Polizeigewerkschafter Freiberg Behüter der Gesetzeshüter

Er ist der wohl bekannteste Polizist Deutschlands: Konrad Freiberg führte zehn Jahre lang die einflussreiche Gewerkschaft der Polizei, jetzt tritt er ab. Porträt eines Mannes, der das Land sicherer machen wollte, allen Widerständen zum Trotz.

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GdP / dapd

Hamburg - Der Anrufer war offensichtlich betrunken, aber die Leute vom Privatfernsehen schalteten ihn trotzdem ins Studio - oder vielleicht gerade deshalb. "Ich war letztens in einer Disco", klagte der Mann, "und da hab ich voll in die Schnauze gekriegt." Und dann sei er eine Woche später wieder dorthin gegangen, sagte der Unbekannte, und schon wieder verprügelt worden. Daher wolle er jetzt bitte wissen: "Was soll ich tun?"

Die Frage stand unbeantwortet im Raum, einen Moment zu lange, die Moderatorin schaute verzweifelt den Polizeigewerkschafter, ihren Experten, an, ja, was soll er nur tun, der Anrufer, und Freiberg sagte vor laufenden Kameras: "Gehen Sie da doch nicht mehr hin!"

Konrad Freiberg, 59, lacht noch immer sehr laut, wenn er die Anekdote erzählt. Er findet sie bezeichnend, weil sie seiner Ansicht nach die Absurdität des Medienbetriebs beschreibt, dessen Teil er viele Jahre lang war und der ihm zuletzt ziemliche Sorgen bereitet hat. Eilige Fragen, einfache Antworten - und dabei immer ernst gucken. "Die Debatten werden flacher", findet Freiberg.

Ganz, ganz wichtig

Kaum jemand habe noch Zeit, sich in ein Thema einzuarbeiten, gefragt seien vor allem in Berlin schnelle, meinungsstarke Statements, stets eilig, dringend, ganz, ganz wichtig. "Und morgen wird dann die nächste Sau durchs Dorf getrieben", sagt er.

Amokläufe, Sexualstraftaten, Hooliganismus, Jugendgewalt, Sicherungsverwahrung, Integrationversäumnisse - Polizeigewerkschafter sind nicht mehr nur Interessenvertreter der Beamten, sondern längst gesellschaftliche Großerklärer, generalgebildete Dauerdebattierer, die 20 Sekunden bekommen, um in einem Fernsehbeitrag zur Sicherheitslage der Nation zu sprechen.

Freiberg hat dieses Spiel meisterhaft mitgespielt, er ist sich dessen bewusst. Zehn Jahre lang war er als Bundesvorsitzender der Gewerkschaft der Polizei (GdP) der bekannteste Ordnungshüter des Landes. Er saß regelmäßig in den Dampfplauderbetrieben Christiansen-Illner-Will, und rief man ihn als Journalist egal zu welcher Tageszeit auf dem Handy an, konnte man sicher sein, sofort einige sehr entschiedene Sätze diktiert zu bekommen.

"Das will ich einmal ganz deutlich sagen", hob er gerne an.

Doch der immer korrekt gescheitelte Freiberg, der viele Jahre lang der Institution Polizei Gesicht und Stimme gab, wird in wenigen Wochen von der öffentlichen Bühne abtreten. Ende November soll auf dem Bundeskongress in Berlin der bisheriger Vize Bernhard Witthaut zum nächsten Generalvertreter der knapp 170.000 GdP-Mitglieder gewählt werden. "Ich freue mich auf den Ruhestand", sagt Kriminalhauptkommissar Freiberg. "Auf die Zeit mit meiner Frau. Das ist in den letzten Jahren zu kurz gekommen."

Straff geführte Organisation

1968 hatte sich "Konny" Freiberg bei der Hamburger Polizei beworben, gerade 17 war er da. Ein Junge aus einfachen Verhältnissen, aufgewachsen im schleswig-holsteinischen Örtchen Schwarzenbek, der Willy Brandt verehrte und die Welt verändern wollte. Seine Berufswahl sollte seine heimliche Flamme beeindrucken, die sich anschickte, ebenfalls Polizistin zu werden. "Mich haben sie genommen, sie leider nicht", so Freiberg. "Sie hat dann einen Bauern geheiratet."

Die Polizei von damals war eine militärisch straff geführte Organisation, kommandiert von Weltkriegsveteranen, die junge, langhaarige Anfänger wie Freiberg erst einmal an Maschinengewehr und Handgranaten drillten. "Was soll das?", fragte der Neue nicht selten und handelte sich damit "das ein oder andere Disziplinarverfahren" ein.

An den Wochenenden schob er entweder Dienst, wobei ihn Demonstranten mit Steinen bewarfen, oder er demonstrierte selbst für "mehr Demokratie", wobei er selbstverständlich keine Steine warf, wie er auch heute noch betont.

Ansehen der Polizei

Eine Überzeugung, für die das SPD-Mitglied Freiberg in seiner Amtszeit immer "wie eine Löwe gekämpft habe", sei in diesen bewegten Jahren entstanden, sagt er: An der Trennung von Bundeswehr und Polizei dürfe niemals und auf keinen Fall gerüttelt werden. Dem Einsatz deutscher Gesetzeshüter in Afghanistan steht der Gewerkschafter daher sehr kritisch gegenüber. Und ebenso der zeitweilig erregt geführten und inzwischen wieder fast vergessenen Diskussion um die Annäherung von Geheimdiensten und Polizei.

Nach seinen größten Erfolgen gefragt, antwortet Freiberg, er sei stolz darauf, das Ansehen der Polizei im Land gesteigert zu haben. Gleichzeitig muss der Gesetzeshüter-Behüter jedoch einräumen, dass die zunehmende Gewalt gegen Polizisten Ausdruck des sinkenden Respekts vor den Repräsentanten des Staates ist. Über diesen anscheinenden Widerspruch wischt er jedoch hinweg und kommt stattdessen auf Grundsätzliches:

  • Kripo und Staatsanwaltschaften seien im Kampf gegen die Organisierte Kriminalität und Wirtschaftsverbrecher zunehmend machtlos.
  • Die Aufgaben aller Polizisten nähmen rasant zu, mehr und mehr Gesetze entstünden, gleichzeitig sinke jedoch die Zahl der Beamten kontinuierlich.
  • Streifenfahrten fänden immer seltener statt, Verkehrserziehung und "bürgernahe Beamte", die ihr Viertel kennen, seien purer Luxus geworden.

"Die Kollegen sind in vielen Bereichen jetzt schon vollkommen überlastet", resümiert Freiberg und es klingt, als nehme es kein gutes Ende mit Deutschlands Sicherheit.

Polizei der Zukunft

Wie wird die Polizei der Zukunft also aussehen? Was soll sie leisten? In einem Land, dem es tendenziell schlechter gehen wird, in dem die Steuereinnahmen sinken, der Staat geschwächt ist, die Unterschiede zwischen Arm und Reich wachsen, Millionen Menschen ohne Arbeit bleiben? Es sind die vielleicht entscheidenden Fragen, wenn man sich mit innerer Sicherheit befasst.

Freiberg sagt dazu, man müsse die polizeilichen Standards bewahren: Ausbildung, Ausrüstung, Personalstärke. Und dafür die notwendigen Mittel bereitstellen, im Zweifel eben die Leistungsträger der Gesellschaft stärker zur Kasse bitten. Privatisierungen seien schlecht, viele Ordnungshüter gut. Es ist die alte Leier der Gewerkschaften, an die man glauben muss, um sie für die Lösung halten zu können.

Freiberg, der das Land mit seinem Engagement sicherer machen wollte, hat zu spüren bekommen, dass sein Einfluss trotz aller Medienpräsenz begrenzt geblieben ist. Er hat sich aufgerieben in zahllosen Sitzungen, Beratungen und Versammlungen. Er hat im Jahr 100.000 Kilometer mit dem Auto abgerissen, 250 Nächte im Hotel geschlafen und erst spät geheiratet. Und nun fragt sich Konrad Freiberg manchmal, ob er für "seine Polizei" nicht mehr hätte erreichen können?

Und vielleicht auch, ob das alles den Einsatz wert war?

An diesem grauen Hamburger Herbstmorgen wirkt er jedenfalls, als habe er genug davon, die immergleichen Statements abzugeben, stets etwas zu fordern, zu kritisieren, "ganz deutlich zu sagen". Als sei er froh, sich als Pensionär schon sehr bald den großen Fragen der Innenpolitik nicht mehr stellen und im Berliner Zirkus nicht länger mittanzen zu müssen.

Verreisen wolle er, sagt Freiberg, in die USA. Den Kopf frei bekommen, etwas anderes sehen. Und sich dann in seiner Heimatstadt Hamburg engagieren, sozial, politisch, auf jeden Fall aber: im Kleinen.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
tristanx 01.10.2010
1. Danke
Danke,Herr Freiberg, für Ihr demokratisches Engagement und Ihre Lebensleistung... unter sicher oft unerträglichen, politischen Verhältnissen.
Sonntagskind, 01.10.2010
2. Alle Polizisten die ich kenne, haben ihren Kindern abgeraten, den Beruf des Polizeibe
Alle Polizisten die ich kenne, haben ihren Kindern abgeraten, den Beruf des Polizeibeamten zu ergreifen.
sponwurm 01.10.2010
3. Ein Tipp für die Zukunft
Zitat von sysopEr ist der wohl bekannteste Polizist Deutschlands: Konrad Freiberg führte zehn Jahre lang die einflussreiche Gewerkschaft der Polizei, jetzt tritt er ab. Porträt eines Mannes, der das Land sicherer machen wollte, allen Widerständen zum Trotz. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,719437,00.html
Da kann sich Herr Freiberg noch so sehr mühen, sich den Hintern aufgerissen haben; einmal Stuttgart 21 und schon steht die Polizei wieder in der Kritik. Dabei ist es das unbestrittene Verdienst der Gewerkschaft, auf eine stets sich qulifizierendere Ausbildung gedrängt zu haben. Bei einigen Polizeiführern scheint das, was damit erreicht werden sollte, nicht angekommen zu sein. Und so ist es leider nicht verwunderlich, dass der Staat und sein legitimes Instrument der Macht allmählich wieder zum Gegner der Bürgerinnen und Bürger wird. Dem engagierten Herrn Freiberg sei für den Ruhestand geraten, sich mit Herrn Struck in Verbindung zu setzen. Nicht, um zum Einsatz in Afghanistan etwas dazu zu lernen, sondern deshalb, weil Struck - so steht zu lesen - gerade dabei ist, sein Pensionärsleben zu ordnen. Vielleicht schreiben beide zusammen mal ein Buch; - Die Sozis und die Polizei, oder so. Platzek wird es gewiss besonders aufmerksam lesen.
weltbetrachter 01.10.2010
4. gute und schlechte Namen ...
Für einen "guten Namen" braucht man Jahre ! Für einen "schlechten Namen" nur 20 Sekunden ! Den "schlechten Namen" wieder loswerden dauert wieder Jahre ! Das gilt auch für die POLIZEI. Stutgart 21 läßt grüßen - da hat sich Herr Freiberg seinen Abschied wohl anders vorgestellt - und ihn auch verdient. Schade drum ! Trotzdem alles Gute !
Earendil77 02.10.2010
5. Artikel ist absurde Eloge auf einen Scharfmacher
"Von vielen jungen Menschen geht dort [in Stuttgart] eine ungeheuere Aggressivität gegen Polizisten aus. Das ist erschreckend. Dort wird so getan, als würde die Polizei mit Wasserwerfern und Reizgas gegen die Demonstranten vorgehen. Das ist falsch. Es haben sich aber Aktivisten vor die Kameras gestellt und geheult und nachdem die Kamera weg war, haben sie gelacht." (quelle (http://www.rp-online.de/politik/deutschland/Ungeheuere-Aggressivitaet-von-jungen-Leuten_aid_913399.html)) Er verabschiedet sich, wie man es von ihm gewohnt ist: Verharmlosung von Polizeigewalt, Verhöhnung der Opfer, Tatsachenverdrehung bis zur Lächerlichkeit. Einer der widerwärtigsten Scharfmacher dieses Landes tritt ab, was zwar kein Grund für Wehmut, aber auch nicht für Freude ist, denn er wird ja sicher einen Nachfolger haben, von dem nichts anderes zu erwarten ist. Und wenn, gibt's ja noch seinen Kollegen Wendt, der ihm sowie in allen Kategorien - Scharfmacherei, Dreistigkeit, Verharmlosung und Dramatisierung - weit überlegen ist.
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