Pädophilie in der Piusbruderschaft Vertraue deinem Priester

Wenig ist bekannt über Sexualdelikte in den Reihen der erzkonservativen katholischen Piusbruderschaft. SPIEGEL ONLINE hat mit Opfern und Angehörigen gesprochen - ihre Erfahrung der kirchlichen "Aufarbeitung" ist erschütternd.

Piusbrüder beim Gebet
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Piusbrüder beim Gebet

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Die Piusbruderschaft tut viel, um sich vom angeblich modernistischen katholischen Mainstream abzugrenzen. In einem aber sind sich Traditionalisten und offizielle kirchliche Würdenträger erstaunlich ähnlich: im Umgang mit sexuellem Missbrauch.

"Ich muss ihm verzeihen", sagt der heute 13-jährige Joey* über einen Priester, der ihn im Schlafsaal eines Brüsseler Internats unter der Bettdecke betatschte. Der "schmutzige Dinge" mit ihm tat, ihn so berührte, wie es kein Erwachsener bei einem Kind tun sollte. Der ihn vor sich knien ließ, ihn bestrafte und erniedrigte. So berichtete es der Junge seinen Eltern und Geschwistern.

"Vergebung? Nein, dafür ist es zu früh", sagt Joeys Mutter mit zusammengepressten Lippen. "Denn dieser Priester bereut gar nichts." Im Jahr 2010 soll es den Eltern zufolge zu ersten sexuellen Übergriffen auf den damals siebenjährigen Joey, seinen vier Jahre älteren Bruder Luke* und mindestens einen weiteren Schüler des Internats der Piusbruderschaft, den damals achtjährigen Michael*, gekommen sein. Zu einem Zeitpunkt also, als weltweit aufgedeckte Missbrauchsskandale die katholische Kirche in ihren Grundfesten erschütterten.

Priesterbruderschaft St. Pius X.
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    Die traditionalistische Piusbruderschaft, kurz FSSPX, wurde 1970 von Erzbischof Marcel Lefebvre gegründet. Ihre Mitglieder fühlen sich nicht an die Beschlüsse des Zweiten Vatikanischen Konzils gebunden, sie lehnen die Liturgiereform, eine Öffnung zur Ökumene oder die Anerkennung des Judentums als modernistisch ab. Seit 1975 hat die FSSPX keinen kanonischen Status mehr - damit erfolgen Priester- und Bischofsweihen ohne die Erlaubnis Roms. Papst Johannes Paul II. exkommunizierte unerlaubt geweihte Geistliche, Papst Benedikt XVI. hob 2009 die Exkommunizierungen wieder auf. Teile der Piusbruderschaft sind offen antisemitisch, wie es der Skandal um Holocaustleugner Richard Williamson zeigte. Für die Piusbrüder sind Laizismus und Atheismus gleichbedeutend mit Todsünde, die Schriften der Aufklärung "Irrlehren". Sie verurteilen Abtreibungen, Empfängnisverhütung, Zinsspekulation, Gleichberechtigung, Homosexualität und Pornografie.

Der Priester aus Brüssel soll sogar bauliche Veränderungen in dem Internat vorgenommen haben, um unbeobachtet mit den Kindern intim sein zu können. Die Eltern berichten, er habe einen Durchgang zumauern lassen, durch den die Kinder vorher aus Angst vor seinen Avancen in ein kleines Bad geflohen waren, um sich dort einzuschließen.

Im Prozess am Strafgericht von Brüssel wies der Angeklagte jeden Verdacht auf einen systematischen, geplanten Missbrauch von sich: Wenn überhaupt, so habe er in einem Zustand der "Sexsomnie" gehandelt, sagte er. Also unbewusst, schlafwandlerisch, ohne Kontrolle über sich selbst.

Es ist bekannt, dass sich einige Missbrauchstäter vor Gericht auf diese Art von Schlafstörung berufen, um dann auf Unzurechnungsfähigkeit zu plädieren. Der Auftritt des Geistlichen wirkte auf die Betroffenen gut geplant und inszeniert: "Er kam herein und benahm sich, als wäre er selbst das Opfer", erinnert sich die Mutter von Joey und Luke. "Er weinte und jammerte die ganze Zeit."

"Rede nie schlecht über einen Priester"

Das Jammern wäre gar nicht nötig gewesen, denn der Mann wurde im Mai 2015 wegen Mangels an Beweisen freigesprochen. "Sein Anwalt hat meinen Sohn vor Gericht als Lügner bezeichnet", empört sich die Klägerin, die Mutter von Michael. Für die überzeugte Traditionalistin war die Konfrontation mit dem Missbrauch auch ein Prozess der Desillusionierung.

"In der Piusbruderschaft lernt man, die Geistlichen zu verehren", sagt sie. "Rede nie schlecht über einen Priester, vertraue ihm, zeige Respekt." Es habe sie viel Zeit gekostet, die Augen zu öffnen. "Ich war wie ein Kind, das seinen Eltern vertraut. Es erwartet niemals, dass sie ihm Böses wollen. Wir sind doch wie eine große Familie." Heute will die Klägerin nur noch eins: Verhindern, dass der Priester wieder mit Kindern arbeitet.

Generaloberer der Piusbruderschaft, Bernard Fellay, mit Gläubigen
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Generaloberer der Piusbruderschaft, Bernard Fellay, mit Gläubigen

Ihr Sohn Michael hatte bei der Polizei kurz nach der Anzeige eine Videoaussage gemacht und konkrete Vorwürfe erhoben. Joey und Luke jedoch mussten ein halbes Jahr auf einen Termin für ihre Aussage warten. Die Folge: Beide verdrängten das Geschehene.

"Als es so weit war, sagten sie nichts, was vor Gericht verwertbar gewesen wäre", erinnert sich die Mutter. "Joey hat alles bestritten, Luke hat nur über Joey und Michael geredet, aber nicht über seine eigene Missbrauchserfahrung." Für Traumaexperten eine völlig verständliche Reaktion. Aber ein Desaster für alle, die den Priester hinter Gitter sehen wollten.

Dabei waren die psychischen Folgen des Missbrauchs offensichtlich: Monatelang wickelte sich Joey nachts aus Angst vor Übergriffen in mehrere Bettlaken. Die Probleme in der Schule häuften sich. Lukes Schrift wurde immer kleiner, er hatte Albträume und fing an, sich zu bewaffnen, mit Spielzeugpistolen, Schwertern, einfach allem, was seiner Verteidigung dienen konnte.

Einmal sei der Priester abends in den Schlafsaal gekommen und habe seinen kleinen Bruder einfach über die Schulter gelegt und mitgenommen, erzählte Luke. Die beiden seien im Büro des Geistlichen verschwunden, bis heute weiß niemand, was dort geschehen ist. Joey selbst sagte nur: "Nichts. Das ist ein Geheimnis zwischen dem Abbé und mir. Ich durfte Schokolade essen."

Opfer haben keine Chance

Beweise für einen Missbrauch zu liefern, ist schwer. Schweigen, falsche Solidarität mit den Tätern oder aktive Vertuschung durch Verantwortliche sorgen regelmäßig dafür, dass die Opfer keine Chance haben. Weil es erfahrungsgemäß viele Jahre braucht, bis Opfer sich zu einer Aussage durchringen, sind Zeugen oft schlecht aufzutreiben oder erinnern sich nur schlecht.

Als Joey sich wegen der sexuellen Übergriffe verzweifelt an eine katholische Schwester im Internat wandte, reagierte die nicht: "Ich habe es auf den Ohren, ich höre so schlecht", sagte sie später auf Nachfrage der Mutter.

"Wer weiß, wie viele Opfer es noch gibt?", fragt die sich heute. Sie selbst hatte sich bereits 2010 beim damaligen Oberen für die Beneluxländer beschwert, weil der Priester ihrem Sohn ungewöhnlich teure Geschenke gemacht hatte und sie bereits Verdacht schöpfte. Der Obere versprach, sich zu kümmern - und tat nichts.

Als die Vorwürfe konkret wurden, suspendierte die Bruderschaft den Priester. Die Eltern erstatteten Anzeige. Nach dem Freispruch in der ersten Instanz läuft jetzt das Berufungsverfahren gegen den Priester. Die Eltern haben beschlossen, ihre Kinder keinen weiteren Befragungen auszusetzen.

"Die Piusbruderschaft hat in diesem Fall innerhalb von 24 Stunden reagiert, diese Person suspendiert und sofort den zivilen Behörden übergeben. Gleichzeitig wurde der Fall an die Kongregation für die Glaubenslehre in Rom gemeldet", schreibt die Bruderschaft auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE in einer Stellungnahme.

Die Reaktion kam spät, denn: Der tatverdächtige Geistliche war seit Jahren als potenzielles Risiko bekannt. Schon 2005 wurde er in seinem Heimatland, der Schweiz, wegen Pädophilie in einem kanonischen Verfahren angeklagt und 2006 wegen Mangels an Beweisen freigesprochen. Der Priester habe seitdem ein "limitiertes und überwachtes Apostolat" ausgeübt, schreibt die Piusbruderschaft auf Anfrage. Dennoch wurde der Geistliche kurz darauf ausgerechnet an das Internat in Brüssel berufen. Und übernahm die Nachtaufsicht bei den Grundschülern.

Bernard Fellay während einer kirchenrechtlich verbotenen Priesterweihe
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Bernard Fellay während einer kirchenrechtlich verbotenen Priesterweihe

Die Piusbruderschaft besitzt aufgrund ihrer radikalen Ansichten schon seit 1975 keinen kanonischen Status mehr und ist damit keine römisch-katholische Organisation. Das bedeutet: Sämtliche Priester- und Bischofsweihen erfolgen ohne die Erlaubnis Roms, Amtsausübung und das Spenden der Sakramente sind illegitim. Absurderweise behandelt die offizielle Kirche die Traditionalisten aber als gleichwertig, wenn es um "delicta graviora", die Missbrauchstaten, geht.

Im Mai 2015 erteilte die Glaubenskongregation dem Generaloberen der Piusbruderschaft, Bernard Fellay, das Mandat, Recht über Missbrauchstäter in den eigenen Reihen zu sprechen - auch über die hier genannten Fälle.

Die schützende Hand des Generaloberen

"Damit wird Intransparenz, Vertuschung und Vetternwirtschaft noch mehr Vorschub geleistet", sagt Simon P.*, der aus einer alteingesessenen, vielköpfigen Pius-Familie stammt und selbst Opfer eines Priesters wurde. "Ein Piusbruder hat mich 1989 in einem Pionierlager sexuell missbraucht und versucht, mich zu vergewaltigen", berichtet P. Elf Jahre alt sei er gewesen, der Pädophile habe ihn ein Jahr lang beharrlich verfolgt. "Der Generalobere der Piusbruderschaft, Bernard Fellay, hat diesen Priester fast 20 Jahre lang geschützt", so sein Vorwurf.

P. besuchte zwei Internate der Piusbruderschaft in Frankreich, er hat die Prinzipien der Hardliner mit der Muttermilch aufgesogen. Er war Teil des fundamentalistischen Mikrokosmos, in dem fast jeder jeden kennt und die Netzwerke verlässlich und verschwiegen sind. Sein Fall lässt ahnen, wie verheerend es für einen Heranwachsenden sein muss, wenn die Hälfte der eigenen Familie versucht, an den Idealen der geschlossenen Pius-Gesellschaft festzuhalten, obwohl deren Struktur den ungestraften Missbrauch erst möglich gemacht hat.

Bereits 1991 schrieb P. laut eigener Aussage einen Brief an den damaligen Generaloberen, in dem er vor dem übergriffigen Priester warnte. Doch obwohl immer wieder Missbrauchsvorwürfe laut wurden, geschah nichts.

Erst viele Jahre später, im Juli 2008, reagiert der Generalobere Bernard Fellay in einem Brief, der SPIEGEL ONLINE vorliegt, auf die Vorwürfe von P. Er erklärt, er habe seinem Assistenten Niklaus Pfluger die Ermittlungen übertragen. Zudem versichert er, der Tatverdächtige sei "seit langer Zeit von der Arbeit mit Kindern entbunden worden und ich glaube nicht, dass es weitere Fälle gegeben hat".

Tatsächlich arbeitete der Tatverdächtige ganze neun Jahre lang in Frankreich ungestört mit minderjährigen Pionieren, von 1993 bis 2002, was die Piusbruderschaft bestätigt. "Pater Laurençon, Distriktsoberer der Bruderschaft in Frankreich seit 1996, wandte verschiedene, immer restriktivere Maßnahmen ihm gegenüber an. Diese Maßnahmen wurden von Mgr. Fellay, Generaloberer der Bruderschaft seit 1994, stets gutgeheißen."

"Schwere Verfehlung unsererseits"

Allein, die Maßnahmen waren offenbar nicht effektiv: Der verdächtige Priester hat sich dem Verbot, mit Kindern zu arbeiten, widersetzt und es als ungerecht bezeichnet. In einem Brief an den Ex-Oberen Schmidberger schreibt der Geistliche 2005: "Es ist eine Schwäche, die flüchtig war, und die ich von ganzem Herzen bereut habe. Sie haben mich das Priesteramt wiederaufnehmen lassen und ich habe gezeigt, was ich kann, an verschiedenen Orten, zur Zufriedenheit von allen."

In dem Brief versuche der Priester, sich in einem günstigen Licht zu zeigen, schreibt die Piusbruderschaft in einer Stellungnahme. "Er lässt beiseite, dass es sich um ein limitiertes Apostolat handelte." Es sei wahr, dass der Priester wiederholt die ihm auferlegten Einschränkungen im Amt umgangen habe. "Oft kreidete er das Verhalten seiner Oberen an und sah sich selbst als ein notorisches Opfer ihrer Machenschaften."

"Die schwere Verfehlung unsererseits war, dass wir das Verbot nicht durchgesetzt haben", sagt der Pius-Ermittler Pfluger 2008 in einem Gespräch mit dem Missbrauchsopfer P., dessen Audiokopie SPIEGEL ONLINE vorliegt.

Erst nachdem P. einen Beschwerdebrief an die Glaubenskongregation in Rom geschickt hat, eröffnet die Piusbruderschaft 2012 ein kanonisches Verfahren gegen den Priester. Der Geistliche wurde dazu verurteilt, seine Ämter niederzulegen. Er legte dagegen im Sommer 2013 in Rom Einspruch ein.

"Leider hat der Priester die Entscheidungen der kirchlichen Autoritäten abgelehnt und die Piusbruderschaft verlassen", heißt es in der aktuellen Stellungnahme. Der Ex-Piusbruder wurde assoziiertes Mitglied einer Splittergruppe namens Résistence, der auch der renitente Holocaust-Leugner Richard Williamson angehört. Der Priester verrichte "seine Arbeit" im Westen Frankreichs, heißt es auf der Website der Gruppierung.

Papst Franziskus: Auf Harmoniekurs mit den Piusbrüdern
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Papst Franziskus: Auf Harmoniekurs mit den Piusbrüdern

Die Traditionalisten sind nicht einfach christliche Fundamentalisten, viele sind offen antisemitisch - das weiß man spätestens seit dem Skandal um Williamson. In Italien fand 2013 die Trauerfeier für den nationalsozialistischen Kriegsverbrecher Erich Priebke bei den Piusbrüdern statt. Auch in der Flüchtlingsfrage positionieren sie sich derzeit weit rechts - fremdenfeindlich und islamophob. Ätzende Kritik am liberalen Papst Franziskus gehört ohnehin zum guten Ton.

Johannes Paul II. drängte die tiefschwarzen Schafe der Piusbruderschaft einst ins kirchliche Abseits, indem er mehrere unerlaubt geweihte Geistliche exkommunizierte. Papst Benedikt XVI. hob 2009 die Exkommunizierung wieder auf.

Piusbrüder im Heimatland des Papstes wieder anerkannt

Und Franziskus? Scheint erstaunlicherweise die Erzkonservativen wieder in den Schoß der Kirche aufnehmen zu wollen. Für die Dauer des heiligen Jahres 2015/2016 erklärte der Papst unerwartet die Beichte innerhalb der Piusbruderschaft für rechtens. "Ich vertraue darauf, dass in naher Zukunft Lösungen gefunden werden können, um die volle Einheit mit den Priestern und Oberen der Bruderschaft wiederzugewinnen", sagte der Pontifex.

Der ehemalige Distriktobere von Deutschland und Österreich, Franz Schmidberger, sah bereits eine "endgültige Normalisierung" der angespannten Beziehungen kommen - eine Horrorvision für Missbrauchsopfer, die darin eine Belohnung für Vertuschung und intransparente Strukturen sehen.

Sollen also die Fundamentalisten durch Inklusion domestiziert werden? Anfang April empfing Franziskus persönlich den Generaloberen Bernard Fellay. Für Beobachter ein Indiz, dass die Piusbruderschaft langfristig den Status einer Personalprälatur bekommen könnte, wie die Laienorganisation Opus Dei. Dies würde eine kanonische Anerkennung bedeuten, aber mit größtmöglicher Autonomie für die Fundamentalisten.

In Argentinien, dem Heimatland des Papstes, wurde die Piusbruderschaft bereits im April 2015 vom Staat offiziell als Teil der katholischen Kirche anerkannt. Dafür eingesetzt hatte sich Franziskus' Nachfolger im Amt des Erzbischofs von Buenos Aires, Mario Aurelio Kardinal Poli. Ob mit dem Segen oder einer nachdrücklichen Empfehlung des Pontifex, ist nicht bekannt.

* Sämtliche Namen wurden zum Schutz der Betroffenen von der Redaktion geändert.

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