Erziehung "Mütter müssen Väter machen lassen"

Was macht eine gute Vater-Kind-Beziehung aus? Wie genau unterscheidet sich das Rollenverhalten von Vätern und Müttern? Entwicklungspsychologin Lieselotte Ahnert hat nachgeforscht.

Ein Interview von

Vater und Sohn: "Viele Männer sind weniger behütend"
Corbis

Vater und Sohn: "Viele Männer sind weniger behütend"


Lieselotte Ahnert, Jahrgang 1951, ist Professorin für Entwicklungspsychologie an der Universität Wien. Im Rahmen des Forschungsprojekts Central European Network on Fatherhood, kurz: Cenof, hat sie mit fünf weiteren Forschergruppen Erkenntnisse zu Vater-Kind-Beziehungen gesammelt. (Lesen Sie hier im digitalen SPIEGEL die Titelgeschichte zu dem Thema.)

SPIEGEL ONLINE: Frau Ahnert, Sie haben Hunderte Väter befragt und beobachtet. Was hat Sie dabei am meisten überrascht?

Ahnert: Wir hatten nicht erwartet, wie sehr die Qualität der Vaterschaft von den äußeren Umständen abhängt, also zum Beispiel von der Beziehung zur Mutter, den Möglichkeiten, Job und Familie zu vereinbaren, oder auch vom Kind. Bei frühgeborenen Kindern etwa verhalten sich die Väter oft äußerst zurückhaltend. Je ungünstiger die Umstände, desto eher wird das Vatersein an den Rand gedrängt. Das zeigt uns einen wesentlichen Unterschied zwischen Vätern und Müttern: Mutterschaft ist obligatorisch - eine Frau bekommt ein Kind und ist Mutter. Vaterschaft dagegen ist fakultativ: Wenn ein Vater sich aus dem Staub macht, zieht die Mutter das Kind allein groß. Wenn eine Mutter ihr Kind einfach im Stich lässt, gilt das als pathologisch.

SPIEGEL ONLINE: Verhalten sich jene Väter, die ihre Rolle gut ausfüllen, anders als Mütter?

Ahnert: Ja. Viele Männer sind weniger behütend, sie unterstützen die Neugier ihrer Kinder, aktivieren ihr Verhalten, werfen sie in die Luft, rennen und toben mit ihnen. Dieses physisch herausfordernde Verhalten ist bei Müttern seltener. Mütter achten dagegen eher auf die Unpässlichkeiten der Kinder und versuchen, negative Emotionen umgehend auszubalancieren. Wenn das Kind weint, nehmen sie es sofort in den Arm und trösten es.

SPIEGEL ONLINE: Und wie machen es die Väter?

Ahnert: Väter reagieren in solchen Situationen häufiger gelassener und benutzen Ablenkungsmanöver, die das Kind in die Lage versetzen sollen, Emotionen selbst zu regulieren. Das sind einfach verschiedene Strategien, die sehr nützlich für die emotionale Entwicklung des Kindes sind. Interessant ist aber, dass Väter bei ihren frühgeborenen Kindern wenig herausfordernd sind, so dass diese Kinder derartige Erfahrungen kaum machen können. In den Nachsorge-Ambulanzen von Frühgeborenen sollten Ärzte deswegen die Väter ermutigen, auch bei diesen Kindern herausfordernd zu sein und einfach das Verhalten zu zeigen, das ihnen liegt, auch wenn dies dann stufenweise angepasst werden muss.

SPIEGEL ONLINE: Immer mehr Kinder wachsen in Patchwork-Familien auf. Wie wichtig ist der Umstand, ob der Vater der leibliche Vater ist?

Ahnert: Die soziale Vaterschaft hängt von vielen Bedingungen ab, vor allem von der Beziehung zur Mutter. Je besser die ist und je attraktiver die Partnerin dem Mann erscheint, umso mehr sind die Patchwork-Väter bereit, auch in die Kinder zu investieren, die sie nicht gezeugt haben. Gerade in diesem Bereich gibt es aber noch viel Forschungsbedarf, da sind wir mit Cenof gerade dran.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben mit Hilfe einer App untersucht, was genau Ihre Testväter so den ganzen Tag mit ihren Kindern machen. Was kam dabei heraus?

Ahnert: Es zeigte sich, dass die Vater-Kind-Bindung auch bei jenen Vätern gut entwickelt sein kann, die die vermeintlich pädagogisch wertvollen Angebote kaum vorhalten. Wenn die Väter - nach einem Zufallsprinzip - von der App aufgefordert wurden, zu melden, was sie gerade taten und wo sie waren, lasen sie oft keine Bilderbücher vor oder spielten direkt mit dem Kind. Offenbar ist die sogenannte Quality Time, die bisher entscheidend für die Entstehung einer Bindungsbeziehung gehalten wurde, bei Vätern weniger wichtig. Es sind eher die für die Kinder wichtigen Alltagssituationen, in denen der Vater als präsent erlebt wird - als die schützende Person, die nachts ans Bett kommt, wenn sie schlecht geträumt haben, oder die sich auch mal Zeit nimmt, sie vom Kindergarten abzuholen oder andere Alltagsroutinen durchbricht.

SPIEGEL ONLINE: Kann sich später im Leben eine gute Beziehung entwickeln, auch wenn sich Väter in der oft noch eher von der Mutter bestrittenen Kleinkindzeit nicht so einbringen?

Ahnert: Natürlich. Aber in der frühen Kindheit entstehen die emotionalen Fundamente, da bildet sich das Grundvertrauen. Das ist eine tolle Basis, auf der später alles aufbaut. Das Beziehungssystem ist dann einfach stabiler.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben auch beobachtet, dass sich die Kinderpflege auf den Hormonhaushalt von Vätern auswirkt.

Ahnert: Ja, auch das wollen wir noch weiter erforschen. Aber wir können jetzt schon sagen, dass körperliche Berührungen, Kuscheln, Knuddeln, offenbar auch bei Männern eine Art Fürsorglichkeitsbiologie aktivieren. Der Testosteronspiegel sinkt dann. Väter müssen diesen Effekt allerdings nicht fürchten - am nächsten Morgen hat sich der Testosteronspiegel erholt. Außerdem sind die niedrigen Testosteronspiegel beim Umgang mit Kindern zumeist auch mit einem niedrigen Cortisolspiegel verbunden, der die väterliche Entspannung anzeigt.

SPIEGEL ONLINE: Gestehen die Mütter den neuen Vätern ihre Rolle uneingeschränkt zu?

Ahnert: Das kommt darauf an. Das sogenannte Gatekeeping, bei dem die Mütter den Vätern - bewusst oder unbewusst - eine Kompetenz im Umgang mit ihren Kindern absprechen, beobachten wir schon noch. Und wenn die Väter ständig gesagt bekommen: "Du kannst das nicht, lass mich mal", wird eine aktive Vaterschaft ziemlich ausgebremst. Das können sich die Mütter jedoch immer weniger leisten, wenn sie selbst beruflich eingebunden sind. Sie müssen die Väter in die Kinderbetreuung einbinden und sie auch machen lassen.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 66 Beiträge
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Seite 1
01099 20.12.2015
1.
Ich denke auch, dass die Rolle der Väter völlig unterschätzt wird, was sicher historische Gründe hat. Väter erziehen eher zur Autonomie, während Mütter der Entwicklung eines gesunden Selbstbewusstseins oft im Wege stehen. Zumindest ist das meine Beobachtung, wenn Frauen und Männer zu lange an ihren Müttern kleben, was ja bei Frauen mystifiziert, hingegen bei Männern fast pathologisiert wird, obwohl die Auswirkungen letztlich die gleichen sind. Beide Geschlechter kommen emotional nicht auf eigene Beine, werden von den Müttern als Tröster gebraucht und nabeln sich nicht genug von der Familie ab. Im Ergebnis bedeutet das oft ein labiles Selbstwertgefühl, dass dann in den eigenen Beziehungen zerstörerisch wirkt. Daran sollten wir dringend arbeiten, damit wir nicht ein Trennungskind nach dem anderen in die Welt setzen. Die Ergebnisse, die Frau Ahnert hier präsentiert, sind letztlich keine Neuigkeiten, werden nur zum Aha-Erlebnis, weil wir im Denken noch in alten Zeiten festhängen und Männern keine fürsorglichen Gefühle und Kompetenzen zutrauen. Man ist als Mann ja immer noch ein Weichei, wenn man in Elternzeit geht oder genau so liebevoll mit dem Nachwuchs umgeht wie es die Mütter tun. Deshalb sieht man auf der Straße eigentlich auch nur Frauen mit Kindern. Und das die Qualität der Vaterschaft mit der Beziehung zur Mutter und dem Rest des Lebens zu tun hat, ist eine Binsenweisheit. Wenn ich unzufrieden bin, legt sich das auf mein Verhalten in sozialen Beziehungen. Das kann jeder an sich verifizieren.
wahrsager26 20.12.2015
2. Männer
Wie die Zelten sich ändern...ich erinnere mich an eine tagelange Diskussion wo es um Homosexuelle und das begehrte Adoptionsrecht ging...ach ja,was wurde da gestritten...!Jetzt lese ich aber,wie wertvoll die Erziehung durch den Mann sein kann...es werden einfach Unterschiede aufgezeigt-das gilt ja auch für den Schulunterricht .Nicht immer nur Lehrerinnen!Damit aber kein falscher Eindruck entsteht-ich bin keinesfalls gegen die Frauen-beide Geschlechter haben ihre Berechtigung und sind zu Entwicklung des Kindes nötig.Und das war auch der Grund,warum ich strickt gegen das bewusste Adoptionsrecht war.Danke
andreasclevert 20.12.2015
3. Man(n)...
beobachte einmal, wie viele Mütter die kids auf den Schultern tragen und wie viele Väter. Das ist keine Fedge der Physis sondern der Über-Sorge. Merke ich als Papablogger (www.vaterdasein.wordpress.com) im Austausch mit anderen Papabloggern und der Übermacht der Mamabloggerinnen.
wahrsager26 20.12.2015
4. Männer
Was natürlich immer anklingen muss: Elternzeit!Nicht alle Väter müssen bis in die Nacht arbeiten...sind auch Abend für ihren Nachwuchs da und am Wochenende.Entstammt man so wie ich aus einer Familie ,wo auch mein Vater sogenannte'Herrenausflüge 'und Unternehmungen mit mir unternahm-schöne Erinnerungen an meine Eltern...Ja und die Selbstständigkeit wurde von meinem Vater finanziert,in dem ich mein erstes Sommerlager mit 15 drei Wochen lang verbringen durfte!Trotz allem konnte mein Vater Karriere machen-nicht nur Fußballtrainer sind mehrsprachig,nein,meine Mutter war das auch...soviel auch zu Selbstverwirklichung des anderen Geschlechtes!Hejtzutage kann immer nur irgendetwas scheinbar erreicht werden,wenn es vorgekaut wird!Anmerkung: In besagter Jugendfreizeit lernte ich einen Jungen kennen,der heute an herausragender Stell unser Land als Botschafter vertritt!Danke
BettyB. 20.12.2015
5. Waaahnsinn
Da fragt man sich wirklich, wie lange geforscht wurde, um so grundlegende neue Erkenntnisse zu gewinnen. Besonders erstaunt hat mich, dass, wenn der Vater abhaut, die Mutter das Kind alleine aufzieht. Dass es dann auch keine Großeltern gibt, ist wirklich faszinierend.
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