Pflegefamilie auf Dauer: Vertrautes fremdes Kind

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Vier Töchter waren nicht genug - also nahm das Ehepaar Schmidt zwei Jungen bei sich auf. Die Entscheidung brachte die Familie manchmal an ihre Grenzen. Denn es kann erschöpfend sein, Pflegekindern zu helfen. Manche Versäumnisse lassen sich nicht aufholen.

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Corbis

Distanz zwischen Mutter und Kind: Manchmal hilft nur der Wechsel in eine Pflegefamilie

Die Ferienlektüre von Familie Schmidt* im Frühjahr 2002 war schwere Kost. Es ging in der Akte um einen Jungen aus schwierigen Verhältnissen, Diagnose: Hyperaktivität, Entwicklungsverzögerung, Aufmerksamkeitsschwäche, viele Tics und Schlafstörungen. Und es ging um die Frage, ob er als Pflegekind dauerhaft bei den Schmidts in Hamburg einziehen sollte.

Als die Familie - Mutter Karin, Vater Gerhard und vier Töchter - die Unterlagen über Sven las, hatten sie sich entschieden, Dauerpflegefamilie zu werden. Sie hatten sich beworben, mit ausformuliertem Lebenslauf, Führungszeugnissen, Gesundheitsbescheinigungen. Das Jugendamt hatte bei drei Besuchen kontrolliert, ob das Haus groß genug und für den Familienzuwachs ein eigenes Zimmer vorhanden war.

Schmidts hatten alle Auflagen erfüllt. Sollten sie ihr eingespieltes Familiengefüge wirklich so erweitern? Mit einem Kind wie Sven? "Ich wollte schon immer ein Kind aufnehmen, ich weiß nicht, warum", sagt Karin Schmidt, 48. "Der Wunsch nach Kindern war immer da", bestätigt ihr Mann.

Die Töchter, damals 18, 17, 15 und 11 Jahre alt, gaben ihre Zustimmung, wollten aber ihre Rückzugszonen haben - "und nicht das Gefühl, dass sie wegen der Pflegekinder hinten anstehen", sagt Gerhard Schmidt, 50. Das fiel besonders der Jüngsten schwer, "die Kleine hatte Probleme, die Rolle als Nesthäkchen abzugeben", sagt Karin Schmidt. "Man muss sich als Paar darauf einstellen, dass der eine die Pflegekinder hat und der andere etwas mit den eigenen Kindern unternimmt." Es sei ein Balanceakt, die leiblichen Kinder nicht aus dem Blick zu verlieren.

"Sechs Jahre. Zwei Klappboxen. Das hat uns erschüttert"

Dass Sven im Vergleich zu den Töchtern anders sein würde, zeigte sich, als die Familie den Sechsjährigen 2002 aus dem Kinderschutzhaus abholte. Seine Habseligkeiten - Kleidung, Spielzeug, Fotos - brauchten kaum Platz. "Sechs Jahre. Zwei Klappboxen. Das hat uns erschüttert", sagt Gerhard Schmidt.

Wie sehr sich ihr Alltag ändern würde, konnte sich die Familie nicht vorstellen, trotz der Akte und mehrerer Kennenlern-Treffen. Naiv sei man gewesen, meint das Ehepaar. Die Familie saß am Tisch und Sven schrie, hielt sich die Ohren zu, weil alle durcheinander sprachen. In der Schule hielt es der Junge im Sport- und Musikunterricht nicht aus. Er wollte nicht draußen spielen, zerriss seine Kleidung. Irgendwann kam die Bitte der Schule, Sven möge in eine andere Einrichtung wechseln.

Die Situation in Schule und Familie entspannte sich, als bei Sven mit 13 Jahren das Asperger-Syndrom, eine Form des Autismus, diagnostiziert wurde. "Das Leben vorher, die Zwänge, die Intoleranz gegenüber Gerüchen und Geräuschen - alles erklärte sich", sagt Karin Schmidt.

Drei Jahre alt, achteinhalb Kilo schwer

Die Belastung war auch deswegen so hoch, weil mit dem dreijährigen Max im Dezember 2007 ein weiteres Pflegekind in die Familie kam. "Es war ein Notfall", sagt Karin Schmidt. "Er musste wegen Kindeswohlgefährdung aus der Familie raus, er war sehr stark vernachlässigt."

Max wog achteinhalb Kilo, Einjährige sind oft schwerer. Er konnte nicht sprechen, Treppen nur hochkrabbeln, machte auf kurzen Spaziergängen schlapp, weil er kaum Muskeln und keine Kondition hatte. "Er war so krank, dass sein Körper damit beschäftigt war, am Leben zu bleiben", sagt Karin Schmidt, die als Erzieherin in einer Kita arbeitet. Weil die leibliche Mutter sich aus Überforderung nicht kümmerte, hat Max eine chronische Krankheit. Sein Leben lang wird er regelmäßig deswegen ins Krankenhaus müssen. Mehr Wissen über die Vorgeschichte des Kindes hätte der Familie viel Stress und Momente der Verzweiflung erspart.

Es dauerte nach Max' Einzug mehr als ein Jahr, bis sich so etwas wie ein Familienalltag einstellte. Dabei zeigte sich, was die Jungen alles verpasst hatten: Bilderbücher anschauen, grillen, herumtoben. "Bei Max ist zu spüren, dass die ersten drei Jahre Dahinvegetieren nicht aufzuholen sind. Was versaut ist, ist versaut", sagt Karin Schmidt. Die Töchter wussten nach ein paar Mal vorsagen, dass das fliegende Tier ein Vogel ist. Max konnte es sich nach dem 20. Mal noch nicht merken.

Warum hat meine Mutter mich als Pflegekind freigegeben?

Hinzu kommen Probleme, die es bei leiblichen Kindern nicht gibt. Sven hatte eine Phase, in der ihn seine Vergangenheit sehr beschäftigte. Habe ich als Baby viel geschrien? Hat meine Mutter immer noch lange Haare? Und, die große Frage: Warum hat sie mich als Pflegekind freigegeben?

Auch wegen solcher Fragen ist der Kontakt zu den leiblichen Eltern wichtig. Einfach ist er nicht, wie Max' Fall zeigt. Zu seiner leiblichen Mutter besteht keine Beziehung. "Sie war alleinerziehend, sehr kindlich und unreif. Es war ihr wichtiger, Playstation zu spielen oder Fernsehen zu gucken, als sich um Max zu kümmern", sagt Karin Schmidt. "Sie hat öfter die Kinderärzte gewechselt, damit keiner wegen Max' Zustand Verdacht schöpft. Normale Nahrung kannte Max nicht."

Der Kontakt zum Vater war schwierig, weil sich der Mann zunächst als sehr unzuverlässig erwies. "Wenn er Max um sechs zurückbringen sollte und war um viertel nach noch nicht da, kroch in mir die Panik hoch", sagt Karin Schmidt. "Max' größte Sorge war, dass er nicht mehr herkommt." Es wurde schlimmer. Der Vater stand unangemeldet vor der Tür, tobte, drohte mit Polizei. Erst als ein Besuchsverbot erging, besann sich der Mann. Heute verbringt er mit Max jedes dritte Wochenende. Schmidts haben ein gutes Gefühl dabei.

Über Jahre am Limit sein, die Konfrontationen mit leiblichen Eltern - haben Schmidts ihre Entscheidung jemals bereut? "Als es Max trotz aller Fürsorge lange nicht besser ging, haben wir in manchen Momenten schon überlegt, ob es richtig war, ihn aufzunehmen", sagt Karin Schmidt. Aber man habe sich eben für Pflegekinder entschieden, mit allen Konsequenzen.

Entlastung durch das Jugendamt

Aufzugeben war keine Option, schon allein, weil der Abschied zu schwer gefallen wäre. "Wir brauchten Hilfe", sagt Gerhard Schmidt. Die kam vom Jugendamt. Sven bekam einen Schulbegleiter, 30 Stunden im Monat. Die Helfer fuhren den Jungen zu Terminen, übten, alleine ins Schwimmbad zu gehen. "Das entlastet mich und hilft ihm in seiner Selbständigkeit", sagt Karin Schmidt.

Nicht nur deshalb bezeichnet das Ehepaar das Verhältnis mit dem Jugendamt als super. Die Angst vor zu viel Bürokratie und zu vielen Auflagen erwies sich als unbegründet. Theoretisch müssten Schmidts alles - schulische Belange, Krankenhausaufenthalte, Urlaube im Ausland - absprechen und absegnen lassen.

"In der Praxis reicht ein kurzes Telefonat mit Jugendamt und Vormund, wir müssen kein großes Schreiben aufsetzen", sagt Gerhard Schmidt. Jetzt ist der Kontakt ohnehin nicht besonders eng. Wenn es keine Probleme gibt, treffen sich Jugendamt, Schule und Pflegeeltern pro Pflegekind einmal im Jahr zum Gespräch.

Das Familienleben hat sich eingespielt, zwei Pflegesöhne sind da, drei der vier Töchter aus dem Haus. Noch ein Pflegekind? "Mein Mann sagt nein", sagt Karin Schmidt und lacht. Es klingt wie: mal gucken.

* Alle Namen geändert

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