Hochzeit von Harry und Meghan "Überall Depression. Aber die Royals machen alle happy"

Bei der Royal Wedding sitzt fast ganz England vor dem Fernseher - selbst im Norden, in Manchester, wo das Königshaus längst nicht so beliebt ist. Was fasziniert die Briten an ihrer Monarchie?

Gill Loizos
Hendrik Buchheister

Gill Loizos

Von , Manchester


Der große Tag beginnt im Millstone, einer Kneipe im Northern Quarter, dem Hipster-Viertel von Manchester, und er beginnt langsam.

Die Kneipe ist dekoriert mit roten, blauen und weißen Luftballons, die Farben des Union Jack. Über dem Fernseher hängen Union-Jack-Wimpel, darunter eine Flagge mit dem Porträt von Prinz Harry und Meghan Markle. Jemand hat Harry mit schwarzem Filzstift eine Brille gemalt. Ein Zeichen des fehlenden Respekts vor den Royals? Im Norden Englands, in Städten wie Manchester, ist das Königshaus längst nicht so beliebt wie im Süden.

Trotzdem sitzen auch hier viele Menschen vor dem Fernseher bei der Royal Wedding. Die Hochzeit ist eine nationale Angelegenheit, sie scheint alle Bevölkerungsschichten dieses in vielerlei Hinsicht uneinigen Königreichs zu vereinen. Warum ist das so? Warum interessieren sich die Briten so sehr für ihre Monarchen? Warum schauen so viele zu, wenn es im Königshaus etwas zu feiern gibt? Das soll der Streifzug durch Manchesters Kneipen klären.

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Royal Wedding: Wie aus dem Bilderbuch

Die Antwort hat viel mit Geschichte und Tradition zu tun, aber auch mit Modernisierung. Sie hat viel mit Gemeinsinn zu tun und auch mit der Lust am Event.

Der langsame Beginn also. Eine halbe Stunde vor der Zeremonie ist das Millstone fast leer. Die wenigen Besucher nehmen die Ankunft der Hochtzeitsgäste, die auf dem Fernsehschirm zu sehen ist, eher beiläufig wahr. "Wir gucken die Hochzeit, weil wir eben in der Kneipe sind. Die Royals interessieren uns nicht. Wir gehen gleich weiter, was essen", sagt Patricia Mitchell, graue Trainingshose, graues Haar.

Überhaupt kein Interesse am Königshaus, nicht einmal an Festtagen wie diesem? Nein, überhaupt keins, sagt sie: "Wir kommen aus dem Norden!" Das muss als Erklärung reichen.

"Das Beste, das wir in diesem Land haben"

In der Bar Pop auf der Canal Street, im Zentrum von Manchesters Schwulenviertel, ist mehr los. Der Laden ist angenehm voll, mit einer interessanten Mischung von Leuten. Das Männer-Frauen-Verhältnis ist ausgeglichen. Viele Endzwanziger und Anfang-Dreißiger sind da, aber auch ein paar Besucher, die hier sonst nicht verkehren.

Gill Loizos, 67 Jahre alt, ist mit ein paar Freundinnen aus Wales gekommen. Sie feiern einen 60. Geburtstag, und natürlich feiern sie auch die königliche Hochzeit. "Die Royals sind das Beste, das wir in diesem Land haben", sagt sie, und es deutet wenig darauf hin, dass sie das nicht 100 Prozent ernst meinen würde.

Das Beste, wirklich? "Schau dich doch mal um, überall Depression. Aber die Royals machen alle happy. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Menschen in der Kneipe feiern würden, wenn ein neuer Premierminister gewählt wird", sagt sie. Auf ihrem Schoß liegt eine Meghan-Maske aus Pappe. Während des Gesprächs wedelt sie mit ihrer Union-Jack-Fahne, als wollte sie ihren Worten Nachdruck verleihen.

DPA/ PA

Als auf den Fernsehschirmen Harry beim Einmarsch von Meghan zu sehen ist, geht ein gemeinschaftliches "Ooooooh!" durch die Bar Pop. Als sie um 12.41 Uhr Ortszeit zu Mann und Frau erklärt werden, applaudiert der Saal, Bier- und Sektgläser werden erhoben.

Auch Chris Blackler, 63 Jahre alt, ist mit der Frauen-Truppe aus Wales da. Sie wurde von ihren Freundinnen als die größte Royalistin der Runde empfohlen, und es wird schnell klar, was damit gemeint ist. "Das Königshaus ist das einzige, das unsere gespaltene Nation noch zusammenbringt", sagt sie.

Nach einer Weile driftet das Gespräch ab, in Richtung Brexit, den sie natürlich unterstütze, weil sich das Vereinigte Königreich zu lange von der EU habe vorschreiben lassen, wie man ein Land zu regieren habe. Aber das führt an dieser Stelle wahrscheinlich zu weit.

Aufwärmen für Fußball

Die Royals sind nicht nur Projektionsfläche für ältere, konservative Briten, dafür ist der 30-jährige Aarom Wilson ein Beweis. Er arbeitet in der Bar Pop, trägt eine rote Perücke und eine Krone. Er berichtet, dass er sich seit der Netflix-Serie "The Crown" für das Königshaus interessiere. "Die Royals zu unterstützen ist sehr britisch, isn't it?", sagt er.

Harry und Meghan sind seiner Meinung nach ein Glücksfall für die Monarchie, weil sie ihr einen modernen, einen frischen Anstrich verpassen würden. "Durch sie finden viele junge Leute den Anschluss an die Royals", sagt er. Dann muss er weiterarbeiten. Später soll es draußen ein Straßenfest geben, mit Bühne und Dragqueens.

Stacey Booth (vorne Mitte) und ihre Freundinnen
Hendrik Buchheister

Stacey Booth (vorne Mitte) und ihre Freundinnen

In der Piccadilly Tavern am zentralen Innenstadt-Platz von Manchester sind viele Leute anzutreffen, die sich vermutlich eher für das Pokalendspiel von Manchester United am Abend aufwärmen. Doch auch die Royal Wedding wird gefeiert. Auf den Bildschirmen setzt sich gerade die Hochzeitskutsche in Bewegung, als an einem Tisch im hinteren Teil der Kneipe Stacey Booth und ihre Freundinnen berichten, warum die Royal Wedding für sie eine Pflichtveranstaltung ist.

Sie seien durch ihre Familien geprägt, die hätten sich schon immer für das Königshaus interessiert, deshalb würden sie sich eben auch interessieren, sagen sie. "Die Monarchie ist Teil unserer Geschichte und unseres Erbes als Briten. Es ist gut, das zu pflegen", sagen sie.

Und, na klar: auch der Event-Charakter spielt eine Rolle. "Natürlich geht es auch ums Entertainment. Das ist wie beim Fußball. Wenn WM ist, gucken wir auch Fußball", sagen sie.

Bis dahin ist es ja auch nicht mehr weit. Aber erstmal schauen die Menschen in ganz England bei der Royal Wedding zu.

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