Polizeiaktion gegen Alkoholkonsum Seifenblasen für Schnapsdrosseln

Mit ulkigen Maßnahmen kämpft die britische Polizei gegen die Folgen von Alkoholmissbrauch: An Betrunkene und potentielle Randalierer werden Seifenblasen-Fläschchen verteilt, torkelnde Ladys bekommen Flip-Flops verpasst. Was bringt das Gute-Laune-Konzept?

Von Sebastian Döring, London


Das Städtchen Torbay liegt in einer Landschaft des Vereinigten Königreiches, die Anwohner gern als "Englische Riviera" bezeichnen: sehr pittoresk, auf typisch britische Weise putzig und gemütlich.

Als wolle der Ort dem Klischee britischer Kauzigkeit entsprechen, griff die Polizei hier unlängst zu außergewöhnlichen Maßnahmen, um junge Frauen vor den Folgen ihres Alkoholkonsums zu schützen: Die Beamten verteilten Flip-Flops an betrunkene Nachtschwärmerinnen, damit sie sich nicht - torkelnd auf hohen Absätzen - auf dem Heimweg von der Kneipe Verletzungen zuzögen.

Die Gummisandalen sind nicht die einzige Geheimwaffe, die britische Polizeibeamte im Kampf gegen die Folgen hedonistischen Gebarens einsetzen: In der Großstadt Bolton nördlich von Manchester läuft die "Operation Sherry". Seit drei Jahren werden Boltons zechfreudige junge Männer zu Weihnachten mit einem Fläschchen beschenkt - es enthält eine Spülmittellösung zum Pusten von Seifenblasen.

Wo geblasen wird, da gibt's ka Sünd' - und, so die Hoffnung der Ordnungshüter, auch keine alkoholbedingten Gewalttaten wie Prügeleien oder Vandalismus.

Inspector Adrian Leisk obliegt im beschaulichen Torbay die Organisation der Flip-Flop-Ausgabe. Er ist ein Mann kurzer, fast barscher Sätze, dem man anmerkt, dass es keine reine Freude ist, diese Maßnahme der Presse gegenüber zu erklären: "Die Kultur des übermäßigen Trinkens muss man dringend bekämpfen", sagte er SPIEGEL ONLINE. "Wir haben ganz einfach beschlossen, etwas zu tun."

"Idiotische Geldverschwendung"

Die Flip-Flop-Ausgabe sei pragmatisch. In letzter Zeit hätten sich die jungen Frauen auf Torbays Partymeile oft einfach ihre Schuhe ausgezogen und sich dann barfuss oder in Strumpfhosen an Glasscherben geschnitten: "Wir verringern zumindest die Notarzteinsätze", so Leisk.

Gemeinsam mit den Pub-Besitzern tüftelte Leisk an der staatlich geförderten Flip-Flop-Aktion. Aufgaben des Einsatzpersonals: Aufklären, Ermahnen, Stützhilfe beim Schuhwechsel.

Die Neu-Beschuhung, darauf weist Leisk wiederholt hin, sei aber nur Teil eines ganzen Maßnahmenkatalogs im Rahmen des Projektes "Safer Communities Torbay", das die Folgen übermäßigen Alkoholkonsums eindämmen soll. Die Regierung unterstützt das Gesamtprojekt mit 30.000 Pfund. "Unser Budget", betont Leisk, "beträgt 200 Pfund, davon haben wir 80 Paar Flip-Flops gekauft."

Eine "idiotische Geldverschwendung", schimpft Matthew Elliott, Chef des Bundes britischer Steuerzahler.

Inspector Leisk widerspricht: "Die Polizei kann sich ja nicht nur mit den Resultaten befassen, sie muss auch präventiv tätig werden", sagt er. "Das heißt aber nicht, dass wir der Nothelfer für alle Betrunkenen sind."

Stadträtin Elaine Sherrington steht in Bolton der Initiative "Grüner, Sauberer, Sicherer" vor. Dort kam man auf die Idee, potentielle Randalierer mittels Seifenblasen in kindliche Sanftgemüter zu verwandeln. "Die Vorweihnachtszeit sollte von Freude erfüllt sein, nicht mit Problemen wie Rausch- oder Rauflust", sagt Sherrington SPIEGEL ONLINE. Sie klingt sehr fein, fast wie eine Pastorin.

"Die Lutscher waren ziemlich erfolgreich"

Das Kinderspielzeug solle junge Männer besänftigen und heiter stimmen. "Wenn jemand damit anfängt, Seifenblasen zu pusten, lacht doch jeder um ihn herum und amüsiert sich", so Sherrington. Nur unter zwei Bedingungen würden die Fläschchen verschenkt: keine Gewalt und keine Ruhestörung auf dem Heimweg. "Wir scheinen die ersten zu sein, die Seifenblasen zur Verbrechensbekämpfung nutzen", sagt Sherrington stolz. "Interessenten rufen mich von überall her an."

Sherrington blickt auf dreijährige Erfahrung im kuriosen Präventivbereich zurück. In der Vorweihnachtszeit des vergangenen Jahres wurden Lutscher an Betrunkene in der Region Manchester verteilt. "Die Lutscher waren ziemlich erfolgreich", beteuert Sherrington. Statistisch zu belegen seien diese Erfolge allerdings nicht, leider.

Exzessiver Alkoholkonsum junger Menschen - vor allem junger Frauen - ist eines von Großbritanniens großen sozialen Problemen der vergangenen Jahre. Maßnahmen wie in Torbay und Bolton sind kuriose Ausformungen landesweiter Aktionsprogramme. So müssen Besucher von Jugenddiscos schon am Eingang neuerdings einen Alkomat-Tests bestehen. Solche Feiern waren in der Vergangenheit vielerorts durch Jugendliche im Alkoholrausch außer Kontrolle geraten.

Die staatliche Unterstützung von Kampagnen wie in Torbay und Bolton macht den Chef des britischen Steuerzahlerbundes, Matthew Elliot, offenkundig leicht aggressiv. "Leute zahlen ihre Steuern nicht für betrunkene Weiber, die Flip-Flops umsonst bekommen, sondern dafür, dass die Polizei Verbrechen bekämpft", schnaubte Elliott im "Guardian". Das Verteilen von "Kindergarten-Schnickschnack" an junge Kneipengäste in Bolton sei "völlig beknackt".

47.000 Bußgeldbescheide wegen Trunkenheit

Anders als in Deutschland wird Trunkenheit in der Öffentlichkeit im britischen Strafrecht als schwere Ordnungswidrigkeit behandelt. Polizisten drücken bei jungen Leuten allerdings häufig ein Auge zu. Meist wird nach einem "ausführlichen Gespräch" lediglich eine Verwarnung ausgesprochen.

Immerhin wurden jedoch im vergangenen Jahr laut einer Statistik des Justizministeriums knapp 47.000 Bußgeldbescheide wegen Ruhestörung infolge von Trunkenheit ausgestellt. Das sind fast doppelt so viele wie vor drei Jahren und der zweithäufigste Grund aller Bußgeldbescheide. Ertappte Alkoholsünder müssen 80 Pfund Strafe zahlen. "Das sind meist 20- bis 30-Jährige", sagt Inspector Leisk aus Torbay.

Die Verstöße gegen das Alkoholverbot auf öffentlichen Plätzen haben sich im gleichen Zeitraum auf 1544 Fälle mehr als verdreifacht. Bei solch minderschweren Delikten werden den Tätern 50 Pfund Strafe auferlegt.

Auch die Gerichte haben zunehmend mit Alkoholvergehen zu tun, denn in England werden auffällige Zecher in jüngster Zeit nicht nur zur Ausnüchterung in Gewahrsam genommen, ihnen wird der Prozess gemacht. 2007 wurden 23.533 Angeklagte wegen übermäßigen Alkoholkonsums schuldig gesprochen. Die Zahl der verurteilten Frauen ist dabei deutlich angestiegen - im Vergleich zum Vorjahr um 15 Prozent auf 4268 Fälle.

Die verurteilten Alkoholiker werden zumeist zur Ableistung von Sozialstunden verurteilt. Sie sammeln in Parks Flaschen ein, kehren Scherben auf Gehwegen zusammen, reparieren von betrunkenen Randalierern zerstörtes öffentliches Eigentum.

"Die Bürger müssen sehen können, dass Recht geschieht"

Seit vergangenen Montag werden diese armen Sünder - soweit sie älter sind als 18 Jahre - auf besondere Weise gebrandmarkt: Sie müssen Regenjacken in Neon-Orange mit der lilafarbenen Aufschrift "Community Payback" (Wiedergutmachung für die Gemeinschaft) tragen.

"Recht muss nicht nur gesprochen werden, die Bürger müssen auch sehen können, dass es geschieht", schreibt dazu Justizminister David Hanson auf der Internetseite seines Ministeriums.

Die Vereinigung von Bewährungshelfern in Großbritannien, Napo, befürchtet dagegen, dass diese "Bloßstellung" genau das Gegenteil dessen bewirkt, was eigentlich erreicht werden soll: Die Jackenträger seien ihrerseits ein leichtes Ziel für gewaltbereite Jugendbanden. Die Einführung der "Schamjacken" stelle also ein unnötiges Risiko dar.

Der Justizminister verteidigt die Maßnahme. "Es geht hier nicht darum, Straffällige zu beschämen oder zu demütigen", sagte Hanson. "Das haben sie selbst getan, als sie das Delikt begangen haben".



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