Ehrung für Journalist aus Aserbaidschan "Lebe und kämpfe ohne Hoffnung"

Der aserbaidschanische Journalist Eynulla Fatullajew machte jahrelang vor allem eins: seine Arbeit. Dann wurde sein Vater entführt und mit dem Tode bedroht, seine Zeitungen wurden eingestellt. Wegen "diffamierender Berichterstattung" saß er in Einzelhaft. Nun wird er von der Unesco geehrt.

Auszeichnung: Eynulla Fatullajew im November 2011 bei einer Preisverleihung in New York
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Auszeichnung: Eynulla Fatullajew im November 2011 bei einer Preisverleihung in New York

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Mehr als vier Jahre lang saß Eynulla Fatullajew in Gefängnissen vor den Toren der aserbaidschanischen Hauptstadt Baku. Mehr als zwei Jahre lang dämmerte er in Einzelhaft vor sich hin, wartete auf den wöchentlichen Besuch seines Vaters, der alles brachte, was er zum Überleben brauchte: Informationen, Neuigkeiten, Beistand.

"Das waren mittelalterliche Zustände, eine brutale Realität", sagt er heute, knapp ein Jahr nach seiner Freilassung. "Nicht zu vergleichen mit den Gefängnissen in Westeuropa." Fatullajew war unschuldig eingesperrt worden. So sieht er es, so sehen es Amnesty International, Human Rights Watch und andere Menschenrechtsorganisationen. So sieht es auch der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR), der am 22. April 2010 die sofortige Freilassung des Journalisten forderte.

Festgenommen wurde Fatullajew am 20. April 2007 wegen des Verdachts "diffamierender und falscher Berichterstattung". Der Journalist war Gründer und Herausgeber der russischsprachigen Wochenzeitung "Realny Aserbaidschan" sowie der Tageszeitung "Gündalik Azarbaycan".

In mehreren Artikeln hatte er über Verbindungen des Innenministers, Generaloberst Ramil Usubow, mit einem des Mordes und der Entführung angeklagten Ex-Beamten berichtet. Zwei Jahre Haft und eine Geldstrafe in Höhe von 11.300 US-Dollar waren die Folge. Kurz darauf wurde die Anklage erweitert um Terrorismus, Anstiftung zum Rassenhass und Steuerhinterziehung. Fatullajew sollte insgesamt achteinhalb Jahre hinter Gitter.

"Weil Ihr Sohn Journalist ist"

Drohungen gegen den Journalisten, seine Familie und Kollegen hatte es schon vorher gegeben. Repressionen auch. Fatullajews Vater Emin verlor nach 20 Jahren seinen Job in einer Schmuckfabrik, auch die Mutter, eine Lehrerin, wurde entlassen. Als die Eltern beim Arbeitgeber vorsprachen, um den Grund zu erfahren, machte man kein Hehl aus der Gesinnungspolitik: "Weil Ihr Sohn Journalist ist."

Am 31. September 2006 eskalierte laut Aussagen der Familie die Situation. Mehr als ein Dutzend schwer bewaffneter Männer stürmten das Haus der Eltern und entführten den Vater. Fatullajew erhielt kurz darauf einen Anruf mit unmissverständlicher Botschaft: Entweder du schweigst ab jetzt - oder für immer. Im Oktober 2006 stellte Fatullajew sowohl seine Wochen- als auch die Tageszeitung ein. Der Vater kam frei.

Unbequem war Fatullajew immer. Als Ilham Alijew 2003 mit offiziell 76,84 Prozent der Stimmen zum Präsidenten gewählt wurde, berichtete der Journalist über massive Wahlfälschungen in Aserbaidschan.

Im März 2005 wurde der Herausgeber der Oppositionellen-Zeitung "Monitor", Elmar Husseinow, erschossen. Fatullajew stellte Nachforschungen an und berichtete 2007, Husseinow sei im Auftrag hochrangiger Regierungsbeamter von Mitgliedern einer kriminellen Gang ermordet worden. Damals erhielt er erste Todesdrohungen.

Fatullajew war bereits drei Jahre in Haft, als der EGMR seine Freilassung forderte. Zwar ließ der Oberste Gerichtshof in Baku daraufhin die Anklagen wegen Terrorismus und Anstiftung zum Rassenhass fallen. Auch habe Fatullajew die Strafe für die angebliche Steuerhinterziehung bereits abgesessen, hieß es wohlwollend. Doch kurz darauf fand man 0,2 Gramm Heroin im Schuh des Gefangenen - was ihm eine zusätzliche Haftstrafe von zweieinhalb Jahren wegen Drogenbesitzes bescherte.

Wie Oppositionelle und ehemalige politische Häftlinge berichten, ist das Unterjubeln von Rauschgift in Aserbaidschan eine gängige Methode der Behörden, unliebsame Kritiker für eine Weile aus dem Verkehr zu ziehen. Im Fall Fatullajew wurde diese "Weile" systematisch in die Länge gezogen. "Ich habe versucht, mir meine Menschenwürde zu bewahren", sagt der Journalist. "Das war nicht immer leicht. Ich habe mich auch heute noch nicht vollständig an die neue Freiheit gewöhnt."

Hat er je darüber nachgedacht, Aserbaidschan zu verlassen? "Ich habe in Frankreich einen Journalisten aus Kolumbien getroffen, der seinen Beruf aufgegeben hatte und ins Exil gegangen war. Sein Blick war vollkommen erloschen. Das hat mich erschüttert. Mein Platz ist hier."

Am 26. Mai 2011, dem "Tag der Republik", kurz nach dem Sieg Aserbaidschans beim Eurovision Song Contest in Düsseldorf, wurde Fatullajew von Präsident Alijew begnadigt.

Die Regierung in Baku wittert vor dem diesjährigen Eurovision Song Contest eine Kampagne des westlichen Auslands. Gerade hat die Botschaft in Berlin eine Erklärung herausgegeben, wonach die Presse in Aserbaidschan ebenso frei sei wie in Deutschland: "Das bedeutet, dass die Regierung keine Befugnisse besitzt, auf die Medien Einfluss auszuüben."

"Man sollte politische Probleme nicht mit einem Festival wie dem Eurovision Song Contest in Verbindung bringen", sagt Fatullajew. "Diese Kultivierung des Protests erzeugt immer eine Gegenreaktion." Noch immer säßen mindestens 14 politische Gefangene hinter Gittern. "Um die mache ich mir Sorgen. Was passiert mit ihnen, wenn der Schlagertross weitergezogen ist?"

Seit seiner Freilassung hat Fatullajew knapp ein Dutzend Gefängnisse im Land besucht, um die Haftbedingungen zu überprüfen. Noch lässt man ihn hinein. Vielleicht gebärdet er sich auch deshalb diplomatisch.

Die Demonstrationen der jungen Regimegegner, den überall im Land spürbaren Willen zur Veränderung, betrachtet der Journalist nicht enthusiastisch, sondern eher skeptisch: Zu klein sei die Zahl der wenigen tausend Teilnehmer, zu wenig kollektiv der Protest: "Lebe und kämpfe ohne Hoffnung - das ist mein Leitsatz."

Wie er denn die alten Strukturen aufbrechen wolle? "Auf evolutionärem Wege wird sich in Aserbaidschan nichts tun. Was wir brauchen, ist eine Revolution - des Bewusstseins, wohlgemerkt." Es reiche nicht, den einen Präsidenten abzusetzen, wenn der darauf folgende keine fundamentalen Änderungen bringe. Zudem sei der Einfluss Russlands auf Aserbaidschan noch immer immens. "Solange sich dort nichts ändert, läuft auch in Baku alles wie gehabt."

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