Bereitschaftspflege: Wenn die grauen Kinder kommen

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Manche der Kinder, die Familie Meier bei sich aufnimmt, sind kaum auf der Welt und haben schon mit ihrem Leben abgeschlossen. Sie sind unterernährt, unterentwickelt, wurden misshandelt. Die Meiers geben ihnen ein Zuhause auf Zeit. Eine Aufgabe, die alle an ihre Grenzen bringt.

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Erwachsene mit Baby (Archiv): Pflegekinder stellen Familien vor große Herausforderungen

Lars Meier* schlägt das Fotoalbum auf und deutet auf ein Bild. "Der Junge wurde geschlagen, lag auf der Intensivstation." Meier blättert um. "Das Kind war wegen Drogenkonsums der Mutter während der Schwangerschaft geistig behindert." Die nächste Seite. "Das Mädchen war so blass, weil es quasi nie draußen war. Die Mutter hatte Angststörungen."

Das Album ist eine Art Familienchronik der Meiers: Sie haben Fotos aller Pflegekinder gesammelt, die bei ihnen gewohnt haben, manche einige Wochen, eines fast ein Jahr.

Lars Meier, 42, und seine Familie - Ehefrau Silke, 39, Sohn Jens, 14, und Tochter Sarah, 13 - nehmen Kinder bei sich auf, die das Jugendamt den leiblichen Eltern weggenommen hat. Die Kinder sind wenige Tage bis drei Jahre alt, so haben es sich die Meiers gewünscht.

Was sie leisten, nennt sich Bereitschaftspflege. "Die Kinder kommen teilweise mit einer halben Stunde Vorwarnung zu uns, meistens haben sie nur, was sie am Leib tragen", sagt Silke Meier. Sie ist seit 1997, der Geburt ihres Sohnes, zu Hause und betreut damit auch die meiste Zeit die Pflegekinder. Einen Vorrat an Windeln, Babykleidung, Brei und Schnullern hat sie im Haus. "In den ersten Tagen hält das Leben ein wenig an, ich gehe nicht mehr weg, damit die Kinder zur Ruhe kommen."

"An der Kleidung sehen, welches das Pflegekind ist"

Die Familie muss an rund 260 Tagen im Jahr zur Verfügung stehen. Ein eigenes Zimmer für das Pflegekind ist Pflicht. Ein Erwachsener muss zu Hause sein. Das Gehalt des anderen muss reichen, um die Familie zu versorgen - man darf finanziell nicht auf das Geld für das Pflegekind angewiesen sein.

1200 Euro bekommt die Hamburger Pflegefamilie pro Monat und Kind. Damit ist sie für das Jugendamt viel billiger als eine Unterbringung im Heim. "Viele sagen, wenn sie die Summe hören: 'Ich nehme fünf Pflegekinder'", sagt Silke Meier. Aber sie könne nicht regulär arbeiten, habe kein Wochenende, keinen Feiertag.

"Manchmal werden Pflegekinder trotzdem benutzt, um die Familienkasse aufzubessern", sagt Lars Meier. Teilweise erkenne er bei anderen Familien an der Kleidung, welches das leibliche Kind sei und welches das Pflegekind. Ein Pflegevater habe vorgerechnet: Das bringe das Kind ein, das koste es, und das Ganze müsse sich rechnen. "Ungeeignet" finde er solche Leute als Pflegeeltern, sagt Lars Meier.

Die Meiers werden vom Jugendamt und einem Trägerverein für Pflegefamilien betreut, sie telefonieren ein- bis zweimal die Woche, gelegentlich kommt jemand zu Besuch. "Ich kann mich beim Jugendamt auch mal auskotzen, meine Bedenken werden ernst genommen", sagt Silke Meier. Teilweise sei die Bürokratie nervenaufreibender als das Pflegekind, schon allein, weil mit Jugendamt, Vormund, leiblichen Eltern, Pflegeeltern, Rechtsanwälten und Gerichten potentiell viele Stellen an einem Fall beteiligt sein können.

Traumjob Pflegemutter

Der Stress, die Kontrollen, die finanzielle Belastung - warum tut sich Familie Meier das an? "Die Umstände haben einfach gepasst", sagt Silke Meier, "wir sind so reingerutscht". Das Paar engagierte sich schon immer im sozialen Bereich, erst bei den Kindern in der Schule, dann auch außerhalb. Ihr Job in einer Bank habe sie nicht erfüllt, sie war nach der Geburt der eigenen Kinder ohnehin zu Hause. Das Thema Pflegekinder habe sie schon immer interessiert. Internetrecherche, dann eine Infoveranstaltung - "da haben mein Mann und ich entschieden, wir wagen das". Ein Helfersyndrom habe sie nicht, sagt Silke Meier. Es sei einfach interessant, Pflegekinder ein Stück auf ihrem Weg zu begleiten: "Pflegemutter ist mein Traumjob."

Das ist erstaunlich, denn vor ihrer Zeit als Bereitschaftspflegefamilie waren Meiers gescheitert - an einem Pflegekind, das dauerhaft bei ihnen bleiben sollte. Der Junge, Sohn einer drogenabhängigen und psychisch kranken Mutter, war von 2001 bis 2004 in der Familie. Er riss Tapeten ab, zerstörte Möbel, schmierte Kot an die Wände und aß ihn. Gemeinsame Ausflüge wurden unmöglich, ein Erwachsener musste sich exklusiv um ihn kümmern.

"Unsere Familie war am Limit", sagt Silke Meier. "Wir mussten entscheiden: Das Dauerpflegekind oder wir." Rückblickend sagen Meiers, sie seien naiv gewesen. Es stimme eben nicht, dass ein Kind nur in eine liebevolle Familie, ein stabiles Umfeld kommen müsse, und alles werde gut.

"Viele Kinder haben mit dem Leben schon abgeschlossen"

"Als das Kind weg war, habe ich mich leer gefühlt, total traurig - aber auch erleichtert, dass wir nochmals neu starten können", sagt Silke Meier. Bis zum Neustart dauerte es drei Jahre. Ein weiterer Versuch mit Dauerpflege war keine Option - Bereitschaftspflege schon. Nicht weniger anstrengend, aber begrenzt. "Mit dem Gedanken im Kopf, dass es ein Ende hat, kann ich ganz viel ertragen und investieren", sagt Silke Meier.

Viel ertragen müssen auch die leiblichen Kinder. Ausgefallene Familienausflüge, weil das Pflegekind dauernd schreit. Schon im Grundschulalter die Erfahrung, dass Kinder missbraucht und geschlagen werden. "Manchmal denke ich, ich mute meinen Kindern zu viel zu", sagt Silke Meier. "Ich hoffe nicht, dass sie mir vorwerfen, nur für die Pflegekinder gelebt zu haben." Deswegen wird nach jedem Pflegekind ein Familienrat einberufen. Dann kann jeder sagen, ob ein weiteres einziehen soll. "Wenn eines meiner Kinder ein Veto einlegen würde, würde ich das akzeptieren. Aber es ist mein Job, und daran hänge ich", sagt Silke Meier.

So kommt es, dass Meiers eine Familie mit wechselnder Besetzung sind. "Viele Pflegekinder haben mit dem Leben schon abgeschlossen - um mich kümmert sich sowieso keiner, ich muss für mich selber sorgen", sagt Lars Meier. Manche legen sich heimlich einen Vorrat an Lebensmitteln an, weil sie in ihren Herkunftsfamilien hungerten.

Andere zeigen keinerlei Bindungsverhalten, aus Selbstschutz - wie der Junge, dessen leiblicher Vater ihn fast zu Tode geschüttelt hatte. "Wenn ein Mann in seine Nähe kam, hat das Kind fast die Atmung eingestellt, seine Haut wurde gräulich, es hat sich klein gemacht", sagt Lars Meier. "Wenn ich alleine mit ihm zu Hause war, ist er lieber zu einer fremden Briefträgerin gekrabbelt."

"Manche Kinder verabschiede ich mit einem Lächeln"

Es sei schwer auszuhalten, wenn es einem Kind so gehe. Aber als studierter Pädagoge kann Lars Meier das Verhalten einordnen. Und es gibt auch die anderen Momente. Die Pflegekinder leben auf, lernen zu sprechen und zu laufen. Das Fotoalbum zeigt die Entwicklung. Die Gesichter der Kinder bekommen Farbe, die Wangen werden fülliger, die Augen leuchten wieder.

Es gibt vor dem Abschied immer ein letztes Foto, ein Gruppenbild mit der ganzen Familie. Die Kinder gehen ins Heim, zu Dauerpflegeeltern oder zurück zu ihren leiblichen Familien.

Die Trennung ist aufreibend, besonders, wenn das Jugendamt eine Entscheidung trifft, die Meiers für falsch halten - etwa, das Pflegekind zurück zur leiblichen Familie zu geben. "Ich nehme ein kleines, graues Kind auf und gebe nach einem halben Jahr ein rosiges, properes Kind zurück. Wenn falsch entschieden wird, sieht es kurz danach wieder grau aus. Das macht mich fertig", sagt Silke Meier. Allerdings sei die Trennung nicht immer bedrückend, besonders, wenn die Zeit sehr anstrengend war. "Manche Kinder verabschiede ich mit einem Lächeln."

Und manchmal lässt der Familienalltag keine Zeit zu trauern. Beim Abschied von einem Säugling habe sie schlucken müssen, sagt Silke Meier. "Aber meine Tochter hat sich nur umgedreht: 'Und was gibt's jetzt zu essen?'"

* Alle Namen geändert

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Jugendhilfe in Deutschland
  • DPA
    Immer wieder werden Fälle von Vernachlässigung bekannt. Die Namen einzelner Kinder stehen für unvorstellbare Schicksale: Jessica, Kevin, Chantal, Marcel. Das Statistische Bundesamt meldet, dass immer mehr Mädchen und Jungen vom Jugendamt in Obhut genommen werden. Wie aber arbeiten die Sozialarbeiter? Wie die Jugendämter und Familienhelfer? Wie viel Kontrolle darf ein Staat ausüben? In einer losen Reihe beschäftigen wir uns mit Jugendhilfe in Deutschland.