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Teenie-Spielchen Was Eltern über "Pussy Slapping" wissen sollten

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Von Juno Vai


    Kinder sind manchmal wahnsinnig süß - und manchmal machen sie uns wahnsinnig. Für SPIEGEL ONLINE legen sich eine Mutter und zwei Väter regelmäßig auf die Elterncouch.

    Juno Vai schreibt auf der Elterncouch im Wechsel mit Theodor Ziemßen und Jonas Ratz.

Teenager folgen Trends, das ist fast ein Naturgesetz. Manche Moden sind so bizarr, dass Eltern erstmal beim Experten nachfragen müssen. Aktuelles Beispiel: "Pussy Slapping".

Okay, es ist jetzt so weit. Ich bin alt und vergrätzt und verstehe "die jungen Leute" nicht mehr.

Ich habe gerade von einem Lehrer erfahren, dass es einen neuen Trend unter seinen Schülerinnen gibt. Er heißt Pussy Slapping. Nein, nein, bitte nicht googeln, Sie könnten auf Seiten stoßen, die Sie verstören. Ich versuche, die ursprüngliche Definition kurz zusammenzufassen.

Unter Sado-Maso-Anhängern ist das Ganze nämlich ein alter Hut: Demnach haben sanfte Schläge auf den Venushügel, die Schamlippen oder die Klitoris einer Frau eine stimulierende Wirkung. Mann oder Frau nutzen dazu die flache Hand, eine Peitsche oder auch ein "Intimpaddle".

Nun scheint es aber unter manchen Schülerinnen inzwischen Usus zu sein, sich mit einem Klaps auf den Venushügel zu überrumpeln, sozusagen aus dem Hinterhalt mit einer Watschen aufs Geschlechtsteil "abzuklatschen". Nach dem Motto: "Hey, Jeanette, gestern noch bowlen gewesen?" Klatsch! "Nö, zu Hause gechillt und YouTube geguckt." Klatsch! Gelächter. Gröl. Kreisch.

Selbstverständlich wird das Ganze mit dem Handy gefilmt und im Internet verbreitet. Da findet man "Pussy-Slap-Wettbewerbe" und sogar "Pussy-Slap-Kriege". Und das ist jetzt total lässig, oder wie? Was um Himmels willen ist mit den Girls los? "Ey, das ist einfach voll witzig!", sagen die Schülerinnen und verstehen meine Frage gar nicht.

Ich bin ein bisschen fassungslos. Hatten wir nicht gerade eine sehr unangenehme Debatte um einen US-Präsidenten, der sich mit Pussy-Grabbing gebrüstet hat? Macht es etwa einen Unterschied, dass im Fall der Schülerinnen Mädchen unter sich sind, wenn sie ihren Körper behandeln wie ein Ding? Ist das Abfällige, Grobe und Demütigende der Geste damit etwa hinfällig? Qua Selbstironie?

Ich frage meine 13-jährige Tochter nach dem Sinn des Geschlechtsgetrommels - und sie schaut mich irritiert an: "Was ist denn bitte Pussy Slacking?" Ich muss lachen, weil "to slack" in der Seglersprache "fieren" heißt, also das Segel öffnen, loslassen. Ich bin auch ein bisschen erleichtert, weil das seltsame Pausenhobby in ihrer Schule offenbar (noch) nicht angesagt ist.

Dennoch beunruhigt mich dieses seltsame Phänomen. Schwer zu sagen, wie weit es verbreitet ist. Vielleicht ist es einfach nur Teenie-Quatsch, albernes, sexualisiertes Gekasper, das sehr schnell langweilig und uncool wird, sobald es nicht mehr angesagt ist? Ich frage jemanden, der sich ausgezeichnet mit Körperwahrnehmung auskennt, den Lübecker Neuropsychologen Erich Kasten. "Ein gezieltes Schlagen auf die Scham lässt sich kulturhistorisch nicht nachverfolgen", sagt er. Beim Pussy Slapping habe man es wohl mit einem Gemisch aus erotischer Komponente, Dominanz und pubertierender Albernheit zu tun.

"Akt der Dominanz"

"Für mich ist das ein sehr befremdliches Verhalten", sagt ein Lehrer, der Pussy Slapping in seiner Klasse beobachtet hat. Einige Mädchen nutzten den Handrücken, also die Fingerknöchel, beim Schlagen: "Sie tun sich gegenseitig richtig weh, das ist für mich völlig unverständlich." Einige Mädchen krümmten sich kurz vor Schmerz, der Pädagoge vermutet, dass dieses "Einknicken" eine Rolle spielen könnte.

Kasten bestätigt das: "Der Pussy Slap ist auch ein Akt der Dominanz, mit dem ein junges Mädchen quasi symbolisch versucht, das Sexualorgan ihrer Nebenbuhlerin zu schädigen oder deren Lustgefühl zu verhindern, um sie als Konkurrentin auszuschalten."

Ist das dem Zeitgeist geschuldet? Offenbar schon. "Die Einstellung zur geschlechtlichen Vereinigung ändert sich zunehmend", sagt Kasten. Unter jungen Menschen sei es heute normal, sich Hardcore-Pornos aus dem Internet anzuschauen, in denen extreme Verhaltensweisen wie 'Gang-Bangs' oder 'Natursekt-Partys' als scheinbar völlig übliches Verhalten dargestellt würden. "Letztlich wird menschliche Sexualität immer weiter entwertet, das Pussy Slapping ist ein Ausdruck dieser Entwicklung."

Tatsächlich ist aber auch mein eigenes Entsetzen, meine spießige Reaktion auf das Verhalten der Schülerinnen, wichtiger Bestandteil des Phänomens: "Junge Menschen wollen immer anders sein als Erwachsene", sagt Kasten. "Je mehr die ältere Generation sich über eine Verhaltensweise aufregt, umso wahrscheinlicher ist es, dass solch eine Handlung unter Heranwachsenden modern wird."

Die meisten Erwachsenen würden es einfach für unangebracht halten, jemandem auf den intimsten Körperteil zu dreschen und das auch noch witzig zu finden. "Mit hoher Wahrscheinlichkeit werden die meisten jungen Leute, die sich heute über Pussy Slapping kringelig lachen, dieses Verhalten in ein paar Jahren ebenfalls ungemein peinlich finden."

Beruhigt mich das als Mutter? Irgendwie schon. Ich finde es generell nicht schlimm, wenn junge Mädchen auch mal grob miteinander umgehen. Meine Tochter betreibt Karate und hat großen Spaß daran, "sich zu kloppen", wie sie sagt. Kampfsport unterliegt aber klaren Regeln und hat viel mit Respekt für den Gegner zu tun. Pussy Slapping hingegen wirkt auf mich abfällig und demütigend. Ich finde, junge Frauen sollten ihren Körper lieben und ihn gut behandeln - auch wenn das Gegenteil gerade angesagt ist.

Zur Autorin
  • Michael Meißner
    Juno Vai,
    Mutter von Vic (14) und Vito (11)

    Liebstes Kinderbuch: der Pinguin-Comic von meinem Sohn

    Nervigstes Kinderspielzeug: alles mit komplizierten Anleitungen

    Erziehungsstil: Liebe, Verlässlichkeit, Respekt


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39 Leserkommentare
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franxinatra 28.05.2017
pepe-b 28.05.2017
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