Models für Aldi, Lidl und Co.: Deutschlands Durchschnitt

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Silvana Denker und Hans-Peter Reichart: Die Übergroßen Fotos
CURVE Model Management

Wer die Models Silvana Denker und Hans-Peter Reichart bucht, will die Illusion von Normalität verkaufen. Wie lebt es sich als Gesicht von Aldi, Real und Ulla Popken?

Silvana Denker und Hans-Peter Reichart sind deutscher Durchschnitt. Das ist nicht beleidigend oder herabwürdigend gemeint, so würden die beiden das auch nicht verstehen. Denn ihre Durchschnittlichkeit ist ihr Kapital, mit ihr verdienen sie Geld. Sie verkörpern Normalität.

Wer bei Lidl oder Bonprix einkauft, will auf der Verpackung keine Kate Moss oder Naomi Campbell sehen. Er will eine aufgehübschte Version seiner selbst, er will Vertrautheit. Dafür engagieren die Firmen Models wie Silvana Denker und Hans-Peter Reichart. Weil sie aussehen wie alle. Weil der Käufer denken soll: "Wenn der das trägt, kann ich das auch!"

Die deutsche Durchschnittsfrau - das haben die Macher der "Size Germany" Studie 2009 vermessen - ist weit entfernt von den als idealtypisch geltenden Maßen 90-60-90. Stattdessen hat sie einen Brustumfang von 98,7 cm, einen Taillenumfang von 84,9 cm und 102,9 cm um die Hüfte. Das entspricht mit wenigen Zentimetern Abweichung ziemlich genau Silvana Denkers Maßen.

Und wer den typischen deutschen Mann zeigen will, braucht kein Model in Kleidergröße M. Er braucht einen Kerl wie Hans-Peter Reichart: Mit einem Brustumfang von 108 cm und 112-Zentimeter-Hüften. Durchschnitt eben.


Silvana Denker

ist 28 Jahre alt, 1,77 Meter groß, wiegt 85 Kilo, trägt Größe 42/44

110 Kilo. So viel habe ich mit Anfang 20 gewogen. Ich fühlte mich sehr dick, war unzufrieden und unsicher, bin kaum noch vor die Tür gegangen, ans Modeln war nicht zu denken. Das änderte sich erst, als ich 35 Kilo verloren hatte. Ich war wieder stolz auf meinen Körper und bewarb mich 2010 bei einem Wettbewerb von Ulla Popken. Gewonnen habe ich zwar nicht, es aber immerhin bis ins Finale geschafft. Agenturen und Kunden wurden aufmerksam. Heute bin ich 28 Jahre alt und kann vom Modeln leben. Nebenbei arbeite ich als Fotografin und Schauspielerin.

Natürlich treffe ich bei Castings immer auch sehr, sehr dünne Models. Früher hatte ich Zweifel, aber heute denke ich: Warum sollte ich abnehmen? Es läuft doch sehr gut für mich. Neulich habe ich für einen Job in Dänemark sogar fünf Kilo zugenommen. Ich habe keine Probleme damit, mich in Unterwäsche oder im Bikini zu zeigen. Im Gegenteil: Ich freue mich, dass ich ein Vorbild für normale Frauen sein kann.

Ich bin stolz auf meine Kurven, ich habe hinten und vorne was. Ich gehe ins Fitnessstudio, boxe, fahre Fahrrad. Es schwabbelt nichts, die Proportionen stimmen. Am Anfang meiner Karriere musste ich Bekannten noch erklären, dass ein Plus-Size-Model mehr ist als "so 'ne Dicke". Inzwischen gibt es zum Glück immer mehr Firmen, die bewusst mit kräftigen Frauen werben.

Wenn ich heute doch mal beleidigende Kommentare über meine Figur höre, rege ich mich nicht mehr auf. Ich habe mir ein dickes Fell zugelegt. Ich habe alles durch: Früher war ich sehr dünn, dann sehr dick. Und jetzt? Bin ich sehr glücklich.


Hans-Peter Reichart

ist 27 Jahre alt, 1,84 Meter groß, wiegt 110 Kilo, trägt mindestens Größe XL

Ich bin korpulent. Und ich lebe davon. Zwei Semester fehlen mir noch bis zum BWL-Abschluss in Nürnberg, im Monat habe ich bis zu vier Model-Aufträge. Vor allem Shootings für Kataloge und Werbeprospekte. Mit meinem Gesicht - und meinem Bauch - habe ich für Aldi, Lidl, Bonprix und Real geworben. Das sind starke Unternehmen, die sich keine Fehler leisten wollen. Auch nicht bei der Wahl ihrer Models.

Klar wäre es das Nonplusultra, auch mal für große Namen wie Gucci oder Armani zu werben - finanziell und für das Image. Aber die stellen gar keine Klamotten her, die mir passen. Ich bin 1,84 Meter groß, wiege 110 Kilo, trage mindestens XL. Wäre es nicht toll, wenn die großen Firmen darauf achten würden, wie die Welt tatsächlich ist - und nicht darauf, wie sie sie gerne hätten? Ja, ich bin Plus Size. Ich sehe aber nicht fett, nicht unappetitlich aus. Sondern so wie die breite Masse.

Natürlich habe ich schon darüber nachgedacht, abzunehmen. Drei Monate hungern, viel Sport. Zur Belohnung ein Sixpack und dadurch vielleicht mehr Modelaufträge. Durchgezogen habe ich es nie. Denn im Endeffekt würde ich mir damit selbst schaden: Als Plus-Size-Model bin ich etwas Besonderes, fülle eine Lücke aus. Und muss nicht mit all den anderen Sixpacks konkurrieren.

Ich war schon immer stämmig. Und selbstbewusst. Deshalb macht es mir auch nichts aus, wenn sich meine Kumpel manchmal lustig machen über "Germany's Next Top-Moppel". Ich finde mich selbst attraktiv, auch Freunde und Verwandte haben mir das immer wieder gesagt. Vor vier Jahren habe ich eine Annonce von Quelle gelesen, sie suchten Plus-Size-Models für ihren Katalog. Ich habe mich spontan beworben. Die Jury hat einen Freund und mich gemeinsam zu Gewinnern gekürt. Das anschließende Shooting war mein erstes großes. Seitdem läuft es sehr gut für mich, ich habe in den USA gearbeitet, auf den Kanaren, in Dänemark und Schottland.

Die Auftraggeber setzen mich meist als den jugendlichen Typ ein, den Familienvater nimmt man mir auf Fotos nicht ab. Geschätzt werden meine Natürlichkeit und meine Disziplin. Wenn der Kunde ein Lachen will, denke ich an die letzte Party mit Freunden. Will er mich cool, stelle ich mir vor, ich würde in der Disco flirten.

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insgesamt 119 Beiträge
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1. Sehr ansprechend
Nora W. aus K. am R. 25.03.2013
Ich muss sagen, ich finde beide Herrschaften optisch sehr ansprechend. Klar wird auch an diesen Bildern fleißig nachbearbeitet, aber die typischen out-of-bed Bilder diverser Fotomodels sehen zumeist ebenfalls alles andere als perfekt aus.
2. wow
woodstocktc 25.03.2013
kompliment an Frau Denker. Sie sieht atemberaubend aus und sie strahlt ihr Selbstbewusstsein auch aus. Wenn das die neue "Normalität" ist dürfen wir uns glücklich schätzen.
3. Xl
Meckermann 25.03.2013
Die Beiden sehen doch recht gut aus. Besser jedenfalls, als so mancher Hungerhaken, der von Karl Lagerfeld über die Laufstege gescheucht wird...
4. Kranke Sprache
PeterPan95 25.03.2013
Wenn jemand dem Durchschnitt sehr nahe kommt und dann "Plus-Size-Model" genannt wird, zeigt dass doch schon sehr viel über die kranke Modelwelt. Natürlich gibt es dicke Leute und Mode für dicke Leute, aber die beiden Models hier sind normal, und nicht "Plus-Size". Eher sollten die "normalen" Models ein Label bekommen wie "Small-Size". In der Umgangssprache sind wir da weiter, da nennt man sie oft "Hungerhaken" (zumindest in meinem Umfeld).
5. Naja,
c54 25.03.2013
man könnte das auch als Anbiederungsversuch an die potentiellen Käufer sehen - guckt mal, ihr seid auch nicht dicker als unsere Models, da braucht ihr gegen euer Übergewicht gar nicht groß was tun!
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