Protestaktion Boobquake: Tag des Brustbebens

Weil ein iranischer Geistlicher Naturkatastrophen auf unzüchtig gekleidete Frauen zurückführte, schlug die US-Studentin Jen McCraight vor, sich freizügig anzuziehen. Die Idee zum Boobquake-Tag war geboren - jetzt ist es so weit.

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Bloggerin Jen McCreight: Versehentlich weltweite Protestbewegung gegründet

Hamburg - Eigentlich, erklärte Jen McCreight Anfang der Woche in einem Interview, habe das alles ja als eine Art Witz begonnen. Weil das, was der muslimische Kleriker Kasem Sedighi bei einem Gebet in einer Teheraner Moschee erklärt haben soll, so irrwitzig gewesen sei, habe sie das noch irrwitziger beantworten wollen. Der Geistliche hatte erklärt, dass Erdbeben durch unzüchtig gekleidete Frauen verursacht würden.

McCreights Antwort: Lasst uns diesem Mann zeigen, dass Brüste keine Beben verursachen. Und zwar mit einem Experiment: So viele Frauen wie möglich sollten sich am Montag, dem 26. April, so gewagt kleiden, wie es ihnen möglich sei.

Der Boobquake-Tag war geboren - der Tag des Brustbebens.

Der kleine Kommentar auf McCreights Blog entwickelte schnell ein Eigenleben, ging um die Welt, landete in den Medien. Bald folgte eine Facebook-Gruppenseite zum Boobquake. Keine 24 Stunden nach der Veröffentlichung hatte sich eine fünfstellige Zahl von Frauen solidarisch erklärt. Immer mehr nahmen den Appell auf und verbreiteten ihn weiter. Zwei Tage nach der Initialzündung gab es erste regionale Unterstützerinnengruppen, die in amerikanischen und kanadischen Städten um Teilnehmerinnen warben. Rund 155.000 Frauen haben inzwischen erklärt, am Montag auf Wonderbras oder tief ausgeschnittene Kleidung trotz der Erdbebengefahr nicht verzichten zu wollen. Selbst richtige Klein-Demonstrationen gehören zum Programm: Im kanadischen Vancouver haben 50 Frauen eine Boobquake-Demo angekündigt.

Alberne Form, ernster Protest

Für McCreight begann das alles zwar als Gag, der aber fiel kaum zufällig grimmig und provokant aus: Die 22-jährige Atheistin glaubt, dass ihr sarkastischer Kommentar sich so schnell zu einer weltweiten Aktion auswuchs, weil immer mehr Frauen so wie sie "die Nase voll haben von lächerlichen unwissenschaftlichen und gegen Frauen gerichteten Behauptungen wie die von Sedighi. Manchmal ist lockerer Spott die beste Lösung."

Und der sah so aus: "Ich werde das tiefstausgeschnittene Hemd tragen, das ich besitze", schrieb sie. "Ja, dieses eine, das normalerweise dafür gedacht ist, getragen zu werden, wenn ich ausgehe. Ich fordere andere weibliche Skeptiker auf, mitzumachen und die angebliche Superkraft unserer Brüste zu nutzen. Mit der kombinierten Kraft unserer skandalösen Körper sollten wir sicher in der Lage sein, ein Erdbeben zu produzieren. Und wenn nicht, kann Sedighi sicher eine Erklärung liefern, warum der Boden nicht bebte."

Bald darauf bebte es bei McCreight. Das enorme Echo in Internet und Medien hat sie zwar schockiert und kommunikativ abgeschnitten - ihr E-Mail-Account ist deaktiviert, seit dort Tausende von Nachrichten einliefen. Sie legte aber trotzdem noch einmal sachlicher nach: Es gehe darum, ein Zeichen zu setzen, und nicht darum, sich zur Schau zu stellen. Wer sich mit einem tiefen Ausschnitt unwohl fühle, solle eben seine Knöchel zeigen - auch das sei ja für manche Menschen schon unzüchtig.

Inzwischen ist das alles kaum noch aufzuhalten. Über die Boobquake-Facebook-Gruppe werden diverse T-Shirts angeboten ("Züchtig angezogene Frauen lassen die Erde selten beben"). Hunderttausende von Facebook-Nutzern sind zur Teilnahme eingeladen worden, und selbst Leitmedien nehmen das Thema in den USA auf.

Gegenwind: Hirn statt Brust

Was nicht zuletzt auch vielen Frauen durchaus missfällt. Die Aktion Brainquake, die Ende der Woche als Antwort auf Boobquake entstand, fasst das Negativecho von anderer feministischer Seite am treffendsten zusammen: McCreights Aktion trage zur Sexualisierung des öffentlichen Raumes bei, entwürdige Frauen, die "täglich gezwungen" seien, ihre Körper zur Schau zu stellen. Viel zu viele männliche Unterstützer des Boobquake-Tags warteten nur darauf, endlich "die Titten" ihrer Kolleginnen und Freundinnen zu sehen.

Darum, so die Brainquake-Frauen, sollten Frauen im Protest gegen die absurden Vorstellungen Sedighis lieber ihre "Zeugnisse, Lebensläufe, Auszeichnungen, Preise" zeigen - auf Web-Seiten und Blogs, Facebook und YouTube. Denn vor nichts müssten solche Männer so sehr zittern wie vor qualifizierten Frauen.

McCreight versteht auch das. Das erste Statement in ihrem Blog sei ja nur ein sarkastischer Kommentar gewesen, kein Aufruf zu Protesten. Wenn sie geahnt hätte, wie sich das alles entwickeln würde, sagte sie in einem Gespräch mit der australischen Newsseite News.com, hätte sie ihre Worte anders gewählt.

McCreight: "Ich verüble Frauen nicht, dass sie ihre Bedenken äußern, denn dass Frauen als Objekte behandelt werden, ist ein guter Grund, sich zu sorgen. Besonders, wenn man an diese ekligen Kommentare denkt, die manche Männer auf der Facebook-Eventseite und im Blog hinterlassen. Die haben die Sache nicht so ganz begriffen."

Denn Boobquake trete schließlich einen Beweis an. Sie werde am Montag Stärke und Zahl von Erdbeben mit den Durchschnittswerten vergleichen. Dass dies nicht genug ist, einen wissenschaftlichen Beweis zu erbringen, weiß McCreight, die Genetik und Evolutionslehre studiert, natürlich auch: Um valide Daten zu erhalten, müsse man die Sache vielleicht wiederholen. Oder vielleicht die Erdbebendaten des Mardi Gras (eine Form des Karnevals) hinzuziehen.

pat

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 54 Beiträge
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1. µµµµµ
lemming51 25.04.2010
Sorry, ich habe den Eindruck, die Welt wird immer bekloppter. Brustbeben,.............ich fass' es einfach nicht !!!!
2. Double Impact
christian simons 25.04.2010
Zitat von sysopWeil ein iranischer Geistlicher Naturkatastrophen auf unzüchtig gekleidete Frauen zurückführte, schlug eine US-Studentin vor, sich freizügig zu kleiden. Die Idee zum Boobquake-Tag war geboren, um den Beweis anzutreten, dass Frauenbrüste keine Erdbeben verursachen. Montag ist es so weit. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,691129,00.html
Schöne Aktion mit doppeltem Nutzwert: a) Fundamentalisten werden zum Deppen gemacht. b) Es gibt Sehenswürdigkeiten.
3. 11
nurEinGast 25.04.2010
Zitat von lemming51Sorry, ich habe den Eindruck, die Welt wird immer bekloppter. Brustbeben,.............ich fass' es einfach nicht !!!!
Bekloppter schon- aber trotzdem irgendwie auch interessant... :D
4. Risiken
christian simons 25.04.2010
Zitat von christian simonsSchöne Aktion mit doppeltem Nutzwert: a) Fundamentalisten werden zum Deppen gemacht. b) Es gibt Sehenswürdigkeiten.
Risiken: Wenn aber in Kalifornien das große Beben ausgerechnet nach dieser mammographischen Machtdemonstration kommt, dann sind wir Atheisten auf Jahre hinaus angeschmiert. :-(
5. Zu b.)
Fritz Motzki 25.04.2010
Zitat von christian simonsSchöne Aktion mit doppeltem Nutzwert: a) Fundamentalisten werden zum Deppen gemacht. b) Es gibt Sehenswürdigkeiten.
Nur solange sich keine Männer mit Gynäkomastie beteiligen.:-)
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