Bruchlandung einer Boeing: Piloten warnen vor Sicherheitsmängeln in San Francisco

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Die Ursache der Bruchlandung einer Boeing 777 in San Francisco ist weiter ungeklärt. Doch für Piloten ist der Flughafen an der Westküste der USA schon länger ein Horror: Ein wichtiges Flugleitsystem ist außer Betrieb.

San Francisco - Noch wird von vielen Seiten spekuliert, was die spektakuläre Bruchlandung einer Boeing 777 auf dem Flughafen von San Francisco am Samstag verursacht hat. Doch Piloten, die in den vergangenen Wochen den Flughafen der kalifornischen Metropole angeflogen haben, sind zutiefst besorgt angesichts des Unglücks mit zwei Toten und 182 Verletzten.

Wegen Umbauarbeiten an dem internationalen Airport ist dort schon seit einigen Wochen ein Sicherheitssystem für den Landeanflug außer Betrieb. Die Leiterin der Flugunfall-Untersuchungsbehörde der USA, Deborah Hersman, erklärte, Ermittler würden überprüfen, welche Rolle das Fehlen der Gleitweganzeige bei dem Unglück gespielt habe.

"Ein stabilisierter Anflug in San Francisco ist eigentlich kaum mehr möglich gewesen", sagt der Kapitän einer deutschen Airline, der regelmäßig dort mit seiner Maschine heruntergeht. "Es war nur eine Frage der Zeit, bis so etwas passiert", klagt der Flugzeugführer im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Betroffen von der Störung sei der Gleitweganzeige des Instrumentenlandesystem, eine Art elektronischer Leitstrahl, an dem die Maschinen heruntergeführt werden.

Die US-Luftfahrtbehörde FAA widersprach Berichten, wonach auch andere Systeme betroffen seien: So sei etwa der sogenannte Precision Approach Path Indicator (kurz PAPI) in Betrieb gewesen, heißt es in einer Mitteilung.

Diese Sicherheitssysteme sind insbesondere für schwere Langstreckenflugzeuge von großer Bedeutung. Wenn diese Maschinen sich mit ihrem Gewicht der Landebahn nähern, können beispielsweise schon geringe Abweichungen im Anflugwinkel für ein hartes Aufsetzen der Maschine sorgen.

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Flugzeugabsturz: Crash in San Francisco
Was bisher vom Unfallhergang der Asiana-Boeing bekannt ist, passe in das Bild eines solchen "unstabilisierten Anflugs", erklärte der Pilot SPIEGEL ONLINE. Der Pilot habe die Landebahn zunächst zu hoch angeflogen und sei dann zu schnell gesunken.

Die Maschine kam offenbar noch vor der eigentlichen Landebahn mit den Steinbuhnen in Berührung, die den Anfang der Piste vom Wasser der San Francisco Bay schützt. Die harte Landung schleuderte das Flugzeug wieder in die Höhe, ließ es dann mit dem Fahrwerk der Flugzeugspitze brutal auf den Asphalt krachen. So gewaltig war die Kraft dieses Aufschlags, dass hinten das Höhenleitwerk wegschleuderte.

Ohne die Heckflosse jedoch kann der Pilot das Flugzeug kaum mehr auf geradem Kurs halten, zumal eine ganze Reihe von Fahrwerken abgeknickt waren. Die Spur aus Flugzeugschrott und verstreuten Koffern zeugt von den riesigen Kräften, die auf die Triple-7 in diesem Moment gewirkt haben. "Unter den Umständen muss man konstatieren, dass es noch äußerst glimpflich abgelaufen ist", sagt der Pilot.

Lufthansa-Airbus musste erst vor drei Wochen durchstarten

Unter seinen Kollegen genießt der Flughafen von San Francisco einen äußerst schlechten Ruf. Die Lotsen würden immer wieder dadurch auffallen, den Piloten eine extrem starke Sinkrate durchzufunken. Vermutlich aus Lärmschutzgründen sollen die Maschinen aus großer Höhe schnell herunterkommen, um möglichst kurz in niedriger Höhe zu fliegen. "Häufig ist diese Sinkrate am Maximum dessen, was erlaubt ist, manchmal sogar höher", berichtet der Kapitän.

Der Stress für die Piloten würde noch gesteigert dadurch, dass die Maschinen sehr eng gestaffelt landen. Die chaotischen Umstände bleiben nicht ohne Folgen. Wie SPIEGEL ONLINE erfuhr, musste vor drei Wochen ein Lufthansa-Airbus in San Francisco durchstarten. In der Statistik zählt San Francisco derzeit bei Lufthansa als Landeplatz mit einer der höchsten Durchstarteraten. Bei der Lufthansa gab es für den Flughafen deswegen schon vor der Asiana-Bruchlandung besondere Sicherheitsanweisungen.

Behördenchefin Hersman erklärte am Sonntagabend, der Pilot habe eineinhalb Sekunden vor dem Aufprall versucht durchzustarten. Sekunden zuvor zeige der Flugschreiber noch keinerlei Komplikationen an. Zu möglichen Unfallursachen schweigt die Behördenleiterin bislang.

Schon ohne technische Unzulänglichkeiten gilt der Flughafen von San Francisco wegen seiner örtlichen Begebenheiten für Piloten als Herausforderung. Darauf hat der legendäre Pilot Chesley Sullenberger, der mit seinem Airbus im Hudson River von New York gelandet war, in Fernsehinterviews hingewiesen. Besonders schwierig für die Piloten, so der mittlerweile pensionierte Sullenberger, sei der Anflug über das Wasser, der dem Piloten eine optische Abschätzung der eigenen Flughöhe sehr schwermache.

Der Pilot der Unglücksmaschine hatte laut Asiana kaum Erfahrung im Steuern einer Boeing 777 - und landete offenbar zum ersten Mal mit einem Flugzeug dieses Typs in San Francisco. Er habe zwar fast 10.000 Flugstunden absolviert, sagte eine Sprecherin der Fluggesellschaft, aber nur 43 davon auf einer Boeing 777.

Aktualisierung: Nach Angaben der US-Luftfahrtbehörde FAA war der sogenannte Precision Approach Path Indicator (PAPI) beim Zeitpunkt des Unglücks in Betrieb. Auch der sogenannte Localizer, der den Flugzeugen ermöglicht, die Mitte der Landepiste zu treffen, sei in Betrieb gewesen. Wir haben die entsprechenden Textstellen aktualisiert.

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insgesamt 144 Beiträge
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    Seite 1    
1. Skandal
mwinter 08.07.2013
Wenn das stimmt, wäre das ein Skandal, der hoffentlich strafrechtliche Konsequenzen hat (für das Management des Flughafens). Ich habe mich schon gefragt, wie ein falscher Anflugswinkel überhaupt möglich ist, wo doch die Landung heutzutage praktisch automatisiert abläuft. Wozu sind aber solche Sicherheitssysteme da, wenn sie bei Bedarf einfach abgeschaltet werden können und der volle Flugbetrieb aus Profitgier trotzdem weitergeht? Der Flughafen hätte ohne Sicherheitssysteme nicht weiteroperieren dürfen oder hätte diese eben nur partiell (für einzelne Landebahnen) abschalten dürfen - Punkt!
2. Plausibel .....
kenterziege 08.07.2013
Zitat von sysopDPADie Ursache der Bruchlandung einer Boeing 777 in San Francisco ist weiter ungeklärt. Doch für Piloten ist der Flughafen an der Westküste der USA schon länger ein Horror: Wichtige Flugleitsysteme sind seit Wochen außer Betrieb. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/piloten-monieren-maengel-bei-sicherheitssystemen-in-san-francisco-a-909907.html
Das hört sich ganz plausibel an! Es gibt doch eine Internationale Vereinigung Cockpit. Da ist doch ein Mega-Sachverstand versammelt. Es würde doch für jeden Passagier ( meinethalben auch Passagierin) Sinn machen, eine Hitliste der Flughäfen nach Kriterien der Flugsicherheit zu bekommen. Für mich fallen Reisen in viele Bereiche Afrikas seit langem aus. Aber die Infrastrukturen in den USA sind ja auch bald Dritte Welt. Aber weltweit im Netz schnüffeln. Ich fand die USA immer toll. Ich war sehr oft beruflich und privat drüben. Nachdem sich schon die Einreiseprocedur selbst als BC-Passagier kaum noch ertragen lässt habe ich schon seit 3 Jahren keine Reis mehr dort hin angetreten. Wenn es jetzt noch Flughäfen gibt, bei denen die Piloten zu Akrobaten werden müssen, dann Güte Nacht. Ja , Ja Kriege im Irak und in Afghanistan kosten Geld ohne Ende. Dazu vieler privater Reichtum und öffentliche Armut!
3. Warum
svenni1064 08.07.2013
landen die Heavies dann nicht auf den Querbahnen? Der Wind steht dort zwar nicht so günstig, und der Anflug wäre über bewohntem Gebiet. Aber sicherer wäre es. Auf der anderen Seite: ein Pilot, der seine Maschine nicht VFR mäßig runter kriegt, gehört nicht ins Flugzeug. Genausowenig wie ein Pilot, der in 35000 Fuß nicht geradeaus fliegen kann.
4. Zum Glück war das kein Terror-Anschlag
wuffulus 08.07.2013
...sonst gäbe es jetzt wieder einen Krieg.
5. wer soll es schon Schuld sein...
tommykocher1209 08.07.2013
...nachdem alle Untersuchungen abgeschlossen sind, wird die NSA bestimmt Hr Snowden als Schuldiger entlarvt!
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