Stasi-Akten Postkarte aus der DDR kommt nach 44 Jahren an

Fast ein halbes Jahrhundert hat eine Postkarte aus der DDR in den Westen gebraucht. Der damals 18-jährige Oberschüler Günter Zettl wollte bei einem Musik-Preisrätsel des Saarländischen Rundfunks mitmachen. Doch die Stasi hatte etwas dagegen.

DPA

Saarbrücken - Diese Postkarte aus der DDR hat eine lange Reise durch die deutsch-deutsche Geschichte hinter sich. Nach 44 Jahren erreichte sie nun endlich ihr Ziel im Westen. Ihr Irrweg beginnt 1969: Günter Zettl, damals 18-jähriger Oberschüler in Waren an der Müritz in der DDR, heute Mecklenburg-Vorpommern, hört über Mittelwelle die Europawelle Saar des Saarländischen Rundfunks (SR).

Er will bei einem Musik-Preisrätsel der Kultsendung "Hallo Twen" mitmachen. Schließlich geht es um das Lied "Painter Man" seiner Lieblingsband The Creation. "Da hab' ich gedacht: Die Gruppe kennst du auch." Zettl schickt eine Postkarte an den Saarländischen Rundfunk. Sie kommt erst 2013 in Saarbrücken an.

Die Stasi zog die Karte buchstäblich aus dem Verkehr. Günter Zettl sitzt damals vor seinem Röhrenradio und hofft, dass sein Name von "Hallo Twen"-Moderator Manfred Sexauer, der auch mit dem "Musikladen" bekannt wurde, als Gewinner genannt wird. Vergeblich. "Pech gehabt", dachte er und vergaß die Sache. "Im Traum hätte nicht daran gedacht, dass sogar das Ministerium für Staatssicherheit sich mit so banalen Sachen wie mit meiner Postkarte befassen könnte", sagt er 44 Jahre später dem SR.

"Ich hatte das überhaupt nicht mehr auf dem Zeiger"

Bei ihm geht es in den siebziger Jahren turbulent zu. Nach einer Ausbildung zum Kfz-Handwerker wird er Lehrer, aber weil er der Volkskammerwahl 1976 fernbleibt, belegt man ihn mit einem Berufsverbot.

1983, sechs Jahre nach seinem ersten Antrag, wird seine Ausreise in die Bundesrepublik genehmigt. Dort arbeitet Zettel jahrelang im Verkaufsbereich einer Computerfirma, lebt außerdem mehrere Jahre in Spanien. Erst 2010 denkt er sich: "Jetzt machst du's auch mal und guckst in deine Akte rein."

Seine Stasi-Akte offenbart eine Überraschung: eine Kopie seiner damaligen Postkarte. "Ich hatte das überhaupt nicht mehr auf dem Zeiger", sagt Zettl, der inzwischen in Erlangen wohnt. Er ließ sich das Original aushändigen. "Dann habe ich sie 44 Jahre später dem Saarländischen Rundfunk zukommen lassen." Versehen mit einem kleinen Kommentar: "Was für ein Land, diese heute oftmals verklärte DDR." Im SR wird gestaunt über die Karte mit Geschichte. Der Sender veranstaltet eine Sonderziehung für Zettl, obwohl es die Radiosendung seit 40 Jahren nicht mehr gibt.

Am 14. Januar, wenn die Europawelle Saar in der Völklinger Hütte ihren 50. Geburtstag feiert, wird der ehemalige DDR-Oberschüler auch dabei sein. "Wir laden die Familie ein", sagt ein Sprecher des SR, als "kleines Trostpflaster". Und Günter Zettl kann sich doch noch auf die Platte freuen. Überreicht werden soll sie von Moderator Manfred Sexauer, der in seinem Privatarchiv nach dem Titel "Painter Man" gesucht hat.

wit/dpa

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insgesamt 61 Beiträge
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waelder 12.01.2014
1. Musikgruppe
Auch ich habe noch die Single "Painter Man" von The Creation. Und ich erinnere mich noch gut an ihren Auftritt in Köln, wo sie mit den Kinks und David Garrick (Dear Mrs Appleby) die Messehalle 10 mit ihrem furiosen Abschluss zum Kochen brachten - der Leadgitarrist fiedelte mit einer Flasche auf seiner Gitarre. Aber auch David Garrick (ein 1-Hit-Wonder) sorgte für Tumult als er sein verschwitztes Oberhemd ins Publikum warf.
rene.decker 12.01.2014
2. wie oft...
... habe ich bei so einem sonntagsrätsel mitgemacht!!! kam zur frühstückszeit im radio und ich glaube, das moderierte hanns rosenthal, bin aber nicht sicher. ich habe auch mal an falcos autogrammadresse geschrieben und sogar einen brief bekommen, obwohl ich natürlich kein rückporto beilegen konnte. da war ich vielleicht stolz. wieso mein brief ankam? "unser" IM war ein guter freund der familie, deshalb vielleicht...:-)
hei-nun 12.01.2014
3. Stasi Geschichte
Dass die Stasi ein perfider Schurken-Verein in einem Unrechtsstaat war, ist ja bekannt, aber was stört die an einer harmlosen Postkarte ? Interessant: Dreistellige Postleitzahlen und das X vor der Postleitzahl der "Ostzone". Deutsche Geschichte zum Schaudern ! Schönen Tag noch.
der autobahn 12.01.2014
4. wie die redaktion des spiegels nachrichten selektiert.
99% aller informationen die dem spiegel zukommen werden/können nicht thematisiert werden. haben somit keinerlei chance in das blickfeld der öffentlichkeit zu kommen. somit muss gesiebt werden. ziel der aussieber hätte allerdings sein sollen,das mass an objektiver berichterstattung möglichst hoch zu halten. geht der spiegel den richtigen weg? mehr als jeder zweite artikel des spiegels hat einen bezug auf die usa. ob katastrophen,politik,bis zu gaganachrichten,heldenstories. die usa sind das land um das sich unsere medien zu kümmern haben. russland bekommt dagegen auch seinen platz. allerdings ist dabei wichtig was aus russland berichtet wird. über positive entwicklungen,wird in keinster weise berichtet. alles was an negativen informationen zu berichten ist. beim spiegel,sitzt man genauso in der ersten reihe wie beim springer oder den staatlich zwangsgebührfinanzierten.
gustavsche 12.01.2014
5.
Zitat von hei-nunDass die Stasi ein perfider Schurken-Verein in einem Unrechtsstaat war, ist ja bekannt, aber was stört die an einer harmlosen Postkarte ? Interessant: Dreistellige Postleitzahlen und das X vor der Postleitzahl der "Ostzone". Deutsche Geschichte zum Schaudern ! Schönen Tag noch.
Die Stasi misstraute alles und jedem. Man mag es sich kaum vorstellen, dass die DDR zu ihren östlichen Nachbarn ein ebenso schlechtes Verhältnis hatte wie zur BRD, trotz COMECON und Warschauer Pakt. Man war beispielsweise auch sehr misstrauisch, wenn eine Deutsche mit einem russischen Offizier anbandelte. Und das ist das Wesen des Sozialismus. Wenn alle Macht dem Staat gehört, dann sieht man in Individualismus an sich eine Gefahr. In der DDR gab es auch ganz viele Ekel-Alfreds... ausländerfeindliche und rassistische Sprüche waren gang und gäbe. Die DDR-Führung propagierte zwar einen Antifaschismus, aber der war so hohl. Die dachten sich, dass sich Ausländerfeindlichkeit wenigstens noch kontrollieren und kanalisieren lasse. Wenn die Leute aber angefangen hätten, sich mit Ausländern zu befreunden... das hätte die Kontrolle des Volkes dermaßen erschwert. Die DDR-Ekel-Alfreds wählten dann nach 1990 PDS bzw. Linkspartei.
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