Polnische Randalierer "Die Polizei hat Angst vor den Hooligans"

Das Stadion von Bydgoszcz ist zerstört, Randalierer haben es in Einzelteile zerlegt. Ein Jahr vor Beginn der Europameisterschaft tobt in Polen ein Hooligan-Krieg. Politik und Polizei versuchen Stärke zu zeigen - aber sie haben den Kampf verloren.

AP

Von Ulrich Krökel, Warschau


An Feinden herrscht bei Polens berüchtigten Hooligans kein Mangel. Polizisten und Politiker, die ungeliebten Deutschen und die verhassten Juden, die Fans der gegnerischen Mannschaft und vermeintliche Versager in den eigenen Reihen - sie alle werden regelmäßig zur Zielscheibe von Hassgesängen und Prügelattacken.

Kürzlich rastete in Warschau der gefürchtete Rädelsführer der Hauptstadt-Hooligans nach einer Heimniederlage aus, den alle nur "Staruch" nennen, den "Alten". Im Kabinengang fiel der glatzköpfige Koloss vor den Augen der Ordner über den schmächtigen Verteidiger Jakub Rzezniczak her und versetzte dem wehrlosen Abwehrspieler eine Tracht Prügel.

"Staruch", der mit einem Stadionverbot belegt ist, schlenderte anschließend unbehelligt vondannen. Mehr noch: Wenig später bat die Polizei den polnischen Fußballverband PZPN darum, dem "Alten" doch eine Eintrittskarte für das Pokalfinale in Bydgoszcz zukommen zu lassen. Das Ticket für "Staruch" sollte Teil einer Deeskalationsstrategie sein. Doch die schlug fehl.

"Tusk, du Trottel, wir Fans werden dich stürzen!"

Anfang Mai trafen Legia Warschau und Lech Posen aufeinander. Legia gewann den Pokalkrimi. Was dann geschah, hatte allerdings kaum etwas mit überschießenden Emotionen zu tun, sondern war offenkundig von langer Hand geplant. Hunderte Anhänger beider Mannschaften zerlegten nach dem Spiel vor den Augen eines Uefa-Beobachters das Stadion in seine Einzelteile, vermummte Randalierer stürmten das Feld und lieferten sich eine Schlacht mit der Polizei. Erst der massive Einsatz von Gummigeschossen und Wasserwerfern stoppte den Gewaltrausch. Festnahmen gab es keine. Der entsetzte PZPN-Präsident Grzegorz Lato kommentierte das Desaster mit den Worten: "Die Polizei hat Angst vor den Hooligans."

Polens Generalstaatsanwalt Andrzej Seremet gab die Verantwortlichkeit umgehend weiter. Die Politik müsse sofort handeln, forderte er. Doch dieser Ermahnung hätte es kaum bedurft. Dem erklärten Fußball-Fan und Hobby-Kicker Donald Tusk war die "Hooligan-Party" in Bydgoszcz ohnehin zu viel der Peinlichkeit. Ein Jahr vor Beginn der Europameisterschaft, die Polen im Juni 2012 gemeinsam mit der Ukraine ausrichtet, erklärte der liberale Premierminister den Randalierern den "Krieg".

Als Sofortmaßnahme ließ Tusk alle Stadien sperren, in denen die Polizei nicht absolute Sicherheit garantieren könne. In den EM-Spielorten Warschau und Posen kickten Legia und Lech vor leeren Rängen. Die Hooligans protestierten höhnisch singend vor den Stadiontoren: "Tusk, du Trottel, wir Fans werden dich stürzen!"

Nach einem Krisentreffen griff Tusk am Mittwochabend gar zum verbalen Vorschlaghammer und drohte mit einem Aus der Euro 2012: "Wenn wir nicht im Stande sind, die Sicherheit in unseren Stadien zu garantieren, dann ist die Austragung der Fußball-Europameisterschaft gefährdet." Auch wenn dies ein Jahr vor dem Eröffnungsspiel kaum um eine realistische Option sein dürfte, zeigt die Warnung doch das ganze Ausmaß der Misere - und offenbart zugleich die Hilflosigkeit der Politik.

Die Politik erwägt elektronische Fußfesseln

Spezialeinheiten stürmten in Posen, Warschau und anderen Städten Dutzende Wohnungen polizeibekannter Hooligans und nahmen 26 junge Männer fest, die für die Krawalle in Bydgoszcz verantwortlich sein sollen. Auch "Staruch" war darunter. Im Internet stellten die Fahnder die Verdächtigen anschließend buchstäblich bloß. Die Ermittler veröffentlichten Fotos von der Kommandoaktion, die halbnackte Hooligans mit Handschellen auf dem Rücken zeigen.

In Krakau forderte die Staatsanwaltschaft am selben Tag 14 Jahre Haft für einen jungen Mann, der Ende 2009 einen 17-Jährigen erstochen hatte. Täter und Opfer gehörten verfeindeten Fan-Gruppen an. Seit Jahren tobt in der Weichsel-Stadt zwischen den Anhängern beider Mannschaften ein Fan-Krieg.

Der Strafkatalog wurde erweitert, doch der Kampf ist seit Jahren verloren

Tusk hat ein Gesetz ausarbeiten lassen, das den Einsatz elektronischer Fußfesseln zur Kontrolle von Platzverboten vorsieht. Außerdem soll es eine Art Stadionpranger geben: Wer am Rande eines Fußballspiels eine Straftat begeht, soll vor Ort in einem öffentlichen Schnellverfahren abgeurteilt werden. Die Richter schalten sich in einer Video-Konferenz live zu. Allein: Gegen diese Regelungen gibt es verfassungsrechtliche Bedenken.

Experten wie die Warschauer Soziologin Jadwiga Staniszkis halten die Maßnahmen für "reinen Aktionismus". Die Regierung müsse eine langfristige Strategie entwickeln und an der Basis der Bewegung ansetzen.

Besonders anfällig für die Lockrufe der Hooligan-Szene sind die Verlierer des wirtschaftlichen Umbruchs. Die Jugendarbeitslosigkeit in Polen betrug zu Beginn des Jahrtausends fast 40 Prozent. Inzwischen ist die Quote zwar dank des anhaltenden Aufschwungs auf 18 Prozent und damit auf einen europäischen Durchschnittswert gesunken. Der permanente gesellschaftliche Wandel aber überfordere viele junge Menschen, urteilen Soziologen wie Staniszkis.

Die Szene ist eine Mischung aus Rechtsradikalen und organisierten Kriminellen

Doch damit allein lassen sich die Hassausbrüche der Hooligans kaum erklären. Der Strafkatalog wurde erweitert, das Sozialministerium startete Bildungsinitiativen für Jugendliche. Doch nichts fruchtete. Die Gewaltorgie beim Pokalfinale in Bydgoszcz zeigt vielmehr, dass Politik und Polizei den schon vor Jahren begonnenen Kampf gegen die Hooligan-Kriminalität vorerst verloren haben.

Ein wichtiger Grund dafür dürfte darin liegen, dass die Hooligans eine hoch explosive Verbindung mit Rechtsradikalen und organisierten Kriminellen eingegangen sind, die ihr Unwesen in den Stadien, aber auch außerhalb der Spielstätten treiben. Von der "Mafia in Fan-Schals" ist in polnischen Medienberichten die Rede. Polizeisprecher Marek Sokolowski bekennt: "Auf den Tribünen werden kriminelle Geschäfte abgewickelt. In den Stadien werben verbrecherische Organisationen neue Mitglieder an. Es geht um Handel mit Drogen, illegal gebranntem Alkohol und gestohlenen Autos."

Der Krieg gegen die Hooligans dient der politischen Profilierung - eigentlich

Bei Spielen der ersten polnischen Liga, selbst in den EM-Spielorten, sind rechtsradikale Hassausbrüche an der Tagesordnung. Zum Repertoire der Skinheads gehören Schlachtrufe wie: "Wer nicht hüpft, der ist ein Jude!" Zu den Lieblingsfeinden der Hooligans zählen aber auch die Deutschen. ARD-Recherchen im polnischen Fan-Milieu brachten kürzlich Erschreckendes ans Tageslicht. "Wir hassen die Deutschen", sagte dort ein Hooligan in die Kameras und fügte mit Blick auf die Euro 2012 hinzu: "Wir hassen euch für das, was ihr uns im Krieg angetan habt. Da habt ihr uns begraben wie Hunde. Diesmal werden wir euch begraben."

Linksliberale Medien werfen der nationalkonservativen Partei Recht und Gerechtigkeit (PIS) von Ex-Premier Jaroslaw Kaczynski vor, den Boden für die rassistische Hooligan-Ideologie zu bereiten. Tatsächlich zeigen sich bei gemeinsamen Aufmärschen von organisierten Neofaschisten und rechtsradikalen Fan-Gruppen immer wieder einmal auch Politiker der PIS.

Kaczynski selbst verstieg sich nach der Gewaltorgie in Bydgoszcz zu der These, Premier Tusk bekämpfe die Hooligans nur deshalb, weil die sich gegen die Regierungspolitik auflehnten. "Hier werden Sportfeste liquidiert, weil die Öffentlichkeit dort Kritik an der Staatsmacht äußert", sagte er mit Blick auf die Stadionsperren. Und der PIS-Abgeordnete Adam Hofman fügte die rhetorische Frage an: "Wenn ein paar Jugendliche ein Kino demolieren - soll man dann alle Kinos schließen?"

Ein halbes Jahr vor der Parlamentswahl nutzen Tusk und Kaczynski den "Hooligan-Krieg" offenkundig zur politischen Profilierung. Die Mehrheit der Bürger unterstützt die harte Linie des Premierministers. Zugleich glauben aber fast zwei Drittel der Polen, dass die Regierung den Kampf gegen die Fan-Gewalt verlieren werde.

Ende März hatte der im europäischen Fußball-Verband für die Organisation der Euro 2012 verantwortliche Martin Kallen zwar Alarm geschlagen, aber zugleich der Regierung in Warschau allerdings sein Vertrauen ausgesprochen. "Die Polen werden handeln", sagte der Uefa-Vertreter und beschwichtigte: "Zur Europameisterschaft werden andere Zuschauer kommen, es werden mehr Familien sein. Die Euro ist eine Party." In Polen jedoch ist die Vorfreude erst einmal dahin.



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