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Priestergeliebte in Deutschland: "Der Papst würde es zum Weinen finden"

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Zölibat in der katholischen Kirche: "Keine Hobbys, keine Liebeleien" Zur Großansicht
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Zölibat in der katholischen Kirche: "Keine Hobbys, keine Liebeleien"

Knapp 14.700 katholische Priester gibt es in Deutschland - und eine nicht unbeträchtliche Zahl von ihnen hat Geliebte. Betroffene Frauen erzählen über heimliche Beziehungen, Leid und Schuldgefühle.

Simone Becker* führt seit 17 Jahren eine heimliche Beziehung zu einem Priester. Das bedeutet, dass sie fast die Hälfte ihres Erwachsenenlebens damit verbracht hat, sich zu verstecken, zu verstellen und zu kämpfen - mit sich selbst und ihrem Liebsten.

"Wir haben viel gerungen, es gab Zeiten, in denen wir es ohneeinander versucht haben. Aber das ist unmöglich, er ist meine große Liebe und das Gute in der Beziehung überwiegt eindeutig", sagt Becker. Also führen die beiden weiter eine Art Wochenendehe, fahren ab und zu gemeinsam in den Urlaub und zeigen sich sogar gemeinsam in der Öffentlichkeit - allerdings nur als gute Freunde, niemals händchenhaltend als Paar. "Es ist zermürbend. Man gewöhnt sich dran, aber das macht es nicht besser." Jetzt haben beide beschlossen, das Ende der Heimlichkeiten einzuläuten und sich nach neuen Jobs umzusehen.

Bis zum totalen Absprung engagiert sich Becker weiter bei der "Initiativgruppe vom Zölibat betroffener Frauen". Aus der Zeit gefallen und unsouverän mutet die Dickfelligkeit mancher Kirchenoberen an: "Die Bischöfe ignorieren unsere Anfragen, außer einer Eingangsbestätigung kommt da gar nichts", berichtet Becker. "Offiziell existieren wir gar nicht." Natürlich hoffe sie auf einen Reformkurs von Papst Franziskus, aber der Willkür der Bischöfe beim Umgang mit den "Abtrünnigen" habe auch er bisher keinen Einhalt geboten.

Priestergeliebte: "Es ist zermürbend" Zur Großansicht
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Priestergeliebte: "Es ist zermürbend"

Seit Jahrhunderten regiert der Zölibat in der katholischen Kirche. Die Ehelosigkeit des Priesters ist eine kirchenrechtliche Verpflichtung - und sozusagen eine der Kernmarken im Portfolio Roms. Generationen von Kritikern haben sich an dem Gelübde die Hörner abgestoßen, viele Existenzen sind an ihm zerschellt.

Was für Außenstehende ein überflüssiges, archaisches Relikt ist, bedeutet für Gläubige oft ein Leben in Lüge. Ein Brief italienischer Priestergeliebten an den Papst brachte den ewigen theologischen Zankapfel erneut auf die Agenda. Die Frauen forderten "ein Ende des Schweigens und der Gleichgültigkeit" - und die Abschaffung des Zölibats.

Anne Dördelmann-Lueg war da schneller: Vor 30 Jahren gründete sie in Deutschland die "Initiativgruppe vom Zölibat betroffener Frauen". Erst vor wenigen Wochen schrieb sie selbst einen Brief an Franziskus: "Ich habe dem Papst angeboten, ihm anonymisiert alle Briefe zur Verfügung zu stellen, die mich in der Zeit der Gründung und Leitung der Gruppe erreicht haben." Das sei "eine total naive Aktion" und selbstverständlich habe sie keine Antwort bekommen. "Aber ich wette: Würde der Papst in meinen Keller steigen und diese Briefe lesen, er würde es an vielen Stellen zum Weinen finden."

Anton Aschenbrenner ist einer der Priester, die gesündigt haben. Anfang der Neunzigerjahre arbeitete er als Pfarrer in der niederbayerischen Gemeinde Hintereben bei Waldkirchen. Der Zölibat war eine Verpflichtung, die in sein Selbstbild als Geistlicher passte: "Ich war ein Kämpfer, ich wollte die Welt retten", erinnert er sich. Nichts sollte ihn von seiner Mission ablenken, weder Hobbys noch Liebeleien.

Bei Markus Lanz: Aschenbrenner mit Ehefrau Birgit Zur Großansicht
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Bei Markus Lanz: Aschenbrenner mit Ehefrau Birgit

Doch dann lernte er die bürgerliche Realität der Kirche kennen, seine kleine Gemeinde mit Menschen, die zusammenhielten und füreinander da waren. "Ich habe immer nur gegeben und bin irgendwann total vereinsamt, weil ich niemanden hatte, der mir Rückhalt gab", so Aschenbrenner. Als er Birgit traf, war dieses Gefühl verschwunden. Acht Jahre lang waren die beiden ein Paar - von der Gemeinde akzeptiert, von den Kirchenoberen verdrängt: "Bei der Abnahme der Pfarreiwohnung stand ein Ehebett im Schlafzimmer, aber die Obrigkeit hat bewusst die Augen verschlossen."

Als Birgit 2002 schwanger war, hatte der "Eiertanz" ein Ende: "Das Kind war wie ein Gotteswink, endlich klar Stellung zu beziehen", sagt Aschenbrenner heute. Der Priester ging zum Bischof von Passau, Wilhelm Schraml, und erklärte, er werde Vater. Der Bischof bescheinigte ihm, ein Sünder zu sei, der aber reumütig in den Schoß der Kirche zurückkehren könne. "Ihre Frau ist ja Beamtin, die kann schon für sich selbst sorgen", soll Schraml gesagt haben. Keine Option für Aschenbrenner: Er kündigte wie vorgeschrieben, am 6. Januar 2003 trat seine Suspendierung in Kraft.

"Sie haben mich einfach abgefertigt, mit einem Brief, nach 15 Jahren Arbeit", sagt er bitter. In der katholischen Kirche ginge es nur um Macht: "Wer nicht kuscht, wird fertiggemacht." Das Problem: "Nicht bewährte, kompetente Männer werden gefördert, sondern Konformisten."

Aschenbrenner baute sich ein neues Leben als freier Theologe auf. Doch nicht immer enden die heimlichen Liebschaften gut. Aktivistin Dördelmann-Lueg erzählt von einer Frau, die sich selbst tötete, weil sie die Beziehung zu einem Priester und die nachfolgende Trennung nicht verwinden konnte. Bis zu 300 Betroffene kamen zeitweise in die Gruppe, heute sind es mehrere Dutzend, die auf Katholikentagen demonstrieren, Bischöfe konfrontieren und sich gegenseitig unterstützen.

Deutsche Bischöfe: Willkür im Umgang mit Zölibatsbrechern? Zur Großansicht
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Deutsche Bischöfe: Willkür im Umgang mit Zölibatsbrechern?

"Mich erstaunt, wie wenig betroffene junge Frauen heute trotz der öffentlichen Diskussion über den Zölibat und die Folgen wissen", sagt Mitstreiterin Lieselotte Loemke, die seit 40 Jahren mit einem ehemaligen Priester verheiratet ist. Nicht nur der finanzielle, auch der soziale Druck nach einer Suspendierung seien immens: Für viele Angehörige der verliebten Geistlichen bedeutete der Bruch mit der Kirche einen sozialen Abstieg. "Meine Schwiegermutter hat jedes einzelne zur Priesterweihe erhaltene Geschenk zurückgegeben, um mit diesem Abschnitt abschließen zu können", erinnert sich Loemke.

In einem sind sich alle Betroffenen einig: Der Zölibat ist vor allem ein Machtinstrument. "Die Kirche will damit den Kadergedanken aufrechterhalten", sagt Anne Dördelmann-Lueg. "Zölibatäre Priester werden als Elite umworben, sie sind leichter zu lenken." Wenn man die Zulassungsbedingungen änderte, würden Männer mit ganz anderen Qualitäten ins Priesteramt kommen, ist sich Simone Becker sicher. "Männer der Basis - weltzugewandter, eigenständiger und selbstbewusster."

Der eklatante Priestermangel in der katholischen Kirche rückt das Prinzip der Ehelosigkeit weiter in die Kritik. In vielen Bistümern sucht man verzweifelt nach geeigneten Kandidaten für Pfarreistellen, auch, weil viele nicht mehr bereit sind, ihr Leben allein zu verbringen.

"Ich will erleben, dass der Zölibat fällt", sagt die 71-jährige Lieselotte Loemke. "Genau wie die Berliner Mauer, das hat auch keiner geglaubt."

*Name von der Redaktion geändert

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 71 Beiträge
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1. ...
e-ding 21.05.2014
Zitat von sysopREUTERSKnapp 14.700 katholische Priester gibt es in Deutschland - und eine nicht unbeträchtliche Zahl von ihnen hat Geliebte. Betroffene Frauen erzählen über heimliche Beziehungen, Leid und Schuldgefühle. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/priestergeliebte-vom-zoelibat-betroffene-frauen-berichten-a-970557.html
Weshalb lässt man eigentlich nur betroffene Frauen zu Wort kommen, die unter dem Zölibat ihrer Liebhaber zu leiden haben?
2. Elite!
Wunderläufer 21.05.2014
Neben vielen anderen Aspekten hat der Zölibat in meinen Augen auch den Gedanken der Elite. Aber: diese Elite hat sich bewusst außerhalb der Gesellschaft gestellt, denn sie teilt eine ihrer wichtigsten Punkte nicht: damit eine Gesellschaft nicht untergeht benötigt sie Nachwuchs. Dieser gesamtgesellschaftlichen Verantwortung entzieht sich der römisch-katholische Klerus bewusst. Dadurch wird auch implizit in Kauf genommen, dass die Kirche Roms in vielen gesellschaftlichen Fragen nicht als ebenbürtiger Teilnehmer akzeptiert werden kann
3.
eifelhippe 21.05.2014
Die Frauen wissen doch vorab, worauf sie sich einlassen. In den seltensten Fällen bekennen sich die Priester zu ihrer Geliebten. Für mich sind solche Männer feige - einerseits wollen sie die Sicherheit der Kirche, andererseits wollen sie das Zölibat nicht leben, obwohl sie wissen, dass das dazu gehört. Besonders schlimm finde ich, wenn Kinder aus der Beziehung entstehen. Was diesen durch die Heimlichtuerei zugemutet wird, ist oft unerträglich. Mitleid habe ich daher mit den Kindern, aber nicht mit den erwachsenen Frauen und Männern.
4. Hallo, geht´s noch ....
Paul-Merlin 21.05.2014
Zitat von sysopREUTERSKnapp 14.700 katholische Priester gibt es in Deutschland - und eine nicht unbeträchtliche Zahl von ihnen hat Geliebte. Betroffene Frauen erzählen über heimliche Beziehungen, Leid und Schuldgefühle. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/priestergeliebte-vom-zoelibat-betroffene-frauen-berichten-a-970557.html
es muss ja nicht gleich ein Priester sein, den sich hier liebeshungrige Frauuen schnappen. Das "verbotene" hat offenbar einen ganz besonderen Reiz. Bei Legalisierung dieser Beziehungen würde dieser Reiz entfallen, was in vielen Fällen zu baldigen Beendigung dieser Beziehungen führen würde.
5. Letztendlich
Georg_Alexander 21.05.2014
Liebe versus Religion? Dann doch lieber die Liebe!
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