Frühere Prostituierte "Es war Seelenmord"

Ein Loverboy machte sie gefügig, sechs Jahre lang schaffte Sandra Norak an. Dann kämpfte sie sich frei. Heute studiert sie Jura und hat ein großes Ziel: die Abschaffung der Prostitution.

Sandra Norak
Sandra Norak

Sandra Norak

Von Geneviève Hesse


In ihren zarten Gesichtszügen deutet nichts darauf hin, was die blonde, zierliche 27-Jährige von 2008 bis 2014 durchgemacht hat. Sechs Jahre als Escort-Mädchen, als Prostituierte in verschiedenen Bordellen, Flatrate-Sex, freundliche Familienväter, die "zum Monster wurden", wie sie sagt, Panikattacken, Atemnot, nur mit viel Alkohol ließ sich das ertragen.

Jetzt sitzt Sandra Norak* in Jeans und weitem Pulli in einem Park irgendwo in Süddeutschland. Ihr Wohnort soll nicht genannt werden, ebenso wie ihr echter Name, das war die Bedingung für ein Treffen. Sie will sich schützen vor ihrem alten Leben, aber sie will auch nicht länger darüber schweigen.

Zu ihren Füßen ruht ihr Jagdhund, über die ganze Zeit des Gesprächs. Die Belege über ihr altes und ihr neues Leben hält Sandra Norak fest in ihren Händen: alte Steuererklärungen aus der Zeit als Escort, aktuelle Bescheinigungen aus dem Jura-Studium. Sie lächelt viel, sehr viel. "Soll ich lieber weinen?", sagt sie scherzhaft und schaut mit forschen, grüngrauen Augen.

Unter ihrem Pseudonym schreibt Sandra Norak seit März 2016 den Blog "My Life in Prostitution". Eigentlich wollte sie erst nach dem Ende ihres Studiums an die Öffentlichkeit. Aber sie hielt die Darstellung der Prostitution als gesetzlich geregelte Sexarbeit nicht mehr aus. In ihren Augen ist das eine schlimme Verharmlosung.

"Dein Spaß ist mein Horrortrip"

Norak unterstützt die Kampagne "Rotlichtaus", die der Beratungsverein Sisters e.V. im Juni vorstellte. Mottos der Kampagne lauten: "Dein Spaß ist mein Horrortrip" oder "Du kommst und ich verkomme". Norak reiht sich ein in eine wachsende, internationale Bewegung von Aussteigerinnen. Ihr Ziel: die Abschaffung der Prostitution. Die Mittel, mit denen das gelingen soll: Strafen gegen Freier, Ausstiegshilfen für Prostituierte.

"Ich mische jetzt mit", sagt Norak mit sanfter, aber klarer Stimme. "Damit Deutschland aufhört, blind zu sein. Denn es gibt keine gute Prostitution, auch wenn viele Frauen sich ihre Probleme nicht anmerken lassen."

Norak hat es selbst erlebt: Sie war zu schwach, Hilfe anzunehmen, obwohl sie dringend welche gebraucht hätte. Zu Hause hatte sie Probleme mit ihrer Mutter, der Vater hatte die Familie längst verlassen, da lernte sie im Internet einen 20 Jahre älteren Mann kennen, der ihr versprach, dass alles besser werde. Er täuschte ihr Liebe vor, es war die typische Loverboy-Masche. Norak wurde so emotional abhängig von ihm, dass sie noch als Schülerin in den Ferien in einem Flatrate-Bordell anschaffen ging, weil er es von ihr verlangte. Schließlich zog sie zu ihm und zwei Ex-Prostituierten in eine Wohnung.

"Ich hatte damals kein Opferbewusstsein", sagt Norak. Und sie hatte keine Freunde, denn sie hatte sich abgekapselt, war isoliert und der Loverboy ihre einzige Bezugsperson. "Er hatte mich so programmiert, dass sein Umgang mir zuerst als normal vorkam. Als ich merkte, dass alles Lug und Betrug war, steckte ich schon zu tief drin."

Etwas in ihr ist zerbrochen

Jahrelang floss alles Geld, das sie verdiente, an ihren Zuhälter. Die Abhängigkeit ging so weit, dass Norak selbst dann nicht gegen ihn aussagte, als sie die Chance hatte. Eines Tages holte die Polizei sie aus der Wohnung - jemand hatte einen anonymen Hinweis gegeben, um sie zu retten. Bis heute weiß sie nicht, wer es war. "Drei Stunden lang habe ich auf der Polizeiwache erzählt, dass alles in Ordnung ist. Ich glaubte nicht an ein anderes Leben, in dem ich wertgeschätzt werde", sagt Norak. "Ich sah nicht, in welche Gewaltspirale ich hineinrutschte."

Heute sagt sie: Solange die Polizei von der Aussage der Prostituierten abhängig ist, um zu intervenieren, hat sie kaum Handhabe. Die Frauen reden nicht über ihr Leid - vor allem, wenn sie kein Deutsch können. "Prostituierte versuchen, sich der Gewalt anzupassen, um zu überleben. Sie nehmen es hin, ein Fußabtreter zu sein - aber es bleibt trotzdem schwere Gewalt."

"So gut wie keine Frau kommt da heil raus", sagt Norak und meint auch sich selbst: "Die Prostitution hat etwas in mir zerbrochen. Es war Seelenmord."

Sandra Norak schaffte es langsam, sich aus der Prostitution freizukämpfen. Der erste Schritt war der Auszug aus der Wohnung ihres Zuhälters. Eine Bordellbetreiberin gab ihr ein kleines Zimmer im Keller des Klubs. Norak gab ihr Geld noch immer bei ihm ab, aber jetzt musste er es sich holen. Mit der Zeit lernte sie dort andere Prostituierte näher kennen, wurde selbstsicherer, gewann neue Ansprechpartnerinnen und Bezugspersonen. Sie halfen ihr, sich weiter von ihrem Zuhälter zu distanzieren.

Sie suchte nach Alternativen, es war ein Kraftakt. Tagsüber schippte sie in einem unbezahlten Zoo-Praktikum Mist, nachts bediente sie Freier im Bordell und lernte für ihr Fernabitur. Sie zog in eine eigene kleine Wohnung. Norak wollte sich etwas aufbauen, sie wollte mehr als nur die abgebrochene 12. Klasse im Lebenslauf haben. Das Jobcenter sei keine Option gewesen: "Ich fühlte mich gesellschaftsunwürdig."

Norak bekam einen Minijob als Pferdepflegerin. "Es waren täglich um die 40 Pferdeboxen auszumisten. Ich litt an Fersensporn und Sehnenscheidenentzündungen. Aber es war alles besser, als mich in der Prostitution weiter zerstören zu lassen."

Mit der Zeit trat sie selbstbewusster gegenüber ihrem Zuhälter auf und löste sich letztlich ganz von ihm. Es war ein langer Prozess, zwischendurch habe es auch Druck gegeben, sagt Norak. Aber am Ende habe sie als Prostituierte ohnehin kein Geld mehr verdienen können, es ging nicht mehr, und schließlich habe der Zuhälter sie in Ruhe gelassen.

Anfang 2014 folgte eine qualifiziertere Vollzeit-Stelle auf einer Reitanlage - ihr Türöffner zu einem Leben ohne Freier. Sie schaffte das Abitur und begann mit dem Studium.

Innerlich auf der Flucht

Direkt nach dem Ausstieg war ihr Körper wie taub, ihr war ständig schwindelig, sie stotterte und konnte keinen Gedanken zu Ende bringen. "Es war alles durch die Prostitution bedingt", sagt sie. Norak hatte mit posttraumatischem Stress zu kämpfen. "Sich von fremden Menschen tagtäglich penetrieren zu lassen, erfordert einen Schutzmechanismus des Gehirns, um dabei abschalten zu können. Diesen Mechanismus wurde ich lange Zeit nicht los. Ich hatte verlernt, im Augenblick zu bleiben." Sie blieb weiterhin innerlich auf der Flucht, auch wenn die aggressive Umgebung nicht mehr da war.

Für die Abspaltung des Empfindens, die "Unerträgliches erträglich macht", kennt sie jetzt den Fachbegriff: Dissoziation. Aus der Literatur über Trauma und Prostitution lernte sie über sich: "Als Kind dissoziierte ich schon im Umgang mit meiner psychisch kranken Mutter. Ich fing auch an, mich selbst zu verletzen. Der Schritt zur Prostitution ist dann kein großer mehr. Dort schaltete ich weiter automatisch ab, um die Worte und die Handlungen der Freier ertragen zu können. Später brauchte ich Alkohol, um meine Panikattacken mit Atemnot vor jedem Zimmergang zu stoppen."

Ihre Rettung war die Arbeit auf der Reitanlage. Von kranken Pferden lernte Norak, ihre verlorene Identität wiederzufinden: "Die Pferde haben mich erst angenommen, als ich meine authentischen Gefühle von Trauer und Verzweiflung nicht mehr verbarg. In ihrer Sprache machten sie mich darauf aufmerksam, wer ich bin - wenn ich es vergessen hatte. Sie lehrten mich, dem Augenblick nicht mehr zu entfliehen, sondern ihn zu leben und dabei glücklich zu sein." Stück für Stück übertrug sie diese positive Erfahrung auf den Umgang mit Menschen.

Eine Beziehung kann sie sich nicht mehr vorstellen

"Dunkle Phasen" erlebt sie heute noch. Wird in ihrem Leben eine Bekanntschaft tiefgründiger, geht sie auf Distanz. Männer verurteilt sie nicht per se, aber eine Beziehung mit ihnen kann sie sich nicht mehr vorstellen.

Trotz der schlimmen Erlebnisse könne sie ihr neues Leben genießen, sagt Norak: "Meine kleine Wohnung, das Lernen an der Uni, die Natur, die Tiere, die Begegnung mit engagierten Menschen, die Gespräche mit meinen Kommilitonen." Und sie ist erfolgreich, die Jura-Zwischenprüfung hat sie bereits abgelegt.

Das Jura-Studium ist kein Zufall: Mit ihrer neuen Lebenskraft will Sandra Norak vor allem "den 90 Prozent Frauen aus Osteuropa helfen, die keine Stimme in der Prostitution haben". Sie habe gesehen, wie viele von ihnen zugrunde gingen. Ohne die deutsche Sprache hätten sie "kaum eine Chance auszusteigen".



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