Tod von Philip Seymour Hoffman Amerikas Heroin-Problem ist zurück

Philip Seymour Hoffman starb vermutlich durch eine Überdosis Heroin. Der Fall belegt das Comeback dieser Droge, besonders in New York. Sie ist billig zu haben und wird mit anderen Substanzen zu hochtoxischen Stoffen verschnitten.

Gedenken an Hoffman: Auffällige Häufung von Heroin-Todesfällen
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Gedenken an Hoffman: Auffällige Häufung von Heroin-Todesfällen

Von , New York


Zuerst wusste John Arundel nicht, wer sein Gegenüber war. Was er denn von Beruf mache, erkundigte sich der Herausgeber des US-Magazins "Washington Life" also. "Ich bin ein Heroinsüchtiger", antwortete der Mann und nahm seine Mütze ab. "Oh", erkannte ihn Arundel da, "Sie sind Philip Seymour Hoffman."

An diese Episode am Rande des Sundance Film Festivals Ende Januar erinnerte sich Arundel jetzt auf CNN. Zwei Wochen nach der Begegnung der beiden Männer war der vielseitigste, talentierteste Hollywood-Star seiner Generation tot - die Umstände lassen darauf schließen, dass er an einer Überdosis Heroin starb.

Hoffmans Schicksal hält die US-Medien weiter im Bann. Sie rekonstruieren seine letzten Schritte, vom Café "Chocolate Bar" bis zum Supermarkt D'Agostino, wo er sich 1200 Dollar aus dem Geldautomaten geholt haben soll. Trauer und Sensationslust halten sich die Waage.

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Zum Tod von Philip Seymour Hoffman: Trockener Witz und erschütternder Weinkrampf
Doch hinter dem tragischen Fall steckt mehr als nur ein weiterer Promi, der der Sucht erlag. Der Tod des Oscar-Preisträgers ist Symptom einer Geißel, die eigentlich längst der Vergangenheit angehörte, doch die USA seit Jahren wieder heimsucht, nur bisher still und leise: Heroin.

Nach Angaben der Drogenbehörde SAMHSA hat sich die Zahl der US-Heroinkonsumenten von 2007 bis 2012 fast verdoppelt, von 373.000 auf 669.000. Ebenso dramatisch stieg die Zahl der tödlichen Überdosen. Vor allem in den Nordoststaaten: Hier beobachten die Behörden eine auffällige Häufung von Todesfällen, von Baltimore über Pittsburgh nach Philadelphia. Mutmaßliche Ursache: mit einem Schmerzmittel verpanschtes Heroin.

"Heroin hat den Nordosten fest im Griff", sagt James Hunt, Spezialagent der Drogenfahndungsbehörde DEA. Ein DEA-Kollege formuliert es im TV-Sender ABC noch drastischer: "Die Leute sterben wie die Fliegen."

Heroinküche in der Bronx

Nicht nur im Nordosten. Auch in Florida: "Die meisten unserer 30 Klienten sind mittlerweile Heroinabhängige", berichtet Robert Scardino, klinischer Direktor des Cornerstone Recovery Centers in Fort Lauderdale. "Die Lieblingsdroge dieser Generation ist offenbar wieder Heroin."

Was genau Hoffman zum Verhängnis wurde, wird erst die Obduktion zeigen. Doch schon der Zustand seiner Wohnung spricht für sich: Dort fanden die Cops unter anderem mehr als 20 Spritzen und 72 Glassin-Tütchen mit Heroin - 49 noch versiegelt, 23 geöffnet. Hoffman selbst, so hieß es, habe eine Spritze im linken Arm gehabt.

Eine alte Geißel kehrt zurück: Das opiumähnliche Rauschgift (Opioid) machte zuletzt in den siebziger und achtziger Jahren Schlagzeilen, mit berühmten Heroin-Opfern wie Janis Joplin, Jim Morrison und John Belushi.

Hochburg des neuen Heroin-Booms ist erneut New York City. Von 2010 bis 2012 stieg die Zahl der tödlichen Heroin-Überdosen in der Stadt um 84 Prozent auf 283. Erst vorigen Donnerstag - zwei Tage vor Hoffmans Tod - hob die DEA in der Bronx eine Heroinküche aus: In einer Wohnung fanden die Fahnder 13 Kilo Heroin im Wert von acht Millionen Dollar.

"Eine Beschlagnahme dieser Größenordnung sollte jedem die Augen öffnen für das Ausmaß des Heroin-Problems", sagt Bridget Brennan, die New Yorker Drogen-Sonderstaatsanwältin. Auch in den Nachbarstaaten gebe es eine ähnliche "Suchtexplosion".

"Verschlagen, trügerisch, mächtig"

Zum Beispiel in Vermont, sonst als Naturidyll bekannt. Dort widmete Gouverneur Peter Shumlin neulich seine gesamte Regierungserklärung der "ausgewachsenen Heroin-Krise" in "jeder Ecke unseres Staates".

Ein Auslöser der Renaissance ist die wachsende Pillensucht der Amerikaner. Deshalb hat die Medikamentenbehörde FDA den Erwerb abhängig machender Schmerzmittel wie Oxycodon erschwert. Oxycodon hatte der 2008 in New York verstorbene Hollywood-Star Heath Ledger konsumiert.

Heroin bietet sich als billiger Ersatz an. Es ist aber viel gefährlicher - erst recht, da es oft mit dubiosen Fremdsubstanzen verschnitten wird. "Da draußen ist es gerade besonders gefährlich", schreibt der Drogenberater Jeff Deeney im Magazin "Atlantic". Je mehr Fälle von tödlichen Überdosen bekannt werden, desto begehrter scheint der Stoff zu werden.

Was bei Hoffman besonders schmerzt: Er war nach eigenen Angaben 23 Jahre clean, hatte aber 2013 einen Rückfall. Das bestätigt, dass Süchtige nie geheilt sind, es bleibt ein täglicher Kampf. Als "verschlagen, trügerisch, mächtig" beschreiben die Anonymen Alkoholiker - deren Meetings Hoffman besuchte - die Krankheit.

Erst recht bei Heroin: "Die physischen Entzugserscheinungen sind schrecklich", sagt Klinikdirektor Scardino. "Heroin gilt als die schlimmste aller Drogen."

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MtSchiara 05.02.2014
1. Philip Seymour Hoffman ist auch Opfer der Drogenpolitik
Zitat von sysopDPAPhilip Seymour Hoffmans starb vermutlich durch eine Überdosis Heroin. Der Fall belegt das Comeback dieser Droge, besonders in New York. Sie ist billig zu haben und wird mit anderen Substanzen zu hochtoxischen Stoffen verschnitten. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/philip-seymour-hoffmans-drogentod-amerikas-heroin-problem-ist-zurueck-a-951554.html
Philip Seymour Hoffman beging vermutlich keinen Selbstmord, sondern starb wohl daran, daß ihm der Zugang zu sauberem Heroin verwehrt wurde. Im Gegensatz zu Menschen, die an einer Überdosis Tabletten starben, begehen Menschen, die an einer Überdosis Heroin sterben, meist keinen Selbstmord. Wann wird Heroinsucht endlich als Krankheit anerkannt, die unter anderem auch mit (staatlich kontrolliertem) Heroin als Medikament therapiert werden kann? Es wird immer einen kleinen Prozentsatz an Menschen mit einer Neigung zu Drogenkonsum geben. Und man muß Heroin ja nicht gleich vollständig freigeben, so wie Haschisch. Aber man kann es freigeben für Menschen, die nachweißlich heroinsüchtig sind und denen Methanon oder Codein als Alternative nicht genügt. Jeder Heroin-Toter ist ein Drogenpolitik-Toter zu viel.
Dromedar 05.02.2014
2.
---Zitat--- Erst recht bei Heroin: "Die physischen Entzugserscheinungen sind schrecklich", sagt Klinikdirektor Scardino. "Heroin gilt als die schlimmste aller Drogen." ---Zitatende--- Heroin-Abhängige machen einen schrecklichen Entzug durch, ja, aber er ist nicht lebensgefährlich. Z.B. im Gegensatz zu Alkohol, da gibt es epileptische Anfälle, Schlaganfälle/Herzinfarkte, Delirium, Korsakow, Polyneuropathie und vieles mehr ... Heroin als die schlimmste Droge darzustellen ist verkehrt, nicht nur ist Alkohol schlimmer, erst recht Drogen wie Crystal, Crack, Kokain usw. Bei letzteren kommen die Leute teilweise mit massivsten Mangelerkrankungen bis hin zu Skorbut ins Krankenhaus. Heroin ist vor allen deswegen so gefährlich wegen der ganzen unkontrollierbaren Streckmittel, also primär wegen der Illegalität. Ansonsten ist es etwa vergleichbar mit Alkohol (Heroin macht schneller süchtig, aber schädigt den Körper nicht annähernd so sehr [es ist eher ein stärkeres Aspirin aus Sicht des Körpers]).
Danares 05.02.2014
3. Todesursache
Zitat von sysopDPAPhilip Seymour Hoffmans starb vermutlich durch eine Überdosis Heroin. Der Fall belegt das Comeback dieser Droge, besonders in New York. Sie ist billig zu haben und wird mit anderen Substanzen zu hochtoxischen Stoffen verschnitten. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/philip-seymour-hoffmans-drogentod-amerikas-heroin-problem-ist-zurueck-a-951554.html
Eben deswegen war es wohl kaum eine Überdosis Heroin, sondern Hoffmans übliche Dosis (sonst hätte man wohl einen Abschiedsbrief gefunden). Was ihn umgebracht hat war (den Berichten zufolge) vermutlich das Fentanyl, mit dem das Heroin von seinen *Dealer*n "gestreckt" wurde. Übrigens sind auch andere Kunden von Janis Joplins *Dealer* in derselben Woche gestorben, wie sie. Und Morrison ist auf der Toilette seines *Dealer*s zum Verhängnis geworden, dass er Heroin für Kokain hielt und deswegen eine Überdosis durch die Nase zu sich nahm. Bei Belushi war es ein Speedball (Kombination aus Heroin und Kokain), den er direkt von seiner *Dealer*in Cathy Smith injiziert bekam. Ich denke, die Gemeinsamkeit in all diesen Fällen wäre auch ohne meine Hervorhebung deutlich, und sie liegt eben nicht in einer Überdosis Heroin.
Freewolfgang 05.02.2014
4. Diskussion über Drogen
Zitat von sysopDPAPhilip Seymour Hoffmans starb vermutlich durch eine Überdosis Heroin. Der Fall belegt das Comeback dieser Droge, besonders in New York. Sie ist billig zu haben und wird mit anderen Substanzen zu hochtoxischen Stoffen verschnitten. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/philip-seymour-hoffmans-drogentod-amerikas-heroin-problem-ist-zurueck-a-951554.html
Es ist seit langem überfällig, in unserer Gesellschaft eine - ernst zu nehmende - Diskussion über ALLE Drogen zu führen. Es reicht nicht, ein paar Experten über die Thematik sprechen zu lassen. Die gesamte Bevölkerung gehört eingebunden. Lehrpläne an Schulen gehören entsprechend überarbeitet, jeder Führerscheinabsolvent muss über Risiken und Nebenwirkungen von Medikamenten, Alkohol und Drogen am Steuer aufgeklärt werden. Was ich an den bisherigen Beiträgen im Forum kritisiere, ist die Diskussion darüber, welche Droge denn nun schlimmer sei. Abhängigkeit und Sucht ist IMMER schlimm, egal welches Suchtmittel man bevorzugt. Ach ja: Auch Arbeit und Sex können Suchtmittel sein...
zynik 05.02.2014
5.
Zitat von sysopDPAPhilip Seymour Hoffmans starb vermutlich durch eine Überdosis Heroin. Der Fall belegt das Comeback dieser Droge, besonders in New York. Sie ist billig zu haben und wird mit anderen Substanzen zu hochtoxischen Stoffen verschnitten. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/philip-seymour-hoffmans-drogentod-amerikas-heroin-problem-ist-zurueck-a-951554.html
H war nie weg. "Dealen" ist für viele der einzig mögliche Ausweg aus der Armut. Die Entwicklung, dass Heroin mittlerweile billiger ist als diverse Schmerzmittel oder andere Produkte der Pharmaindustrie, ist da ein interessanter Faktor.
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