ruhig. Stundenlang kann er sich auf dem Boden sitzend Sand durch die Finger rieseln lassen. Fasziniert betrachtet er ein halbe Ewigkeit ein gelb gefärbtes Blatt. Käfer und andere Kriechtiere ziehen ihn magisch an. In der Natur findet Rowan seinen Frieden. Die neurologischen Blitze, die durch seinen Körper zucken, ruhen, wenn er draußen sein kann.
Nach dem ersten Treffen mit Betsy führt Rowan seinen Vater immer wieder auf die Weide zu den Tieren. Und er beginnt zu sprechen. Er artikuliert mit Worten, was er sonst nur durch Anfälle äußern konnte - was er will und was nicht.
Betsy ihrerseits lässt eine ganz besondere Nähe zu dem Jungen zu: Während sie zu Erwachsenen durchaus ruppig ist, lässt sie Rowan gewähren. "Er ist ihr immer und immer wieder mit dem Bobbycar in die Hinterbeine gefahren. Doch sie hat sich nicht geregt", erinnert sich Isaacson.
Wende in der Mongolei
Der Vater reitet mit seinem Sohn täglich auf dem Pferd des Nachbarn. Stunden vergehen, immer länger werden die Touren. Unterwegs lacht und singt Rowan, er macht Fortschritte, reagiert auf Ansprache, äußert seinen Willen. Die Tür zu Rowans Welt geht einen Spalt breit auf. Doch zurück Zuhause ist alles beinahe unverändert. Hier spricht er nicht, hier brüllt er.
Im selben Monat, in dem Rowan die Bekanntschaft mit Betsy macht, verändert noch eine weitere Begegnung sein Leben. Rupert Isaacson begleitet eine Delegation von Buschmännern aus der afrikanischen Kalahari-Wüste zu den Vereinten Nationen und besucht mit ihnen eine Tagung traditioneller Heiler, Stammesführer und Schamanen in Kalifornien. Rowan ist mit dabei. Der Junge rennt zwischen den maskierten und bemalten Delegierten umher, schleudert seine Puppen mit aller Kraft über die Schulter in Richtung Heiler, stößt Altäre um und verstreut heilige Kräuter.
Doch Rowan reagiert auch auf den Gesang der Schamanen, auf ihre Zeremonien. Er geht mehr und mehr auf andere Menschen zu. Doch der Erfolg ist nie von Dauer. "Es war dieses Zusammenspiel aus den Pferden und den Schamanen, das ihm gut getan hat", sagt Rupert Isaacson. Er plant, mit seinem Sohn und seiner Frau in die Mongolei zu reisen - auf dem Pferd zu den Naturheilern.
Seine Frau erklärt ihn für verrückt. Zweieinhalb Jahre vergehen, bis er sich traut, die Idee noch einmal vorzubringen. "Wenn es schief geht, kann ich es Dir wenigstens ewig vorhalten", erwidert sie - und willigt ein. "Das Schlimmste, was passieren konnte war, dass nichts passiert", sagt Isaacson. Er plündert das Konto, organisiert einen Reiseführer und Kontakt zu den Schamanen.
In der Natur der Mongolei wird Rowan ruhiger, macht innerhalb kurzer Zeit große Fortschritte. Er reagiert auf seinen Namen, spielt mit Gleichaltrigen, lernt binnen weniger Tage, nicht mehr in die Windel zu machen. "Das war so, als hätte England die Weltmeisterschaft gewonnen", kommentiert der Brite. Der Fünfjährige lernt, sich in seinem Autismus zurecht zu finden, er kann mit seiner Krankheit umgehen. Es gelingt ihm immer besser, sich auszudrücken und mitzuteilen.
"Ich kann nicht sehen, dass dieses Kind autistisch ist"
Die sich rhythmisch wiederholenden Schaukelbewegungen des Reitens zwingen Rowan, seine Balance ständig neu zu finden und stimulieren so die Bereiche des Gehirns, in denen sich die Lernrezeptoren befinden. Vergleichbares passiert auch beim rhythmischen Singen und Klatschen der schamanischen Rituale.
Doch mit der Rückkehr kommen auch die Anfälle wieder. "Rowan ist als Autist in die Mongolei gefahren, und er ist als Autist zurückgekommen", resümiert Isaacson. Doch Rowan macht Fortschritte. Er lernt sprechen, besucht eine Schule. Und er findet sich nach und nach im Alltag zurecht. Er weiß, was er zu antworten hat, wenn man ihn fragt, wie es ihm geht. Er hat gelernt, sich in der Welt, die für ihn voller Reizüberflutungen steckt, zurecht zu finden. "Er braucht diese Fähigkeiten, um in unserer Gesellschaft zu überleben. Aber das bedeutet nicht, dass er nicht er selbst sein darf", sagt sein Vater. Ob er je alleine wird leben können, in einer eigenen Wohnung, mit einem Job - all das weiß Rupert Isaacson nicht.
Vor kurzem stand er gemeinsam mit seinem Sohn vor dem Londoner Aquarium. Die Schlange war lang, viel zu lang. Isaacson und seine Frau wollten Rowan den Frust der Warterei ersparen, gingen nach vorne zur Kasse für Behinderte. "Ich kann nicht sehen, wo dieses Kind autistisch sein soll", sagte die Dame hinter dem Schalter. Und verwies die Familie zurück zu den Wartenden. "Ich werte das einfach als Erfolg", sagt Isaacson.
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