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Prozess gegen Strauss-Kahn: "Es war brutal"

Von Geneviève Hesse

Die Aussagen von Prostituierten bringen Dominique Strauss-Kahn im Zuhälterei-Prozess von Lille in Erklärungsnot. Zugleich befeuern die drastischen Berichte der Frauen die Debatte über käuflichen Sex in Frankreich.

Gerichtszeichnung von Jade (M.): "Ich war aufgespießt" Zur Großansicht
AFP

Gerichtszeichnung von Jade (M.): "Ich war aufgespießt"

"Es gab einen sehr unangenehmen Moment", sagte die ehemalige Prostituierte Jade. Alle im Saal hingen halb verlegen, halb gespannt an ihren Lippen, die Nebenklägerin unterdrückte ihre Tränen und fuhr fort. "Als ich DSK den Rücken zuwendete, drang er ohne zu fragen in mich ein. Bevor ich überhaupt etwas sagen konnte, geschah es und ich war aufgespießt. Wenn ich sein Foto wieder sehe, erlebe ich es immer wieder erneut, als würde es mich zerreißen."

"Gemetzel", "Schlachterei", solche Worte fielen, als Jade und drei weitere Prostituierte während des Prozesses gegen den ehemaligen IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn (DSK) von ihren Erlebnissen erzählten. Nebenklägerin Mounia etwa berichtete, wie sie Analverkehr mit DSK über sich ergehen ließ: "Es war brutal, aber ich habe es akzeptiert, weil ich das Geld brauchte".

So sehr die gewalttätigen Schilderungen die Franzosen erschüttern - Strauss-Kahn ist nicht wegen seiner Brutalität in der nordfranzösischen Stadt Lille angeklagt. Ihm wird vorgeworfen, Prostitution organisiert oder gefördert zu haben. In deutschen Bordellen ist das legaler Alltag - in Frankreich wird Zuhälterei mit Haftstrafen von bis zu zehn Jahren geahndet.

Blockade gegen neues Gesetz bröckelt

Strauss-Kahn bestreitet, vom käuflichen Sex gewusst zu haben. Sollte ihm das Gericht folgen, hätte er sich nicht strafbar gemacht. Er hat zwar Sexpartys bestellt und dafür Räume zur Verfügung gestellt, wie es eine Reihe von SMS belegen. Das gilt eindeutig als Zuhälterei - aber nur, wenn die Frauen Prostituierte sind. Strauss-Kahn behauptet, er sei davon ausgegangen, die "freizügigen Damen" seien wegen seiner machtvollen Aura oder aus Spaß da gewesen. Nicht wegen Geld. Er verabscheue die Prostitution und schwärme für den "Libertinage" - die ungenierte, sexuelle Freiheit.

Er will nichts davon mitbekommen haben, dass die Prostituierten weinten, wie Jade und Mounia es erzählten, weil sie Schmerzen hatten. Nun weiß es ganz Frankreich.

In den vergangenen Monaten war es in der Debatte über den Umgang mit käuflichem Sex ruhiger geworden. Der Senat blockiert seit Juli 2014 einen Gesetzentwurf gegen Prostitution, den die Nationalversammlung im Dezember 2013 verabschiedet hatte. Er sah vor, dass künftig Freier bestraft werden sollen, das Bußgeld sollte bei Wiederholungstätern bis zu 3750 Euro betragen. Zugleich sollten Prostituierte - anders als bisher - straffrei gestellt werden.

Der Senat strich die umstrittene Freierbestrafung aus der Gesetzesvorlage, die in einer Sonderkommission versackte. Am Mittwoch teilte der Senat nun mit: Ende März wird das Gesetz während einer öffentlichen Sitzung erneut debattiert.

"99,99 Prozent der Prostituierten arbeiten unter Zwang"

Ein kleiner Erfolg für Prostitutionsgegner, die sich nun selbstbewusst zu Wort melden. "Der DSK-Prozess hat eine günstige Stimmung geschaffen", sagt Claire Quidet, die Sprecherin der Mouvement du Nid, einem Verband von 60 Vereinen, die Prostitution durch Strafen gegen Freier abschaffen wollen. "Jetzt haben die Franzosen direkt von Prostituierten das gehört, was wir seit Jahren wiederholen: Prostitution ist Gewalt. Sie werden für unsere Argumente sensibler."

Anfang Februar mahnte Thierry Schaffauser, einer der Gründer der Lobbygruppe für Sexarbeit "Strass", im DSK-Prozess sitze nicht die Prostitution auf der Anklagebank.

Die Wahrnehmung ist mittlerweile aber eine andere, wie auch die Titelseite der Tageszeitung "Libération" von Donnerstag zeigt: "Der Prozess der gewöhnlichen Prostitution". Der DSK-Prozess bringe "die brutalen und ekligen Praktiken ans Licht, die wir nicht sehen wollen".

Ähnlich kommentierte der Redaktionsleiter des Magazins "L'Express", Christophe Barbier, in einer Talksendung: "99,99 Prozent der Prostituierten arbeiten unter Zwang." Es sei "vorbei mit der romantischen Vorstellung der 40- bis 50-Jährigen, von der selbstständigen Prostituierten, die ihr Leben selbst bestimmt", sagte der populäre Fernsehmoderator Yves Calvi. Heute seien "furchtbare, mafiöse Netzwerke am Werk". "Menschenhandel, manchmal sogar mit Minderjährigen", finde nachts auf französischen Straßen statt.

Aktivist beschuldigt Senatoren

Es sind deutliche Reaktionen auf die Aussagen der Prostituierten, die auch ihre Lebenswege offenlegten. Jade etwa, eine alleinerziehende Mutter von zwei Kindern, erzählte in einem Interview mit dem Sender "BFM TV", dass ihr ein Kontrollbesuch durch das Jugendamt bevorstand. Sie hatte kein Geld, der Kühlschrank war leer, sie fürchtete, dass die Kinder ihr weggenommen würden. Also habe sie gedacht, "dass ich anfangen muss". Heute spüre sie Scham, Trauer und Reue.

Auch das Schicksal der Prostituierten Mounia erschüttert die Franzosen. Mit 20 wurde sie durch ihre Familie nordafrikanischer Abstammung an einen Zuhälter verkauft. Zwischenzeitlich kam sie von der Prostitution los, als sie aber mit dem Vater ihrer Kinder um das Sorgerecht stritt und die Prozesskosten nicht bezahlen konnte, fing sie wieder an. Mounia erzählte Ermittlern, der Richter habe ihr vorgeschlagen, in "Naturalien" zu bezahlen.

Patric Jean, Sprecher der Männerorganisation gegen Prostitution Zéromacho, prangerte die bisherige Blockadehaltung des Senats in einem Beitrag der angesehenen Internetzeitung Mediapart.fr an. Manche Senatoren würden sich "spät am Abend in ihren parlamentarischen Büros mit Prostituierten einschließen". Als ihre "Nichten" seien sie dort angemeldet. Jean kritisiert außerdem den Politiker Jean-Marie Le Guen, der seit April 2014 in der Regierung für die Beziehung mit dem Parlament zuständig ist. Er sei ein "guter Freund von DSK" und - "wie zufällig"- auch Gegner der Freierbestrafung.

Die Pressestelle des Senats teilte diese Woche mit, es könnten nun verschiedene Änderungsanträge zu der Vorlage eingereicht werden. Für die Zukunft des Gesetzes gegen Prostitution seien "alle Optionen möglich".

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 51 Beiträge
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1. Vergewaltigungvsollte hier geprüft werden
shooop 13.02.2015
Prostituierte verkaufen zwar ihren Körper, es ist aber ihr Recht im Rahmen dieses Geschäftes selber Grenzen zu setzen. Der Freier kauft eine Dienstleistung, nicht die Frau. DSK kann sexuell machen, was er will - solange die Frau es freiwillig mitmacht. Dieser Typ ist widerwärtig und gehört seine Grenzen aufgezeigt bekommen.
2. Klarer Fall von Vorteilsnahme
mk1964 13.02.2015
DSK argumentiert, dass er von Unternehmern eingeladen worden sei. Das wäre nach deutschem Recht ein ganz klarer Fall von Vorteilsnahme - gibt es das im französischen Recht nicht?
3. Der Mann ist untragbar.
Poco Loco 13.02.2015
DSK will allen Glauben machen, dass die Frauen das freiwillig und ohne Bezahlung über sich haben ergehen lassen, nur weil DSK so ein toller, junger frischer Hengst ist, wahrscheinlich glaubt er das wirklich. Der Typ ist offenbar ein Sexmonster der schon längst in die Geschlossene gehört.
4. Wäre er in der BRD
lea_leserin 13.02.2015
...hätte er sozusagen legal gehandelt. Weil WIR das BORDELL Europas sind. Und Zuhälterei erlaubt ist. Wie lange sollen bei uns im Lande Menschen, insbesondere Frauen misshandelt werden bis man eine ähnliche Debatte über ein Sexkaufverbot und Freierbestrafung anfeuert? Wo ist bei UNS die Schmerzgrenze erreicht? Prostitution verletzt die Menschenwürde.
5. @lea leserin
shooop 13.02.2015
Seh ich auch so. Ich glaube aber, es gibt keinen Ausweg aus dieser Misere. Es wird immer Frauen geben, die sich verkaufen müssen und welche, die das auch wollen. Bei einem Bauunternehmer würde auch niemand auf die Idee kommen, dass man diesen nicht fragt, bevor man ihn anfasst. Bei einer Prostituierten kennen Männer wie DSK keine Grenzen. Die Frau soll ALLES dulden und toll finden. So wie Prostituierte vermutlich Probleme damit haben Grenzen zu setzen, so hat DSK Probleme, Grenzen zu sehen und einzuhalten. Ekelhaft der Typ.
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