Waldbrand in Portugal "Stundenlang keinen einzigen Feuerwehrmann gesehen"

Bei einem der schlimmsten Waldbrände in der Geschichte Portugals sind mindestens 62 Menschen ums Leben gekommen. Betroffene kritisieren, die Einsatzkräfte seien überfordert gewesen.

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Das beschauliche Naturparadies Pedrógão Grande wurde durch die heftigen Brände zu einem Ort des Grauens. Menschen irrten in ausgebrannten Dörfern umher, liefen hilflos über Felder. Augenzeugen berichten von verzweifelten Schreien der Anwohner, die nach Angehörigen suchten.

"Das Haus meiner Oma wurde dem Erdboden gleichgemacht", sagte António Pires aus dem 580-Einwohner-Dorf Vila Facaia. "Vier meiner Angehörigen und Nachbarn sind in der Nacht ums Leben gekommen, ich habe Leichen gesehen", so der 40-Jährige.

Mindestens 62 Menschen starben durch die Brände in der Region etwa 200 Kilometer nordöstlich von Lissabon. Viele der Opfer wurden auf der Flucht vor den Bränden in ihren Autos von den Flammen überrascht und verbrannten bis zur Unkenntlichkeit. Auch Hunde, Ziegen, Kühe, Kaninchen und andere Tiere kamen ums Leben. Mehr als 60 Menschen wurden zum Teil schwer verletzt.

Einige betroffene Dörfer habe man wegen der noch stark wütenden Flammen nicht erreichen können, sagte der Staatssekretär im Innenministerium Jorge Gomes. Deshalb werden weitere Todesopfer befürchtet. Es ist der Waldbrand mit den meisten Todesopfern in Portugal seit Beginn der Aufzeichnungen.

Das Leiden stand den unzähligen Betroffenen der Region ins Gesicht geschrieben. "Wir haben alles verloren, unser Haus, unsere Tiere, alles", erzählte eine ältere Frau unter Tränen dem TV-Sender RTP. Ein Mann sagte kopfschüttelnd: "In meinen 53 Jahren habe ich so etwas nicht gesehen."

Wie groß die betroffene Fläche ist, war zunächst unklar. Am Sonntagnachmittag hatte die Feuerwehr zwei der vier Feuerfronten unter Kontrolle, sagte ein Sprecher. Knapp 700 Feuerwehrmänner kämpften am Abend mit mehr als 215 Fahrzeugen und vier Löschflugzeugen gegen die Flammen. Inzwischen sollen insgesamt etwa 2000 Rettungskräfte im Einsatz sein.

Der Einsatz von Löschflugzeugen und Hubschraubern sei am Sonntag aufgrund der starken Rauchentwicklung zunächst unmöglich gewesen, hieß es. Die extreme Trockenheit und die starken Winde behindern weiterhin die Löscharbeiten. In der Region ist es derzeit sehr heiß mit Temperaturen von deutlich über 30 Grad.

Überforderte Feuerwehrleute

Es wurde Kritik an den Einsatzkräften laut: Zu Beginn war die Feuerwehr Augenzeugen zufolge völlig überfordert. "Als die Flammen in der Nacht unseren Häusern immer näher kamen, habe ich stundenlang keinen einzigen Feuerwehrmann gesehen", sagte eine ältere Frau dem Fernsehsender RTP. Auch der Bürgermeister von Pedrógão Grande, Valdemar Alves, beklagte eine "ungenügende Zahl von Einsatzkräften".

Ministerpräsident António Costa erklärte, die Einsatzkräfte hätten so schnell reagiert, wie es ihnen möglich gewesen sei. Die Bevölkerung sei zum Teil nicht rechtzeitig alarmiert worden, auch, weil Telefonverbindungen nicht mehr funktioniert hätten. Präsident Marcelo Rebelo de Sousa betonte, es sei unmöglich gewesen, bei der Brandbekämpfung mehr zu tun, als getan wurde.

Das Feuer wurde laut Angaben der Polizei durch einen Blitzschlag in einen Baum ausgelöst. "Alles deutet ganz klar auf natürliche Ursachen hin", sagte der Direktor der Kriminalpolizei, José Almeida Rodrigues, der portugiesischen Nachrichtenagentur Lusa.

Ministerpräsident Costa kündigte eine dreitägige Staatstrauer von Montag bis Mittwoch an. Zudem wurde am Sonntag mit einem Moment des Schweigens vor der Confed-Cup-Partie Portugal gegen Mexiko der zahlreichen Todesopfer gedacht. Cristiano Ronaldo und Co. trugen im russischen Kasan Trauerflor.

Die EU sagte Portugal Hilfe zu. Auf Bitte des Landes würden Löschflugzeuge organisiert. Frankreich habe sofort drei Maschinen zugesagt. Zusätzlich helfe Spanien mit zwei Flugzeugen. Auch die Bundesregierung bot Portugal Hilfe an, Kanzlerin Angela Merkel brachte gegenüber dem Ministerpräsidenten António Costa die Anteilnahme der Deutschen zum Ausdruck. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier schickte Rebelo de Sousa ein Kondolenzschreiben.

Man könne sich nicht an eine vergleichbare Tragödie erinnern, sagte Premierminister Antonio Costa im Zentrum der Brände, der Bergregion Pedrógão Grande. Im September 1966 waren 25 Armeeangehörige ums Leben gekommen, als sie in der Serra de Sintra einen Brand löschen wollten. 1985 starben 14 Feuerwehrleute in der Kleinstadt Armamar im Norden des Landes, ein Jahr später verloren bei einem Feuer in Águeda 16 Menschen ihr Leben. 2003 waren bei heftigen Bränden in ganz Portugal zwei Dutzend Tote zu beklagen.

ala/Reuters/dpa/AP



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