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Lobbyistin für Prostitution: "Die meisten Frauen machen diesen Job selbstbestimmt"

Prostituierte in Schönefeld: Neuer Berufsverband will sich für sie einsetzen Zur Großansicht
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Prostituierte in Schönefeld: Neuer Berufsverband will sich für sie einsetzen

Johanna Weber ist die Cheflobbyistin der Prostituierten in Deutschland: Sie hat den ersten deutschen Berufsverband für sexuelle Dienstleister gegründet. Im Interview spricht sie über die Ziele ihrer Arbeit und erklärt, was sie an der "Emma"-Kampagne gegen Prostitution ärgert.

SPIEGEL ONLINE: Frau Weber, vor zwei Wochen haben Sie den Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen mitgegründet. Welche Berufsgruppen vertreten Sie mit Ihrem Verband?

Weber: Unsere Mitglieder arbeiten in allen Bereichen der Sexarbeit, zum Beispiel als Prostituierte in Bordellen, auf dem Straßenstrich, als Tantra-Masseurinnen oder auch als Dominas. Jede in der Sexarbeit tätige Person kann Mitglied werden. Auch Bordellbetreiber dürfen beitreten, solange sie selbst als Prostituierte arbeiten oder gearbeitet haben.

SPIEGEL ONLINE: Warum gab es bislang keinen Berufsverband für Sexarbeiter?

Weber: Wir sind nicht die Ersten, die versucht haben, so einen Verband zu gründen. Es gab immer wieder engagierte Kolleginnen und Kollegen, die etwas aufgebaut haben und von deren Arbeit wir heute noch profitieren. Wir wollen einen dauerhaften Verband für Sexarbeiter etablieren. Gerade jetzt ist das sehr wichtig.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Weber: In der Öffentlichkeit herrscht aktuell der Eindruck, dass Tausende von Frauen in Deutschland in der Prostitution gequält werden. Man liest, in Bordellen herrsche Sodom und Gomorrha und die Polizei könne nichts dagegen tun. Das macht mich fassungslos, denn es stimmt einfach nicht. Es gibt viele gute, saubere Häuser, und der größte Teil der Frauen macht diesen Job selbstbestimmt und freiwillig.

SPIEGEL ONLINE: In dieser Woche hat die Zeitschrift "Emma" eine große Unterschriftenkampagne veröffentlicht, bei der 90 Prominente eine Verschärfung des Prostitutionsgesetzes fordern. Sie wollen eine solche Verschärfung verhindern. Warum?

Weber: In dem Gesetzentwurf, der momentan diskutiert wird und auf den sich auch die "Emma"-Kampagne bezieht, werden Menschenhandel und Prostitution in einen Topf geworfen, und es wird mit völlig unrealistischen Bildern gearbeitet. Das ärgert uns, denn es entspricht nicht der Realität. Ansonsten sind wir nicht grundsätzlich gegen gewisse Regulierungen von Bordellen. Aber die Vorschriften des Gesetzentwurfs sind viel zu schwammig und sorgen eher für eine Abschaffung unserer Arbeitsplätze denn eine Verbesserung. Für kleine Wohnungsbordelle sollen die gleichen Regeln gelten wie für größere Häuser. Das könnte dazu führen, dass die Hälfte der Bordelle schließen muss. Wir wollen nicht, dass die Erfolge des Prostitutionsgesetzes wieder zunichtegemacht werden.

SPIEGEL ONLINE: Wie hat das Gesetz, das die rot-grüne Bundesregierung vor elf Jahren verabschiedet hat, die Branche verändert?

Weber: Seit dem Prostitutionsgesetz können wir unserer Arbeit legal nachgehen, unseren Lohn einklagen und uns sozialversichern. Außerdem haben sich die Arbeitsplätze enorm verbessert, denn früher galt es als Förderung der Prostitution, gute Arbeitsbedingungen zu schaffen, und war strafbar. Das ist jetzt viel besser.

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem melden sich viele Prostituierte nach wie vor nicht mit ihrem Beruf beim Finanzamt an, obwohl das eines der wichtigsten Ziele des Prostitutionsgesetzes war.

Weber: Viele melden sich aber zum Beispiel als Masseurin. Das ist für mich okay, solange man Steuern zahlt. Ein Großteil der Frauen will das eben nur für eine kurze Zeit machen. Die haben dann Angst, dieses Stigma nicht mehr loszuwerden. Ich kann verstehen, dass sich viele schwer damit tun. Wenn man Kinder hat, will man nicht, dass die auf dem Schulhof "Hurensohn" genannt werden. Es ist eine große Belastung, wenn man seinen Kindern nicht sagen kann, als was man arbeitet, weil die Gesellschaft, in der wir leben, diesen Beruf nicht akzeptiert.

SPIEGEL ONLINE: Viele Prostituierte in Deutschland stammen aus dem Ausland, zum Beispiel aus Bulgarien und Rumänien. Sind auch diese Frauen und Männer in Ihrem Verband vertreten?

Weber: Die Organisationsquote unter den ausländischen Prostituierten ist verständlicherweise extrem niedrig. Aber wir haben eine Arbeitsgruppe, die sich mit Migranten beschäftigt und die von einer bulgarischen Kollegin geleitet wird. Wir wollen ein Ansprechpartner sein, denn gerade ausländische Prostituierte haben oft niemanden, dem sie sich anvertrauen können. Die Polizei hilft hier wenig. Ich habe selbst schon zweimal Razzien der Polizei erlebt. Diesen Polizisten, die mit Maschinengewehren im Zimmer stehen, würde ich mich auch ungern offenbaren.

SPIEGEL ONLINE: Wollen Sie mit Ihrem Verband auch wie eine Gewerkschaft dafür kämpfen, dass Sexarbeiter besser bezahlt werden und bessere Arbeitsbedingungen haben?

Weber: Ich sehe mich mehr als Lobbyistin und nur am Rande als Gewerkschafterin. Aber wir stehen in engem Kontakt mit der Gewerkschaft Ver.di, bei der ich auch Mitglied bin. Der Fachbereich "Besondere Dienstleistungen" dort ist sehr hilfsbereit. Sie haben uns zum Beispiel einen Raum für die Gründungssitzung zur Verfügung gestellt und bei Info-Blättern unterstützt. Viel mehr kann Ver.di aber im Moment kaum für uns tun. Die meisten Prostituierten arbeiten selbständig, weil sie flexibel sein wollen, damit sie zum Beispiel zu Hause bleiben können, wenn die Kinder mal krank sind. Und viele verhandeln ja mit den Kunden direkt über den Lohn, Tarifkämpfe gibt es in der Branche nicht.

SPIEGEL ONLINE: Was sind Ihre ersten Aufgaben als Lobbyistin für die Sexarbeiter-Branche?

Weber: Der erste und wichtigste Schritt war, dass wir überhaupt aufstehen und auf uns aufmerksam machen. Das ist in unserer Branche nicht selbstverständlich. Jetzt wollen wir der Politik unsere Interessen deutlich machen. Das wird nicht einfach, denn wir haben kein Geld und kennen niemanden. Ich muss erst mal lernen, wie Lobbyarbeit funktioniert, aber ich sehe uns auf einem guten Weg.

Das Interview führte Jan Guldner

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ZUR PERSON
  • Johanna Weber
    Johanna Weber, 45, machte nach dem Abitur eine Ausbildung zur Feinmechanikerin in Hamburg. Während des Pädagogikstudiums in Hamburg und St. Petersburg sammelte sie schon erste Erfahrung in der Sexarbeit. Zunächst entschied sie sich für eine Karriere im Sportmarketing und arbeitete dort auch in leitender Position. Sie stieg dann aber wieder hauptberuflich in die Sexarbeitsbranche ein und arbeitet dort bis heute. Weber ist politische Sprecherin des Berufsverbands erotische und sexuelle Dienstleistungen.


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