Predigt bei Kirchentag Käßmann wirbt in katholischem Dom für Geburtenkontrolle

Drei Monate nahm sie eine Auszeit - jetzt meldet sich Margot Käßmann zurück. Ausgerechnet in der katholischen Münchner Frauenkirche lobte die evangelische Ex-Bischöfin die Pille als "Geschenk Gottes". Und äußerte Verständnis für Menschen, die sich gegen ein Leben mit Kindern entscheiden.

DDP

München - Eine evangelische Ex-Bischöfin lobt im katholischen Dom die Vorteile der Anti-Baby-Pille - mit Wucht hat sich Margot Käßmann auf dem zweiten Ökumenischen Kirchentag in der Öffentlichkeit zurückgemeldet. Die ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche Deutschland (EKD) warnte in ihrer Rede davor, Geburtenkontrolle und Verhütung zu verteufeln - ausgerechnet im Münchner Liebfrauendom, einem der bekanntesten katholischen Gotteshäuser Deutschlands und der Münchner Bischofskirche. Nach der katholischen Sexualmoral sind künstliche Verhütungsmittel wie die Pille verboten.

Die Etablierung der Anti-Baby-Pille habe für viele "etwas Anrüchiges" gehabt, sagte die evangelische Theologin. "Wir können sie aber auch als Geschenk Gottes sehen. Denn da geht es um die Erhaltung von Leben, um Freiheit, die nicht gleich in Pornografie ausarten muss, so sehr die Sexualisierung unserer Gesellschaft natürlich ein Problem ist." Es gehe um "Liebe ohne Angst und um verantwortliche Elternschaft", für Frauen "um Sorge für das eigene Leben und das der eigenen Kinder" - und auch um die Entscheidung für ein Leben ohne Kinder, "die unsere Kirchen nicht immer gleich abwerten sollten".

Jedes Jahr kämen mehr als 300.000 Frauen infolge von Schwangerschaft oder Geburten ums Leben, 99 Prozent von ihnen in den armen Ländern: "Wer solches Elend von Müttern und Kindern verhindern will, wer den Segen des Gebärens nicht zum Fluch werden lassen will, wird für Geburtenkontrolle, für einen offenen Zugang zu Verhütungsmitteln eintreten", so Käßmann.

"Kein Mensch ist ohne Fehl und Tadel"

Käßmann, selbst Mutter von vier Töchtern, hatte sich in den vergangenen Wochen aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Im Februar war sie als Bischöfin und EKD-Ratsvorsitzende zurückgetreten, weil sie betrunken Auto gefahren war. Nun, im Rahmen des Ökumenischen Kirchentags, erlebt sie mit knapp einem Dutzend Terminen ihr persönliches Comeback auf großer Bühne.

Bei ihrem ersten Auftritt in München wurde sie begeistert begrüßt. Tausende Christen empfingen sie bei einer von ihr gehaltenen Bibelarbeit auf dem Messegelände mit Beifall, viele standen dazu auf. Auf den Applaus und die herzlichen Begrüßungsworte des evangelischen Kirchentagspräsidenten Eckhard Nagel reagierte Käßmann mit den Worten: "Danke, das tut mir gut."

In ihrer Bibelarbeit zur Schöpfungsgeschichte aus dem Buch Mose und zu Noahs Kampf gegen die Sintflut ging Käßmann auch auf die Fehlbarkeit des Menschen ein. "Kein Mensch ist ohne Fehl und Tadel", sagte sie. "Wir kennen als Christinnen und Christen keinen Gott, der nur das Perfekte gelten lässt und alles andere verachtet." Nicht zuletzt der vorbildliche Umgang mit ihrer eigenen Verfehlung hatte Käßmann hohen Respekt in Kirche und Gesellschaft eingetragen.

Neue Kritik an der Afghanistan-Politik

Die Ex-Bischöfin stellte auch andere persönliche Bezüge her. "Was, wenn Dein ganzes bisheriges Leben unterzugehen scheint, weil eine schwere Krebserkrankung diagnostiziert wird? Weil der Ehepartner dich verlässt? Auch das sind Untergangserfahrungen, in denen wir uns fragen, wie Gott erretten kann. Ob es einen neuen Anfang geben kann." Die Antwort gab Käßmann, die solche Erlebnisse in den vergangenen Jahren durchleben musste, selbst: "Ja, es gibt eine zweite Chance."

Mit Blick auf das Ringen um Frieden problematisierte Käßmann erneut kritisch die internationale Afghanistan-Politik. Sie verglich die wachsenden deutschen Ausgaben für das Militär mit den weit geringeren für die Entwicklungshilfe: "Ich jedenfalls kann darin keinen 'Vorrang für zivil' sehen, wie wir ihn als evangelische Kirche immer gefordert haben." Und: "Wo sind denn da die Visionen für ein Leben nach der Sintflut?" Als EKD-Ratsvorsitzende hatte Käßmann zu Weihnachten mit Kritik am Afghanistan-Einsatz eine breite innenpolitische Debatte ausgelöst.

Der Ökumenische Kirchentag ist das größte europäische Christentreffen in diesem Jahr. Die rund 125.000 Dauerteilnehmer können aus einem Programm mit rund 3000 Veranstaltungen auswählen.

hpi/han/dpa



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 330 Beiträge
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Seite 1
Berta, 13.05.2010
1. Armut
Zitat von sysopDrei Monate nahm sie eine Auszeit - jetzt meldet sich Margot Käßmann zurück. Ausgerechnet in der katholischen Münchner Frauenkirche lobte die evangelische Ex-Bischöfin die Pille als "Geschenk Gottes". Und äußerte Verständnis für Menschen, die sich gegen ein Leben mit Kindern entscheiden. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,694693,00.html
Es gibt doch noch normale Menschen.
unterländer 13.05.2010
2.
Zitat von sysopDrei Monate nahm sie eine Auszeit - jetzt meldet sich Margot Käßmann zurück. Ausgerechnet in der katholischen Münchner Frauenkirche lobte die evangelische Ex-Bischöfin die Pille als "Geschenk Gottes". Und äußerte Verständnis für Menschen, die sich gegen ein Leben mit Kindern entscheiden. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,694693,00.html
Einmal mehr ein Beispiel dafür, dass die katholische Kirche eben doch nicht so intolerant ist, wie gerne von interessierter Seite immer wieder dargestellt. Ein vorab verbreitetes Manuskript bedeutet, dass auch die Verantwortlichen der Kirche, in der die Rede von Frau K. gehalten wurde, davon wahrscheinlich wussten. Und, wurde sie daran gehindert? Passt irgendwie nicht so recht zu den Eiferern, die in der rk Kirche die Intoleranz an sich sehen.
kyon 13.05.2010
3. Frau Kaessmann irrt sich gewaltig!
Zitat von sysopDrei Monate nahm sie eine Auszeit - jetzt meldet sich Margot Käßmann zurück. Ausgerechnet in der katholischen Münchner Frauenkirche lobte die evangelische Ex-Bischöfin die Pille als "Geschenk Gottes". Und äußerte Verständnis für Menschen, die sich gegen ein Leben mit Kindern entscheiden. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,694693,00.html
Die Pille ist natuerlich kein "Geschenk Gottes" , sondern ist Produkt des "Suendenfalls" des Menschen, der regelwidrigen Aneignung des Verstandes! Damit hat sich der Mensch von Gott emanzipiert- und das ist gut so!
kallä123 13.05.2010
4. Besser Pille als Enthaltsamkeit
Gut, dass nicht alle wie die Katholische Kirche bezüglich Verhütung denken. Dort ist man meines Wissens noch immer auf dem Standpunkt, dass Enthaltsamkeit die beste Verhütung ist. Zumindest bleibt das dann der für mich einzige Weg, keine Kinder zu bekommen, wenn man Kondome und Pille ablehnt.
tripelkonzert 13.05.2010
5.
Da ist sie wieder die Kaessmann. Sie braucht das Scheinwerferlicht wie den Sauerstoff. Selbst die fuer einen Normalsterblichen kaum noch zu uebertreffende Schmach, bei Unwahrheit und Scheinheiligkeit ertappt worden zu sein, haelt sie nicht davon ab, sich wieder in der Menge zu baden. Tja und was ihre Forderungen angeht. Das sind doch alles Selbstverstaendlichkeiten im 21. Jahrhundert. Wer die Pille verteufelt, steht auf der selben Stufe, wie einer der an Evolution nicht glaubt oder denkt wir leben im Zentrum des Universums. In 50 Jahren wird man nur noch mit Kopfschuetteln zur Kenntnis nehmen, dass die grosse, jedoch extreme Sekte des Katholizismus allen Ernstes im Angesichts von Ueberbevoelkerung, Globaler Erwaermung und Aids gegen die Benutzung von Kondomen, gepredigt hatte. Ich jedenfalls habe genug von Kaessmann & Co. Ich rate jedem "Christen", was auch immer das genau sein soll, den grossen Kirchen, die Finanzmittel zu entziehen, und statt dessen, denen zu geben, die dieses Geld wirksam einsetzen, um diese Erde zu einem besseren Platz zu machen.
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