Pola Kinski bei "Beckmann": "Das Unfassbare habe ich als nötiges Übel ertragen"

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Pola Kinski bei "Beckmann": Kritik an der Verklärung des Vaters

Sie fühlte sich benutzt, beschmutzt und konnte sich doch lange nicht befreien: "Ich brauchte das Gefühl, dass er mich liebt", sagte Pola Kinski im Gespräch mit Reinhold Beckmann über die Sehnsucht nach ihrem Vater. Was sie erfuhr, war Erniedrigung. Anerkennung blieb ihr versagt - auch durch die Mutter.

Hamburg - "Ich habe lebenslänglich". Bei "Beckmann" versucht Pola Kinski zu beschreiben, was der Missbrauch durch ihren Vater noch heute in ihr auslöst. Es ist ein Missbrauch, der sich nicht auf körperliche Gewalt beschränkte. Klaus Kinski missbrauchte vor allem das Vertrauen seiner Tochter, die sich so sehr nach der Liebe ihres Vaters sehnte - und vor allem für seine Triebabfuhr herhalten musste.

Es war ihr Wunsch, wahrgenommen zu werden, der sie in die Arme des Vaters trieb, sagt sie - in eine Umarmung, die regelmäßig in Gewalt mündete, 14 quälende Jahre lang. Jahre, in denen sich ihr Vater Klaus Kinski, in der Öffentlichkeit als manisches Genie ebenso verehrt wie gefürchtet, an ihr verging. Inzwischen ist Pola Kinski 60 Jahre alt, ihr Vater starb vor mehr als 20 Jahren. Doch eines wird deutlich: Pola Kinski wird immer Tochter bleiben, der Missbrauch ist Vergangenheit, doch Geschichte ist er für sie nicht.

Ein Einspieler zeigt, wie Kinski in einer Talkshow 1977 über den legalen Sex mit Minderjährigen fabulierte. Ein Aufschrei der Empörung blieb damals aus. Man traute dem Schauspieler Kinski alles zu und glaubte ihm nichts. Es war sein Image, das ihm Schutz bot. Und das letztlich den Anstoß dazu gab, dass Pola Kinski schließlich öffentlich ihr Schweigen brach. "Ich habe nicht mehr ausgehalten, dass ich mich immer noch so quäle und mit Ängsten kämpfe - und sein Glorienschein immer größer wurde. Es gab noch einen Bildband, noch einen Gedichtband. Er mutierte langsam zum hochsensiblen Künstler. Da hat es mir gereicht."

"Ich war unsichtbar"

In Pola Kinskis Stimme ist kaum Erregung, ruhig und überlegt spricht sie über die Vergangenheit, die immer noch Teil ihrer Gegenwart ist. Einzig in ihren Augen ist ständig Bewegung. Häufig blickt sie zu Boden, oft konzentriert gen Decke.

Es war die Sehnsucht, die sie nach der Wiederheirat ihrer Mutter Gislint näher zu ihrem Vater brachte. Der beteuerte, wie sehr er sie liebte, wie sehr er sie brauchte. Der sie ausstaffierte wie eine Ankleidepuppe, mit den teuersten Schuhen - oft mehr als sie tragen konnte, der anrief, 30 Mal am Tag. "Ich bin zu ihm gefahren, weil ich das Gefühl brauchte, dass er mich liebt", sagt sie. Anders als in der neuen Familie ihrer Mutter, in der sie sich zurückgewiesen fühlte. "Ich war unsichtbar."

Der Missbrauch hat mit Missachtung zu tun, das macht die Sendung deutlich. Und mit dem Wunsch nach Achtung und Anerkennung. Es ist allzu oft dieses Bedürfnis der Opfer, das die Täter - egal ob innerhalb der Familie, im Bekanntenkreis, in Internaten oder der Kirche - ausnutzen und auf perfide Art missbrauchen.

Pola Kinski trifft bei ihrem Vater nicht auf das, was sie erhofft. Statt Halt und väterliche Zuwendung gibt er ihr Küsse "mit offenem Mund."

Aber die Aufmerksamkeit, die er ihr zuteil werden lässt, ist für sie immer noch besser als die Leere, auf die sie sonst trifft. Das Gefühlsvakuum, als das sie die Kindheit bei der Mutter beschreibt, wo sie sich als Fleisch gewordener, ewiger Störfaktor fühlt. "Er hat um meine Hand angehalten", sagt sie und meint Kinski: Der Schauspieler umgarnte seine Tochter mit Geschenken und Liebesbekenntnissen. Sie sollte ihm gewogen sein, vor allem aber gefügig in ihrer Abhängigkeit. Sie suchte Liebe und bekam Geschenke. Sie hoffte auf Anerkennung und erfuhr Erniedrigung. "Das Unfassbare habe ich als nötiges Übel ertragen", sagt sie und bringt das Dilemma ihrer Geschichte, die derer Tausender Missbrauchsopfer gleicht, auf den Punkt. "Es war weniger schlimm, als unsichtbar zu sein und störend."

"Die Haltung meiner Mutter verhüllt mich"

Von ihrem 5. bis zu ihrem 19. Lebensjahr hat sich Klaus Kinski an seiner Tochter vergangen. "Ich wäre nie auf die Idee gekommen, zu sprechen", sagt sie rückblickend über die Zeit. Er drohte ihr, wenn sie sich offenbare, müsse er ins Gefängnis. "Das wollte ich nicht." Ihr fehlt ein Ansprechpartner, das Geschehene spaltet sie ab, aus Selbstschutz: "Es war tief versenkt, wenn ich wegfuhr." Auch Andreas Huckele, der an der Odenwaldschule von Leiter Gerold Becker missbraucht wurde, berichtet in der Sendung vom Prozess des Abspaltens, der es den Opfern ermöglicht, den Alltag weiter zu bestreiten. "Die Erinnerungen waren so schmerzhaft präzise, dass mir irgendwann klar wurde, das ist kein Traum, das ist genau so passiert."

Als Pola Kinski sich mit 19 Jahren schließlich der Mutter und dem Stiefvater offenbart, bleibt sie auch in ihrer Not unsichtbar. Sie flüchtet vor dem Vater nach München, hat Todesangst, sieht sich "wie durch eine Glaswand getrennt von anderen Menschen", in der Ferienwohnung der Mutter im Chiemgau bricht sie zusammen. "Gott lässt mein Herz stehen. Ich werde verrückt."

Doch die Mutter reagiert nach Kinskis Erinnerung kaum, in einem Interview mit der "Bunten" sagt sie nun, sie habe erst jetzt von den Vorwürfen erfahren. Ihre Tochter habe sich nie offenbart. Noch immer will die Mutter offenbar nicht sehen, was der Tochter widerfahren ist. "Die Haltung meiner Mutter verhüllt mich", sagt Kinski. Sie sieht in den Sätzen der Mutter Schuldzuweisungen: "Du hast nicht gesprochen, du bist zu ihm hingefahren."

"Er hat mich mit Nichtbeachtung gestraft"

Pola Kinski hat auch ihren Vater konfrontiert. Sie hat ihm einen Brief geschrieben: "Ich habe ihm gesagt, dass ich nie mehr auf diese Art und Weise mit ihm kommunizieren würde - sondern nur als Tochter eines Vaters." Die Reaktion: blieb aus. Kinski übersieht erst die Vorwürfe seiner Tochter, dann sie selbst. Bei einem Aufeinandertreffen steigt er einfach über sie hinweg, als sie auf dem Boden sitzt. Kein Kontakt. "Er hat mich mit Nichtbeachtung gestraft. Ich war nicht da."

Es hindert ihn jedoch nicht daran, sich ihr später wieder anzunähern. "Er hat es immer wieder versucht. Als hätte ich nichts gesagt." Als würde es sie gar nicht geben, als sei sie tatsächlich unsichtbar. Ausweichend reagiert er, als er in Paris später auf den Ehemann seiner Tochter trifft. Jahrelang hatte er auf sie eingeredet: "Kein anderer Mann darf das mit dir tun - nur ich." Doch über den Missbrauch sprechen Vater und Tochter nie.

Als Klaus Kinski 1991 stirbt, fühlt seine Tochter zunächst nichts. Kurz darauf, so sagt sie nun, sei sie froh gewesen. "Ich habe mir gedacht, so ein Mensch soll nie geboren werden, der anderen so weh tut." Mit ihrem Buch hat sie gegen den Mythos Kinski angeschrieben, es ist der Versuch, ihn zu demaskieren. Vom wahnsinnigen Genie bleibt nur der Wahnsinn. "Wenn ich ihn als einen wütenden, tobenden Berserker gesehen habe in einem Film, dann habe ich ihn nicht als Schauspieler empfunden, denn so haben wir ihn eins zu eins im Alltag erlebt." Sie habe furchtbare Angst vor ihrem Vater gehabt, sagt Pola Kinski. "Ich habe immer noch damit zu kämpfen."

Die Angst eint die Opfer. Diejenigen, die wie Kinski innerhalb der Familie missbraucht werden, oder die Übergriffe in einer Institution erleben wie Andreas Huckele. "Ich habe immer Schuldgefühle gehabt", sagt Kinski mit ihrer ruhigen Stimme, den Blick an die Decke gerichtet. Es ist die Angst, die es den Tätern oft über Jahrzehnte ermöglicht, unbehelligt zu agieren - und die Ungläubigkeit, auf die Opfer stoßen, wenn sie ihr Schweigen brechen.

"Ich wünsche mir, dass ich meinen Frieden finde", sagt Pola Kinski am Ende der Sendung. "Ich möchte so gerne befreit leben können."

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