Psychisch kranke Mütter: "Keine Chance vor Gericht"

Angst, Selbstzweifel, Ausgrenzung: Psychisch kranke Mütter leiden, weil sie als Elternteil nicht erwartungsgemäß funktionieren. Wenn dann noch ein Sorgerechtsstreit entbrennt, gerät die Welt aus den Fugen. Erfahrungsbericht einer Mutter, die zwei ihrer Kinder durch die Krankheit verlor.

Hamburg - Ich bin 47 Jahre alt, zweimal geschieden und habe drei Kinder. Ich war noch sehr jung, als ich das erste Mal geheiratet habe. Als mein Partner gewalttätig gegen mich wurde, geriet ich in eine schwere Lebenskrise, die mich mit der Diagnose "bipolare Störung" erstmals in die Psychiatrie brachte. Damals waren meine Kinder zwei und drei Jahre alt.

Erst nach zwei Jahren und weiteren Gewaltausbrüchen meines Mannes schaffte ich es, mich aus der Beziehung zu lösen. Die Trennung löste eine weitere Krise inklusive Psychiatrieaufenthalt aus. Der Vater nahm die beiden Kinder zu sich und beanspruchte das Sorgerecht für sich. Dadurch, dass ich zweimal stationär behandelt worden war und damit zur Kategorie „psychisch krank“ gehörte, hatte ich vor Gericht keine Chance.

Der Sorgerechtsprozess gestaltete sich schwierig und ging bis zum Oberlandesgericht. Sowohl für die Kinder als auch für mich war das sehr belastend. Das Umgangsrecht, welches mir zustand, wurde von Seiten des Vaters erheblich erschwert. Als die Kinder zehn und elf waren, kam es schließlich zu einem völligen Kontaktabbruch.

Nach einem Klinikaufenthalt widersetzte ich mich den Empfehlungen der Psychiater, die angeordneten Medikamente mindestens zehn Jahre lang einzunehmen. Ich setze sie langsam ab, machte eine tiefenpsychologische Therapie und war danach 15 Jahre gesund und in einem verantwortungsvollen Beruf tätig.

In dieser Zeit lernte ich einen neuen Partner kennen, den ich nach fünf Jahren heiratete. Wir bekamen ein Kind und ich war voller Freude, hoffte, endlich eine glückliche Familie aufbauen zu können, wie ich sie selbst als Kind erlebt hatte. Leider gestaltete sich auch diese Beziehung schwierig. Ich habe alles versucht, bis meine Kräfte am Ende waren.

Als mein Kind vier Jahre alt war, kam ich wieder in eine psychiatrische Klinik. Nun war ich so in der Zwickmühle, dass ich den Rat der Psychiater befolgte und mich auf die stabilisierende Wirkung der Medikamente verließ. Leider wurden die Symptome aber mit der Zeit immer schlimmer statt besser. Ich wurde chronisch krank und erwerbsunfähig.

Sechs weitere Jahre habe ich gebraucht um der zweiten Ehe zu entrinnen. Mein ehemaliger Partner setzte mich unter Druck, indem er sagte, ich würde das Kind nie bekommen, weil er die Vorgeschichte aus meiner ersten Ehe kenne. Unser gemeinsames Kind war zu diesem Zeitpunkt zehn Jahre alt und hatte mit der Trennung ohnehin schwer zu kämpfen. Ich habe deshalb auf einen Sorgerechtsprozess verzichtet. Mein Kind lebt seitdem beim Vater, wird aber tatkräftig von meinen Eltern und mir unterstützt. Das Umgangsrecht gestaltet sich mittlerweile unkompliziert.

Ich glaube, mein Kind hat am meisten gelitten, als es mit vier Jahren erleben musste, dass ich plötzlich acht Wochen in der Klinik war. Es hat schwere Verlustängste entwickelt, obwohl es durch seine Großeltern und den Vater Ersatzbezugspersonen hatte. Glücklicherweise konnten wir das alles mit der Zeit gut aufarbeiten, auch mit der Unterstützung eines verständnisvollen, kompetenten Kinderarztes. Heute sind alle meine Kinder ganz gesund.

Für mich ist es sehr wichtig, den eigenen Weg zur Selbststabilisierung zu gehen und dabei nicht für immer und ewig auf eine Diagnose reduziert zu werden - wie es bis heute noch in der Psychiatrie gehandhabt wird, durch Angstmacherei, Betäubung durch Medikamente und Zwang. Durch solche Maßnahmen wird ein zunächst kleines Problem mit der Zeit zu einem immer größeren, später fast unlösbaren Dilemma. Ich brauche Hilfe von Menschen, die nicht nur meine Krankheit, sondern auch mich selbst wahrnehmen.

Der Weg zur Stabilisierung, zum „Heil werden“, ist keineswegs einfach, braucht viel Mut, Zeit und Arbeit an sich selbst. Mir haben Gesprächsgruppen geholfen und besonders die Mitgliedschaft im Bundesverband Psychiatrie -Erfahrener e.V.

Ich glaube, dass es den Kindern gut geht, wenn es der Mutter gut geht. Wird diese jedoch vom Außen permanent als psychisch krank dargestellt, leidet ihr ohnehin angegriffenes Selbstwertgefühl - und das ist besonders schlimm für die Kinder. Die Mütter sollten darin unterstützt werden, trotz der Krankheit ein würdevolles Leben zu führen. Damit ist den Kindern am meisten geholfen.

ala

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