Hamburger Imamin: "Gott ist kein Polizist, der Strafzettel verteilt"

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Halima Krausen ist eine der wenigen Imaminnen in Deutschland. In ihrer Gemeinde ist sie Vorbeterin, Seelsorgerin, Lebensberaterin. Nach den weltweiten Protesten gegen das Mohammed-Schmähvideo wird auch ihr Alltag schwieriger.

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Leitet die deutschsprachige Gemeinde der Hamburger Imam-Ali-Moschee: Halima Krausen

Eine Wüste, zwei Exekutionen, viele Dromedare. Wallende Bärte und ein dümmlicher Protagonist namens Mohammed, der sich mit Frauen vergnügt und blutbesudelt sein Schwert gegen die Ungläubigen führt: "Das ist natürlich autsch", sagt Halima Krausen und bringt sich auf ihrem Stuhl in Position.

Seit 17 Jahren ist die 62-Jährige Vorbeterin in der Hamburger Imam-Ali-Moschee. Sie sitzt in ihrem kleinen Büro im Islamischen Zentrum an der Alster. Ihr "Autsch" drückt aus, wie solche Filme von Muslimen empfunden werden - als schmerzlich beleidigend. "Autsch" sind aber auch die Toten, die Verletzten, die Eskalation nach den Anschlägen. Der Film, der als Mitauslöser der tödlichen Attentate auf US-Botschaften in Kairo und Bengasi gilt, ist ein krudes Machwerk aus schlechten Studioaufnahmen, miesem Sound und provozierenden Dialogen. "Widerlich und verwerflich" nannte US-Außenministerin Hillary Clinton den verunglimpfenden Inhalt.

"Das war eine unethische, pubertäre Aktion von Leuten, die sich offenbar hilflos fühlen und unkontrolliert reagieren. Wir distanzieren uns von solchen Übergriffen", sagt Krausen. Dennoch sollten Muslime das Recht haben, sich angemessen gegen Verletzung ihrer Religion zu wehren. Was denn angemessen bedeute? "Das entscheidet im Einzelfall das Gewissen, bei Grenzüberschreitungen natürlich die Justiz. Ich ermutige unsere Gläubigen, gesprächsbereit zu bleiben."

Halima Krausen wirkt wie eine gemütliche, etwas skeptisch dreinblickende Matrjoschka. Das helle Kopftuch hat sie tief in die Stirn gezogen und unterm Kinn festgezurrt, den flauschigen grünen Wollschal lässig über die linke Schulter geworfen. Rings um sie herum stapelt sich theologische Fachliteratur, unter den Besucherstühlen steht verloren ein grauer Filzpantoffel.

Imame sind Vorbeter, die in der Moschee Koranverse zitieren, Respektpersonen, von denen einige ehren-, die anderen hauptamtlich tätig sind. Halima Krausen ist eine Ausnahmeerscheinung unter ihnen. Zwar gibt es in Westeuropa, der Türkei oder Marokko vereinzelt weibliche Imame, die eine Gemeinde betreuen. Der Großteil ist jedoch nach wie vor männlich. In Deutschland lehren und beten mehr als 2000 Imame, die überwiegend aus der Türkei stammen und dort in islamischer Theologie ausgebildet wurden.

Krausen weiß, was sie in den kommenden Tagen erwartet. Böse Blicke und unterdrückte Aggressionen in der S-Bahn, Ratlosigkeit bei den Mitgliedern der deutschsprachigen muslimischen Gemeinde, die sie in der Imam-Ali-Moschee betreut. Nicht jeder unterscheide nun mal zwischen gewaltbereiten Islamisten und friedfertigen Muslimen: "Manchmal macht mich das sehr müde, und wenn ich müde bin, werde ich kratzbürstig", sagt Krausen.

Es ist diese Mischung aus Revoluzzergeist und Bockigkeit, die Krausen zum Islam gebracht hat, das Aufbegehren gegen ihr engstirniges und konservatives Elternhaus in der Nähe von Aachen, wo die beiden Brüder alles durften und sie wenig. Im Alter von 13 Jahren wurde sie Muslimin, studierte emsig Koranverse, brachte sich selbst Arabisch bei. Die katholischen und evangelischen Eltern waren von den Ambitionen der Tochter wenig begeistert, Krausen selbst konnte nichts anfangen mit der angstbesetzten Vorstellung, "dass Gott als großer Polizist im Himmel sitzt und Strafzettel verteilt". Ob das denn im Islam anders sei? "Meiner verteilt auch Strafzettel - aber aus Barmherzigkeit."

An der Universität Hamburg lehrt Krausen heute interreligiösen Dialog, als Leiterin der deutschsprachigen Gemeinde ist sie Lehrerin und Seelsorgerin, Konfliktschlichterin und Richterin. Aber vor allem vermittelt die studierte Islamwissenschaftlerin theologische Inhalte. Gerade ist sie von einer Konferenz in Paris zurückgekehrt, wo sich europäische Juden und Muslime gemeinsam für eine Strategie der Nulltoleranz gegenüber zunehmender Gewalt ausgesprochen haben. "Das gilt für Islamophobe und Antisemiten ebenso wie für Hassprediger."

Mutter Courage der Muslime

Beim Hamburger Verfassungsschutz nimmt man die Imamin wahr als eine Art Mutter Courage unter den Muslimen. Sie mache ihre Arbeit, die Verantwortlichen im islamischen Zentrum ließen sie gewähren. Was die Theologin darüber hinaus mitbekommt, bleibt ihr Geheimnis. Die pittoreske Imam-Ali-Moschee an der Alster wird seit Jahren von der Behörde beobachtet. Ajatollah Reza Ramezani, Leiter des islamischen Zentrums und offiziell Stellvertreter des iranischen Revolutionsführers Ali Chamenei, gilt als verlängerter Arm Teherans. "Sollen sie uns beobachten", sagt Krausen, "das ist ihr Job, dafür zahle ich schließlich Steuern."

Krausen ist Ansprechpartnerin für etwa 400 muslimische Familien in Hamburg - und für alle anderen, die den Weg in die Imam-Ali-Moschee finden. Es geht um Sinnfragen, aber auch ganz konkrete Probleme zum Beispiel in binationalen Beziehungen: Soll ich aus Liebe konvertieren, auch wenn ich mit den religiösen Inhalten nicht konform gehe? Soll die Tochter Kopftuch tragen? Sollte mein Sohn sich konfirmieren lassen, obwohl ich inzwischen Muslim bin?

Oft gibt Krausen pragmatischen, aber unkonventionellen Rat. Die Imamin ist klug, emanzipiert, nicht auf den Mund gefallen. Hat sie das Gefühl, manchmal als liberales Feigenblatt instrumentalisiert zu werden? Jetzt wird die 62-Jährige ungehalten: "Das ist mir zu wischi-waschi. Ich wende mich ganz entschieden gegen soziale und wirtschaftspolitische Ungerechtigkeit, auch gegen Gewalt."

Auch die leidige Gender-Diskussion geht Krausen auf den Sender. "In meiner Position ist die Frage, ob Mann oder Frau, egal. Ich werde respektiert für das, was ich tue", sagt sie. "Mein Alter ist allerdings von Vorteil. Für Männer bin ich eher eine Mutterfigur. Wäre ich jünger, könnte es schwieriger sein, sich durchzusetzen."

Gewalt gegen Frauen und Zwangsverheiratungen beobachtet Krausen vor allem in Familien, die nicht an eine Gemeinde gebunden sind. "Die Männer folgen einer Art halbverdauten, nicht mehr ganz präsenten Heimattradition, aber nicht den Geboten des Islam." Die Mädchen, die zu ihr kämen, seien in der Regel "ganz pfiffig, die wissen genau, dass sie nein sagen können". Wenn ihnen das misslingt, vermittelt Krausen, spricht mit den Eltern, betont, dass die Ehe ein Vertrag sei zwischen gleichberechtigten Partnern. Auch eine Trennung sei keine Sünde, sondern manchmal der einzige Weg, "vernünftig aus der Sache rauszukommen".

Die Musliminnen in ihrer Gemeinde seien sehr fleißig, hochmotiviert, oft echte Vorzeigeschülerinnen: "Sie haben den Wert von Bildung erkannt." Mehr Sorgen machen Krausen die jüngeren, desorientierten Männer. "Sie wollen konkret wissen, für welchen Beruf sie lernen. Wenn die Aussichten nicht klar umrissen sind, geben sie auf. Wenn dann jemand kommt und ihnen die Welt in Schwarzweiß erklärt, sind sie leichte Opfer." Viele suchen das berühmte Gemeinschaftsgefühl, das extremistische Gruppen als Identität verkauften.

In Hamburg ist derzeit einiges in Bewegung: Fünf Jahre lang haben drei muslimische Verbände und die alevitische Gemeinde mit dem Senat verhandelt - jetzt ist ein Staatsvertrag auf den Weg gebracht, der zwar keine Sensation ist, aber ein Novum in Deutschland.

In dem Abkommen, dem die Bürgerschaft noch zustimmen muss, bekennen sich die Vertreter der etwa 100.000 Muslime in der Hansestadt zur Achtung der staatlichen Gesetze - auch zur Gleichberechtigung von Mann und Frau. Muslime haben in Zukunft Anrecht auf berufliche Freistellung an drei religiösen Feiertagen. Evangelische Kirche und die muslimischen Gemeinden sollen sich die Verantwortung für den Religionsunterricht an Schulen teilen.

"Das ist eine gute Verhandlungsbasis, ein qualitativer Sprung, weil Rechte und Pflichten schriftlich definiert sind", sagt Krausen. Ob zunehmend Deutsche zum Islam konvertieren, vermag die Imamin nicht zu beziffern. "Ein Teil sehnt sich ganz sozialromantisch nach einem größeren Gemeinschaftsgefühl. Da würde man sich mehr inhaltliches Interesse wünschen. Tatsächlich gibt es einige, die den Islam nur als Durchgangsstation auf einer langen Sinnsuche sehen."

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