Aus Rangun berichtet Alexander Dluzak
Ein leer stehendes Restaurant am Rande der Innenstadt von Rangun. Auf einer improvisierten Bühne stehen die Musiker der Punkband The Rebel Riot. Ihre Haare ragen stachlig in den Himmel, die Lederjacken sind voller Nieten. "Saida, Saida, Saida", brüllt Sänger Kyaw Kyaw ins Mikrofon, "Widerstand, Widerstand, Widerstand". Der Drummer hämmert auf das Schlagzeug ein, Gitarrensounds scheppern durch den Raum. "Keine Angst, kein Zögern, scheiß auf das System der Unterdrücker", brüllt Kyaw Kyaw. Vor der Bühne toben etwa 50 Punks. Auf ihren T-Shirts steht "Fuck Capitalism" oder "Sex Pistols" , kaum einer ist älter als 25. Sie springen durcheinander, schmeißen sich auf den Boden. Es ist heiß und stickig. "Widerstand, Widerstand Widerstand", der ganze Saal brüllt mit.
Punk ist in Burma mehr als die oberflächliche Kopie einer westlichen Jugendszene. Schließlich trifft die wohl rebellischste aller Subkulturen in dem südostasiatischen Land auf eines der autoritärsten Regime der Welt. Für junge Burmesen ist Punk die Möglichkeit, der verhassten Regierung symbolisch ins Gesicht zu spucken. Denn trotz vorsichtiger Öffnung und der Freilassung von politischen Gefangenen in den letzten Monaten ist Burma weit davon entfernt, ein Rechtsstaat zu sein.
"Wir jungen Leute sind Punks geworden, um gegen die politischen und wirtschaftlichen Zustände in unserem Land zu protestieren", sagt Kyaw Kyaw. 200 Punks gebe es in Rangun, hundert weitere in Mandalay, der zweitgrößten Stadt des Landes.
"Jeder muss täglich kämpfen, um über die Runden zu kommen"
Kyaw Kyaw sitzt einige Tage nach dem Konzert in Ramones-T-Shirt und Röhrenjeans auf einem abgewetzten Plastikstuhl in dem Zimmer, das er mit seinen Eltern und den beiden Geschwistern teilt. Hinter einer Trennwand steht eine Pritsche, auf der nachts die ganze Familie schläft. Gekocht wird auf einer Feuerstelle aus Ziegelsteinen. Das Dach ist mit Wellblech gedeckt. Der 24-Jährige arbeitet in einer Textilfirma. Umgerechnet 50 Euro verdient er im Monat. "Auf die hier habe ich ein Jahr lang gespart", sagt Kyaw Kyaw und deutet auf seine nietenbesetzte Lederjacke.
Armut ist schon frustrierend genug, unerträglich wird sie, wenn man wie Kyaw Kyaw und eigentlich alle Burmesen die Geschichten vom ausschweifenden Leben der herrschenden Elite kennt, die ihre luxuriösen Geländewagen in der abgeriegelten Hauptstadt Naypyidaw vor cremefarbenen Villen parken.
"Die Regierung", sagt Scum und spuckt auf den Boden, "hält die Menschen in Armut, jeder muss täglich kämpfen, um über die Runden zu kommen". Protest sei so kaum möglich. Scum ist einer der Anführer der Ranguner Punks. Der 30-Jährige sitzt auf einem ramponiertem Sofa, dem einzigen Möbelstück in seiner schlauchartigen Einzimmerwohnung. Auf dem Boden stapelt sich schmutziges Geschirr, in der Ecke steht ein Karton mit englischsprachigen Büchern. Scum hat Literatur studiert, etwas Geld verdient er mit dem Verkauf von Losen für eine illegale Lotterie. Eine geregelte Arbeit lehnt er ab, "damit würde ich nur die Regierung unterstützen", sagt er.
Scum trägt Militärstiefel und eine enge Lederhose, sein Oberkörper ist mit Tätowierungen übersät. "Das hier", sagt Scum und zeigt auf den auf seinem Bauch tätowierten Schriftzug Hatred, "steht für meinen Hass auf die Regierung."
Die beste Zeit des Lebens hinter Gittern
Dass die Generäle, die Burma fast 50 Jahre mit eiserner Hand regierten, die Macht im vergangenen Jahr an eine zivile Regierung übertragen haben, beeindruckt ihn nicht. Schließlich bestehe auch die neue Regierung zum großen Teil aus Vertretern der ehemaligen Junta. Scum lehnt sich auf dem Sofa zurück: "Wir haben hier überall Geheimpolizei. Wenn die erfahren, dass ich über Politik spreche, werden sie kommen, mir einen Sack über den Kopf ziehen und mich verschleppen."
Einschüchtern lässt Scum sich nicht, er hasst die Regierung mehr als er sie fürchtet. Bis vor zwei Jahren saß er im berüchtigten Insein-Gefängnis in Rangun, einem düsteren Backsteinbau aus der britischen Kolonialzeit. Die Zellen dort seien eng und schmutzig, es wimmele von Ungeziefer, zu essen gäbe es meist nur Abfälle.
Alle paar Monate durfte ihn seine Mutter besuchen. Anfangs kam auch seine Freundin zu Besuch, irgendwann dann nicht mehr, sie hatte ihn abgeschrieben. "In Burma sagt man, dass Leute, die zu mehr als fünf Jahren Haft verurteilt sind, keine große Überlebenschance haben", sagt Scum.
Er saß sechs Jahre. Offiziell für ein Tütchen Marihuana, das die Polizei bei ihm gefunden hatte. Ein willkommener Vorwand, um einen Unruhestifter aus dem Verkehr zu ziehen. Im Gefängnis ist er heroinabhängig geworden. Korrupte Wächter würden die Droge dort an Gefangene verkaufen, sagt er. Von der Droge kommt er auch nach seiner Entlassung nicht los. Er versucht die Erinnerungen an die Haft zu verdrängen. "Ich habe die beste Zeit meines Lebens im Gefängnis gesessen," sagt Scum. "Was sollen sie mir noch antun? Ich lasse mir nicht verbieten, über Freiheit zu sprechen."
Seeleute brachten den Punk nach Burma
"Wenn wir akzeptieren, wie es hier zugeht, wird sich nie etwas ändern", sagt Kyaw Kyaw, während er eine E-Gitarre an einen Verstärker anschließt. "Ich tue alles, um die Leute in meinem Umfeld wachzurütteln." 2007 hat er darum die Punkband The Rebel Riot gegründet. Und zwar zu der Zeit, zu der die Militärregierung die von den Mönchen angeführte sogenannte Safran-Revolution niederschlagen ließ, Zehntausende Demonstranten einsperrte und den Soldaten befahl, auf das eigene Volk zu schießen. Der Schock darüber sitzt noch immer tief, keiner der Punks glaubt daran, dass es die Regierung jetzt ernst meint mit der politischen Öffnung. "Nur eine Revolution kann das System verändern", sagt Kyaw Kyaw.
Regelmäßig probt er mit seiner Band in einem abgelegenen Gebäude an den Bahnschienen. Damit kein Lärm nach außen dringt, ist der Raum mit Styroporplatten ausgekleidet. Ein Punk sitzt am Schlagzeug, zwei andere greifen zu Gitarre und Bass, Kyaw Kyaw brüllt ins Mikrofon: "Wir sind arm, hungrig und ohne Chance, bei uns gelten keine Menschenrechte, wir sind Opfer, Opfer, Opfer." Alle paar Monate treten sie gemeinsam mit anderen Punkbands auf, zumeist in leer stehenden Gebäuden irgendwo in Rangun. Nur Eingeweihte erfahren davon, gefährlich ist es trotzdem, es könnten Spitzel der Regierung im Publikum sein.
Ko Nyan organisiert einen Großteil dieser Punkkonzerte. Der 38-Jährige betreibt in einer Markthalle in Rangun einen Stand, an dem er selbst produzierte Punkkleidung und CDs verkauft. Ko Nyan war der erste Punk in Burma. Mitte der Neunziger las er in einem Musikmagazin, das er aus dem Müllcontainer der britischen Botschaft in Rangun gefischt hatte, einen Artikel über die Punkband Sex Pistols. Ko Nyan und seine Freunde imitierten den Look der Musiker. "Wenn wir über den Markt gelaufen sind, haben uns alle Leute angestarrt", sagt er, "die wussten ja nicht, was Punk ist und haben gedacht, dass wir verrückt sind".
Seeleute brachten dann die ersten Punkrock-Kassetten von ihren Reisen aus dem Westen mit in ihre burmesische Heimat. "Die Seeleute waren damals die einzigen, die das Land verlassen durften, sie haben den Punk nach Burma gebracht", sagt Ko Nyan. Heute sei es zwar einfacher, das Land zu verlassen, aber der Regierung misstraut auch er: "Das hier ist ein verdammter Polizeistaat, wir riskieren hier unserer Leben, Punk in Burma zu sein ist kein Spiel, es ist eine Lebenseinstellung, dafür haben wir Respekt verdient." Ko Nyan schließt seinen Marktstand ab und tritt hinaus auf die Straßen von Rangun, einer Stadt, in der Punk noch echte Rebellion ist.
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