Flüchtlinge im Vogtland Jugendklub zu, Naziladen auf

Im sächsischen Plauen stoßen dunkles und helles Deutschland aufeinander. Flüchtlinge werden bedroht und verprügelt, Bürgerinitiativen versuchen dagegenzuhalten. Besuch in einer Region, die mit sich selbst ringt.

Von , Plauen

Mirko Kluge (l.): "Die Vorurteile sitzen tief"
privat

Mirko Kluge (l.): "Die Vorurteile sitzen tief"


Der Mann mit den Hals-Tattoos und dem wuchtigen Glatzkopf genießt die Aufmerksamkeit. David Köckert ist heute der Hauptredner einer Kundgebung auf dem Plauener Postplatz. "Demonstration gegen den Bevölkerungsaustausch" heißt die Veranstaltung. Ein Freitag im September, Köckert schreit, was das Zeug hält: Seuchen, Armut und Verderben brächten die Flüchtlinge. Die Menge jubelt. 400 Leute sind gekommen, um Köckert und drei weitere NPD-Redner zu hören.

Auf der anderen Seite der Polizeikette haben sich rund 300 Gegendemonstranten versammelt. Sie denken: Nicht die Flüchtlinge sind das Problem in der Region, sondern die Nazis.

Rund 800 Flüchtlinge leben in Plauen, der größten Stadt des sächsischen Vogtlandes. 800 von 66.000 Einwohnern. Die meisten sind in einer der vielen Hundert leer stehenden Wohnungen der Stadt untergebracht, der Rest verteilt sich auf zwei Heime. Selbst wenn sie alle bleiben würden, hätte Plauen einen Ausländeranteil von unter zwei Prozent. Lächerlich wenig, wie sie auf der einen Seite der Polizeikette finden.

Bei den Rechten hingegen brüllt ein Redner "Invasion", ein anderer "Eroberer". Gut die Hälfte der 400 Teilnehmer ist auf den ersten Blick der Naziszene zuzuordnen. Doch da ist auch noch die andere Hälfte: der Rentner mit der beigefarbenen Jacke, das gut gekleidete Ehepaar, der 50-Jährige mit Bierflasche und schmutziger Jeans. Menschen, die sich selbst zur Mitte der Gesellschaft zählen.

Jeannette Haase-Pfeuffer, die auf der Gegendemo protestiert, wundert sich: "Es gibt bei vielen Leuten keine Scheu mehr, mit richtigen Nazis gemeinsame Sache zu machen. Wir fragen uns immer wieder, was hier im Vogtland gerade los ist."

Demo gegen Rechte im sächsischen Plauen
Christoph Ruf

Demo gegen Rechte im sächsischen Plauen

Ja, was ist los im Vogtland? Wie überall in Deutschland bewegt die Flüchtlingsfrage die Menschen, wie überall gibt es keine einfachen Antworten. Wenn in diesem Sommer von rechtsextremen Protesten gegen Flüchtlinge die Rede war, dann ging es oft um Sachsen.

Rechte bekommen auch in Plauen mehr Zulauf, aber Bürgerinitiativen, die sich für Flüchtlinge engagieren, ebenfalls. Im Umland der Stadt sieht es hingegen schon wieder anders aus. Eine Reise durch eine Region, die mit sich selbst ringt.

Vor der Wende war die Region das Zentrum der Textilindustrie. Heute müssen viele wegziehen, wenn sie Arbeit wollen. Schon im 28 Kilometer entfernten Hof, in Bayern, liegen die Löhne oft 40 Prozent über denen in Plauen. Etwa 25 Prozent der Wohnungen in der sächsischen Stadt stehen leer.

Die Rechten aber sind geblieben. Längst ist die zweite Generation aktiv. Lehrer berichten von Jugendlichen, die von Kindesbeinen an indoktriniert wurden. Im Vogtland finden sie eine Infrastruktur aus Tattoo-Läden, Proberäumen und Kneipen vor, in denen man als Rechter weitgehend unter sich ist - oder zumindest niemanden stört.

Nach Zobes, ein 400-Einwohner-Örtchen östlich von Plauen, reisen manchmal Neonazis aus der ganzen Republik, wenn auf dem Gelände einer NPD-Kreisrätin ein Rechtsrock-Festival stattfindet.

Seit 2014 die ersten Flüchtlinge in Plauen ankamen, mussten sie mit Angriffen rechnen: Beim Einkaufen wurden Syrer von Rechten mit Baseballschlägern attackiert. Andere wurden nach einem Discobesuch mit Glasflaschen beworfen. Anfang September griff ein Betrunkener einen Ausländer mit einer Axt an. Der Staatsschutz ermittelt. Das ist die dunkle Seite von Plauen. Doch es gibt auch eine helle.

Blick auf Plauen
imago

Blick auf Plauen

Wer ein paar Tage in Plauen verbringt, erlebt eine vielfältige Stadt, es gibt Kneipen, Cafés und Kleinkunstbühnen, mittwochs trifft man sich im selbstverwalteten "Projekt Schuldenberg", donnerstags im "Malzhaus" zur "Querbeat"-Party, wo Flüchtlinge und Einheimische beim Kickern oder am Tresen ins Gespräch kommen. Die Rechten sind hier eine Subkultur von vielen, anderswo sind sie die einzige. "Ich bin froh, dass ich in einer Stadt wohne, die nicht so ist wie Freital oder Heidenau", sagt Pavel*, der in der Antifa aktiv ist. "Das liegt auch daran, dass es hier noch viele Jüngere gibt."

Doch Pavel und seine Freunde wundern sich über ihr Vogtland. Etwa darüber, dass die Polizei angeblich nicht mal einen Platzverweis ausspricht, wenn mal wieder jemand Hitler grüßt.

"Die NPD war in den letzten Jahren durch unsere Mobilisation schon an den Rand gedrängt", sagt Pavel. "Durch das Flüchtlingsthema bekommen sie wieder Aufwind." Das wundert ihn nicht. "Die Leute fallen auf die krassesten Lügen rein. Wenn auf Facebook behauptet wird, die Flüchtlinge bekämen 1500 Euro pro Monat, glauben das viele." Pavel lacht, ihm kommt ein Song der Punkrockband Kraftklub in den Sinn, als er berichtet, dass viele fragten, was ihnen noch bleibe, wenn die deutsche Identität flöten gehe.

Und selbst wenn alles scheiße ist, du pleite bist und sonst nichts kannst
dann sei doch einfach stolz auf dein Land
Oder gib die Schuld ein paar anderen armen Schweinen
Hey wie wäre es denn mit den Leuten im Asylbewerberheim?

Aziz und seine Helfer

Flüchtling Aziz: Neue Hoffnung in Plauen
privat

Flüchtling Aziz: Neue Hoffnung in Plauen

Aziz weiß, wie Leute dreinschauen, die finden, dass das Boot voll ist. "Man sieht es daran, wie sie einen angucken, wenn sie an dir vorbeigehen", sagt der 24-jährige Gambier. So viel Hass in einem einzigen Seitenblick. In Gambia habe er sich aus der Politik herausgehalten - im Gefängnis sei er trotzdem gelandet. "In meinem Land braucht die Polizei Verhaftungen, um Provisionen zu kassieren. Eines Tages war ich dran."

Die ersten Wochen in Plauen waren schlimm, sagt er. Langeweile nagte am Gemüt. "Dann habe ich Mirko Kluge getroffen."

Kluge engagiert sich gemeinsam mit seinen Freundinnen Jeannette Haase-Pfeuffer und Andrea Geibel ehrenamtlich für Flüchtlinge. Dank ihnen spielt Aziz im "Integrationsteam 1903% Respekt" Fußball, dank ihnen konnte er im Projekt "Refugee-Garden" brachliegende Freiflächen roden und neu bepflanzen. Dank ihnen weiß er von Musik- und Sprachkursen und der geplanten Bibliothek. Die Langeweile ist abgeklungen. "Ich wünsche allen Flüchtlingen in der Welt, dass sie solche Menschen treffen wie Jeannette, Mirko und Andrea."

Andrea Geibel ist hauptberuflich Sozialarbeiterin. Seit sie sich zusätzlich um Flüchtlinge in Plauen kümmert, pappt ein "Refugees welcome"-Aufkleber auf der Heckscheibe ihres Autos. Der wurde schon ein paarmal überklebt, ihr Außenspiegel abgetreten. Als Jeannette Haase-Pfeuffer mit einem Eritreer in der Stadt unterwegs war, zeigte ein Passant den Hitlergruß. "Ich habe elf Jahre in Würzburg gewohnt, da dreht sich keiner um, wenn er einen Afrikaner sieht. Hier laufen fünf Schwarze rum, und wir sind gleich überfremdet?", fragt sie spöttisch.

Jeannette Haase-Pfeuffer: Ehrenamtlicher Einsatz für Flüchtlinge
privat

Jeannette Haase-Pfeuffer: Ehrenamtlicher Einsatz für Flüchtlinge

Seit die Lokalpresse über ihre Initiative "Integration statt Isolation" berichtet, zerfällt Plauen in zwei Pole. Rassisten werden mutiger, aber auch die Menschen, die helfen. Mirko Kluge ist mit dem zunehmenden Engagement zufrieden. "Wenn wir ein Unternehmen wären, hätten wir gigantische Wachstumsraten. Aber die Vorurteile sitzen tief", sagt er. Auch deswegen gehen sie mit den Flüchtlingen an Schulen, um aufzuklären.

"Wollen Sie irgendwann wieder zurück?"

Blick von der Burgruine auf Elsterberg
imago

Blick von der Burgruine auf Elsterberg

Elsterberg, ein malerischer Ort am Fuß einer gut erhaltenen Burgruine aus dem 13. Jahrhundert. 4500 Einwohner, ein paar Geschäfte und die TRIAS-Oberschule, vor deren Eingang gerade der kleine Bus des Fußballvereins VFC Plauen hält. Mirko Kluge, Nabil, Aniss, Hassan, Sorur und die zweijährige Sitra steigen aus.

Die Schüler im Alter von etwa 14 Jahren haben einen Zettel mit Fragen vorbereitet. "Warum sind Sie aus Libyen geflohen?" "Haben Sie Ihr Geld mitgenommen?" "Wollen Sie irgendwann wieder zurück?"

Höflich, aber in schwachem Englisch antworten die Flüchtlinge, die kleine Sitra punktet mit ihrem offenen Lächeln bei den Jugendlichen. Die Skepsis ist bei einigen dennoch mit Händen zu greifen. Immerhin: Als sie ein Feedback geben sollen, sagen die meisten Schüler, sie hätten jetzt ein positiveres Bild von Flüchtlingen als zuvor.

Wie wichtig Begegnungen sind, wird auch durch die Schilderungen einer Lehrerin deutlich. Sie erzählt, dass ihr am Vortag eine 11-Jährige entgegnet habe, das mit der Integration sei ja schön und gut. Aber es sei doch schade, "wenn die deutsche Rasse ausstirbt."

Kampf gegen den Rotstift

Maik Friedrich (blaues Shirt) und Kollegen
Christoph Ruf

Maik Friedrich (blaues Shirt) und Kollegen

Ein paar Autominuten von Elsterberg entfernt liegt die Kleinstadt Lengenfeld, Heimat einer Initiative namens "Lengenfeld für uns".

Maik Friedrich, der das örtliche Jugendzentrum leitet und im 60 Kilometer entfernten Chemnitz wohnt, hat den Eindruck, dass die Rechten mehr werden und auch dreister. Und das hat Gründe.

Allein im Vogtland seien in diesem Jahr 31 Verträge im Kinder- und Jugendbereich gekündigt worden, berichtet er. Die Mobile Sozialarbeit werde vielleicht demnächst komplett gestrichen. Für Lengenfeld gibt der Etat noch 30 Stunden her, acht davon gehen für die Verwaltung und den Putzdienst drauf. Um halb sieben schließt Friedrich ab, dann ist Totentanz in Lengenfeld.

In anderen Orten im Vogtland, in denen der Jugendklub lange die einzige Anlaufstelle war, ist die Lage noch trostloser. Markneukirchen? Geschlossen. Klingenthal? Ebenfalls. In Netzschkau bot sich ein Bild mit Symbolkraft. "Als der Jugendklub abgewickelt wurde, hatte der Naziladen gegenüber immer noch auf", sagt Friedrich.

Anfang der Neunziger, nach den Anschlägen von Mölln und Rostock-Lichtenhagen, habe der Staat gut ausgestattete Programme aufgelegt, die im Laufe der Jahre Wirkung zeigten. Doch seit Jahren regiere der Rotstift. "Wer an der Prävention spart, muss sich später nicht wundern", sagt Friedrich.

Eine Mannschaft für die Flüchtlinge

Spieler aus dem Integrationsteam "1903% Respekt" (Archiv)
DPA

Spieler aus dem Integrationsteam "1903% Respekt" (Archiv)

Zurück in Plauen. Während sich Nazis und Gegendemonstranten gegenüberstehen, kommt es nicht weit entfernt zu einem deutlich angenehmeren Zusammentreffen. 20 Flüchtlinge spielen gegen die Freizeitmannschaft "Amok Auerbach" Fußball. Das "Integrationsteam" in seinen gelben Trikots ist technisch besser und gewinnt 7:3.

Im "Integrationsteam" spielen junge Asylbewerber aus Plauen, eine Idee von Mirko Kluge. VFC-Vorstand Erik Holtschke applaudiert begeistert, er ist froh, dass die Idee sich so gut umsetzen ließ. "Da ist es mir auch egal, dass ich jeden Tag einen Pöbelbrief deswegen bekomme. Ich lese den Unsinn eh nicht mehr."

Jetzt ein Bier und ein Würstchen. "Chicken", wie er einem Afrikaner versichert, der ihn fragend anschaut. Auch die Auerbacher Spieler gratulieren zum Sieg. "Schön, dass ihr da wart", sagen die Flüchtlinge. "Schön, dass wir hier sein durften", antworten die Kicker aus Auerbach. Bald soll es ein Rückspiel geben.

Wenn es nach den 300 Menschen ginge, die nicht einmal 48 Stunden später erneut in die Plauener Innenstadt kommen, würde es dieses Rückspiel nicht geben. Die Initiative "Wir sind Deutschland - gemeinsam sind wir stark" fordert, dass die Grenzen geschlossen und die bereits hier lebenden Flüchtlinge möglichst schnell abgeschoben werden.

Eine Woche später, am vergangenen Sonntag, kommen laut Lokalzeitung schon 2000 Menschen zur Kundgebung. Darunter sind auch stadtbekannte Neonazis, unter anderem vom "Dritten Weg". Doch die allermeisten Teilnehmer zählen sich zu den "ganz normalen Bürgern", von denen der Veranstalter, der Gastronom Michael Oheim, so oft spricht. "Wir hoffen natürlich, mit unserer Bewegung einen Flächenbrand auszulösen", sagte er gleich zu Beginn seiner Rede. "Unser ganzes Land soll friedlich auf die Straße gehen, denn wir sind ein Volk."

Für viele Helfer der Flüchtlinge ein gewagtes Bild: Zwei Tage zuvor wollten die Neonazis des "Dritten Weges" mit Fackeln zum Flüchtlingsheim ziehen. Das wurde jedoch verboten.

*Name geändert



© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.