Protest Mit Pflastern gegen Putins Pin-up-Girls

"Happy Brustday, Mr. Putin" - in Reizwäsche posierten Moskauer Journalismus-Studentinnen für einen Pin-up-Kalender und gratulierten so dem russischen Premier Wladimir Putin zum Geburtstag. Diese Katzbuckelei ging ihren Kommilitoninnen gegen den Strich - sie starteten eine freche Gegen-Aktion.

Von Maxim Kireev, Moskau

Alexander Utkin

Mögen internationale Organisationen wie "Reporter ohne Grenzen" Wladimir Putin auch einen der größten "Feinde der Pressefreiheit" nennen - daheim in Russland erfreut sich der Ministerpräsident der ungetrübten Gunst des journalistischen Nachwuchses. So schien es zumindest noch am Donnerstag.

Da feierte Putin 58. Geburtstag - und Studentinnen der journalistischen Fakultät der renommierten Lomonossow-Universität Moskau gratulierten ihm mit einem Pin-Up-Kalender und schwülstigen Liebesbekundungen. Als Miss März etwa grüßt Lena, blond, 5. Studienjahr, im Negligee: "Wladimir Wladimirowitsch, Sie haben die Waldbrände gelöscht - aber ich stehe immer noch in Flammen!"

"Happy Brustday, Mr. Putin", titelte die Boulevardzeitung "Tvoj Den" mit den Fotos, und ganz Moskau staunte über die erotische Ergebenheitsadresse der angehenden Reporterinnen.

Doch an der Uni selbst regte sich Unmut. "Wir müssen für die Ehre unserer Fakultät einstehen", sagte sich Elisaweta Menschikowa, 21, sechstes Semester. "Hier studieren nicht nur Stripperinnen, hier gibt es auch noch Leute, die denken können."

Flugs telefonierte Menschikowa ebenfalls ein paar Laienmodelle herbei, Freundinnen aus dem Studium. Gemeinsam fuhren die Frauen dann zu Alexander Utkin, Kommilitone und freiberuflich Pressefotograf. "Wir haben uns vor allem über die Kommentare in Blogs geärgert", sagt Utkin SPIEGEL ONLINE. "Unser gesamter Berufsstand wurde hier ja durch den Kakao gezogen." Das wollten er und Elisaweta Menschikowa nicht zulassen.

"Unser gesamter Berufsstand wurde durch den Kakao gezogen"

Da hieß es beispielsweise, man könne die ehrwürdige "Jour-Fak" getrost dichtmachen, dann werde "der Journalismus in unserem Land vielleicht wieder die Sache von ehrlichen und mutigen Menschen und nicht von Huren." Einst hatten auch die ermordeten Reporterinnen Anna Politkowskaja und Anastasia Baburowa der Kreml-kritischen "Nowaja Gaseta" an der Moskauer Staatsuniversität studiert.

Bis zum Morgengrauen fotografierten Elisaweta Menschikowa und ihre Mitstreiter einen eigenen Kalender. "Wladimir Wladimirowitsch, wir haben ein paar Fragen", heißt das Werk. Die Aufnahmen sind ungleich schlichter: Statt Reizwäsche und tiefem Dekolletee tragen Modelle schwarze Mäntel - und ein Pflaster quer über dem Mund, ihre Fragen sind bissig.

Margarita, 3. Studienjahr: "Wann wird Chodorkowski freigelassen?" Maria, 3. Studienjahr: "Versammlungsfreiheit - immer und überall?" Swetlana, 4. Studienjahr: "Beeinflusst Inflation eigentlich auch Bestechungsgelder?" Tatjana, 3. Studienjahr: "Wann passiert der nächste Terroranschlag?"

Am Morgen stellte Menschikowa die Bilder in ihren Blog und bekam binnen kürzester Frist mehr als tausend Jubel-Kommentare.

"Bei manchen Mädchen liegen die Nerven bereits blank"

So wirft die Mini-Affäre um die beiden Putin-Kalender auch ein Schlaglicht auf den journalistischen Nachwuchs in Russland, sein Selbstverständnis und seine Ideale. Der Verleger des Pin-Up-Kalenders, Wladimir Tabak, hat auch mal an der Lomonossow-Uni studiert, inzwischen ist er häufig Gast bei den Sommerlagern der Putin-Jugend "Naschi - Die Unsrigen" am Seliger-See. Er hat mal für den Internet-Sender Russia.ru eine Serie über die Fakultät für Journalismus produziert. Meist traten dort langbeinige Studentinnen als Glamour-Girls auf, die mit Stars plauderten oder nach neuester Mode fahndeten.

So war es auch eine "Naschi"-Funktionärin, die die Pin-Up-Bilder für Putin als erste auf ihrem Blog veröffentlichte, laut russischen Medienberichten gehören auch die abgelichteten Studentinnen zum Umkreis der Kreml-Jugend.

Ksenia Selesnjowa, eine von Putins Kalender-Mädchen, kann die Aufregung dennoch nicht nachvollziehen. "Es gibt sehr viel Kritik, bei manchen von unseren Mädchen liegen die Nerven bereits blank", berichtet die Studentin. Sie hofft, dass Wladimir Putin ihr Geschenk zu schätzen wisse. Die Kritiker dagegen, glaubt die brünette Schönheit, "sind einfach nur neidisch".

Putin-Kritikerin Elisaweta Menschikowa stellt ihr Handy inzwischen meistens ab. Sie antwortet kaum noch auf die unzähligen Interviewanfragen. Sie sagt nur: "Wir stellen Fragen. Das ist der Job eines Journalisten."



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