Urteil im Fall von Kirchweyhe Ein Fall von "furchtbarer Tragik"

Daniel S. wurde am Bahnhof von Kirchweyhe so brutal zusammengeschlagen, dass er an einer Hirnblutung starb. Für die Tat wurde Cihan A. nun zu knapp sechs Jahren Jugendhaft verurteilt. Nach Ansicht des Gerichts handelte er nicht allein, doch eine weitere Anklage wird es wohl nicht geben.

Von , Verden

Angeklagter Cihan A.: Fünf Jahre und neun Monate Jugendhaft
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Angeklagter Cihan A.: Fünf Jahre und neun Monate Jugendhaft


Als das Urteil verkündet wird, kämpft Cihan A. mit den Tränen. Vor fünf Tagen ist er 21 Jahre alt geworden, ein junger Mann mit "erheblicher Reifeverzögerung", wie es der Richter nennt. Ein junger Mann, der nach Überzeugung des Verdener Landgerichts für einen Fall von "furchtbarer Tragik" verantwortlich ist: den Tod von Daniel S. aus Kirchweyhe. Fünf Jahre und neun Monate muss A. deshalb in Jugendhaft.

Als der Verurteilte in Hand- und Fußfesseln aus dem Gerichtssaal geführt wird, ist die Mutter seines Opfers längst weg. Fluchtartig hat sie den Raum verlassen.

Nur eine gerechte Strafe könne sie trösten, daran hatte die Familie des Opfers keinen Zweifel gelassen. Ob sie dieses Urteil als gerecht empfindet, lässt sich nun allenfalls erahnen. Sehr wahrscheinlich ist es nicht. Denn trotz des großen Aufwands, trotz 24 Verhandlungstagen und der Befragung von 48 Zeugen, konnte die Tat nicht vollends aufgeklärt werden. Neben Cihan A., das stellte das Gericht klar, waren weitere Täter an der Prügelattacke beteiligt. Doch die werden sich voraussichtlich nie vor Gericht verantworten müssen.

"Einer wird diese Nacht nicht überleben"

Das Unheil nahm seinen Lauf in der Nacht auf den 10. März 2013. Was geschah, hält das Gericht aufgrund von Zeugenaussagen für belegt. Eine Gruppe junger Menschen fuhr mit einem gemieteten Bus von einem Discobesuch zurück nach Kirchweyhe. Auf der Fahrt kam es zu einem Streit, an dem weder Cihan A. noch Daniel S. ursprünglich beteiligt waren. Doch A. mischte sich ein, die Stimmung heizte sich weiter auf und schließlich drohte er: "Einer wird diese Nacht nicht überleben."

Per Telefon bestellte A. noch während der Fahrt Freunde zum Bahnhof von Kirchweyhe. Zeugenaussagen zufolge forderte er seine Kollegen lauthals auf, "alles mitzubringen", "Waffen", "ganz Bremen Nord". Die Stimmung im Bus wurde immer unheilvoller, andere Insassen informierten ebenfalls Freunde und baten um Hilfe. Niemand rief die Polizei.

Zwar gab es im Prozess widersprüchliche Angaben. Aber im Kern, so Richter Joachim Grebe, ergaben die wichtigsten Aussagen ein homogenes Bild der Ereignisse.

Kung-Fu-Tritt in den Rücken

Cihan A. verließ demnach als erster den Bus, lief zu einem Bahnhofsgebäude, legte seine Jacke ab, kehrte zum Bus zurück. "Komm her, komm her, du Hund", rief er. Wen er meinte, bleibt unklar. Denn im Bus hatte sich die Lage in letzter Sekunde noch entspannt. Daniel S. war als Schlichter aktiv geworden, zum ersten Mal überhaupt an diesem Abend griff er ein. "Das kann man doch vernünftig regeln", soll er gesagt haben, zwei Kontrahenten hatten sich die Hand gegeben.

Doch Cihan A. ließ den Streit wieder aufleben. Als Daniel S. als zweiter aus dem Bus stieg, kam es zu einer Rangelei mit Cihan A. und möglicherweise auch anderen. Schließlich trat A. dem 25-Jährigen in Kung-Fu-Manier gegen den Rücken, S. prallte mit dem Kopf gegen den Bus und fiel bewusstlos zu Boden. A. trat noch einmal zu - wo er traf, lässt sich laut Gericht nicht klären.

Die Gerichtsmedizin stellte bei S. im Wesentlichen zwei Verletzungen fest: eine Einblutung oberhalb des Gesäßes - dort, wo ihn A.s Tritt traf. Und eine Verletzung am Hals, die vielleicht von A. verursacht wurde, vielleicht aber auch von jemand anderem. Einige kleinere Verletzungen seien zu vernachlässigen gewesen, sagte der Richter. Von weiteren heftigen Tritten gegen den Kopf oder den Oberkörper sei nicht auszugehen, Knochenbrüche seien nicht festgestellt worden.

Das Gericht ist aufgrund der Zeugenaussagen überzeugt, dass noch weitere Täter zutraten, als S. bereits am Boden lag. Und da beide Verletzungen die tödliche Hirnblutung ausgelöst haben könnten, lässt sich dieser Argumentation zufolge A. nicht nachweisen, dass er die tödliche Verletzung verursacht hat.

Mahnende Worte an den Verurteilten

Ein Tötungsvorsatz ließ sich ebenfalls nicht nachweisen. Die Staatsanwaltschaft hatte daher - auch infolge der teils widersprüchlichen Zeugenaussagen - ihren ursprünglichen Mordvorwurf auf Körperverletzung mit Todesfolge abgeschwächt. Wer die mutmaßlichen weiteren Täter waren, konnte nie mit Sicherheit ermittelt werden. Für die Anklagebehörde sind die Ermittlungen abgeschlossen. Gegen das Urteil kann Revision eingelegt werden.

Die brutale Tat hatte auch deshalb große Aufmerksamkeit erregt, weil Rechtsextreme versuchten, A.s Nationalität und seinen Migrationshintergrund zu instrumentalisieren. Als die Gemeinde Kirchweyhe sich entschlossen dagegen verwahrte, wurde der Bürgermeister mit übelsten Beschimpfungen überschwemmt. Wie Richter Grebe sagte, ist es auch nicht ausgeschlossen, dass im Bus ausländerfeindliche Sprüche fielen und A. sich dadurch provoziert fühlte. Aber er war es, der "einen bereits beendeten Streit eskalieren ließ und weiter an der Schraube drehte".

A. habe eine "typische Karriere" für eine Reifeverzögerung hingelegt, sagte der Richter. Gewalterfahrung in der Kindheit, Trennung der Eltern, Verlust der Mutter, die 2008 in die Türkei gezogen ist. Mehrere Suspendierungen in der Schule, Abgang ohne Abschluss nach der sechsten Klasse, mehrere Ausbildungen und weiterbildende Maßnahmen scheiterten. 2008 verletzte A. einen 14-Jährigen mit mehreren Messerstichen, weil er Zigaretten haben wollte.

Eine Nichtigkeit - wie im Fall von Daniel S. Er möge das Urteil als Chance begreifen, sagte der Richter zu Cihan A. Ein Schulabschluss, vielleicht eine Ausbildung, die Aufarbeitung der Aggressionen seien immens wichtig. Er müsse sich persönlich anstrengen, sagte der Richter zu dem 21-Jährigen, sonst sehe er für dessen Zukunft schwarz.



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