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Putin-Sekte in Russland: Heiliger Wladimir, bitte für uns

Aus Bolschaja Jelnja berichtet

Früher leitete Mütterchen Fotinja ein "Zentrum für kosmo-energetische Medizin", heute betet sie zu Wladimir Putin. Ihre Sekte verehrt Russlands Herrscher als wiedergeborenen Apostel Paulus. Gott habe ihn gesandt, um das Land "auf das Kommen von Jesus Christus vorzubereiten".

Putin-Sekte in Russland: Beten und Schuften für den Heiligen Wladimir Fotos
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Hagere Frauen ziehen über eine Wolgahöhe, sie sagen, sie folgten dem "Gesetz der Liebe". Es führt sie zu einem dreigeschossigen Bau aus weißem Backstein mit Erker, goldener Kuppel und verbeultem Tor. Sie nennen ihn die "Kapelle des Auferstehenden Russlands". An der Pforte tauschen sie ihre staubigen Stiefel gegen grüne Plastiksandalen. Dann breiten sie Gebetsteppiche aus Schaumstoff aus und beten zu ihrem Schutzheiligen: Wladimir Putin, Russlands Premier und kommender Präsident. Der wiedergeborene Paulus, wie sie glauben.

Die Anhänger der orthodoxen Sekte leben im Wolgadorf Bolschaja Jelnja, nahe der Millionenstadt Nischnij Nowgorod, 400 Kilometer östlich von Moskau. Ihr Oberhaupt nennt sich "Mütterchen Fotinja", eine 62-jährige Matrone, die sich für die Reinkarnation der Jungfrau von Orleans hält. "Ich verkünde, was Gott mir offenbarte", sagt sie. So wie Paulus vor seiner Bekehrung als Saulus Christen verfolgt habe, so habe Putin einst die Rechtgläubigen bedrängt, als Geheimdienstoffizier in Diensten der Sowjetmacht. Die ließ Kirchen in Schwimmbäder verwandeln oder sprengen. Aber: "Als er Präsident wurde, stieg der Heilige Geist auf ihn herab", sagt Fotinja. Seither leite Putin seine Schäfchen "weise, wie damals die Apostel."

Wie in Bolschaja Jelnja schlägt die Zuneigung der Untertanen überall im östlichen Riesenreich mitunter in religiöse Verehrung um. So schwärmte Russlands Oberrabbiner vor ein paar Monaten Putin an, das Volk habe "allen Grund, Gott zu bitten, Sie zu segnen. Jeden Tag und jede Stunde tun Sie einer Vielzahl Menschen Gutes, retten Sie Hunderte und Tausende Welten", säuselte Berl Lasar. Und Wladislaw Surkow, der einflussreiche Vizechef der Kreml-Verwaltung, sieht in Putin gar "einen Menschen, den das Schicksal und der Herr Russland sandten".

In Putins Heimatstadt Sankt Petersburg ließen die Stadtväter Plakate aufhängen, auf denen der Premier in Engelsgestalt segnend seine Hand über die Einwohner streckt. Putins Antlitz war in das Foto des Cherubims montiert, der die Spitze der Peter-und-Pauls-Kathedrale krönt. Ein Abschied Wladimir Putins von der Macht erscheint Beamten, konservativen Eliten und dem Großteil der russischen Bevölkerung in etwa so erstrebenswert wie ein baldiger Anbruch des Jüngsten Gerichts.

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Putins Welt: Auf der Harley, zu Pferd, im Meer
"Er trägt den Geist eines Zaren in sich", sagt Mütterchen Fotinja. Sie hat eine schwarze Robe übergestreift und eine weiße Haube. Goldene Schmetterlinge und Putten schmücken ihren selbstgezimmerten Altar. Fotinja schwenkt ein Weihrauchfässchen vor der Ikone von Paulus-Putin. "Jeden Tag haben wir dafür gebetet, dass er wieder in den Kreml einzieht", sagt sie.

Ihr Flehen wurde erhört. In einem Akt vollständiger Selbstaufgabe trug Noch-Präsident Dmitrij Medwedew am Wochenende bei einem Parteitag Putin die erneute Präsidentschaft an. Die 11.000 Delegierten und Partei-Anhänger von "Einiges Russland" wirkten bei dieser Krönungsmesse im Moskauer Eispalast wie Gläubige.

"Die Beziehung zu Putin ist emotionaler als zu einem durchschnittlichen Politiker", hat der Historiker Roy Medwedew einmal gesagt. "Er wird als eine Art moralischer Führer gesehen." Wladimir Putin ist zum Talisman einer Nation geworden. Laut Umfragen sehen 57 Prozent der Russen "Anzeichen für einen Putin-Kult", gleichzeitig halten 52 Prozent das für eine positive Entwicklung.

Fast vier Jahre lang haben Bürokraten und die meisten Bürger den Ansprachen von Medwedew gelauscht, der für schwierige Reformen und Anstrengungen zur Modernisierung des Landes warb. Insgeheim aber vertrauten sie stets darauf, Putin werde alle Zukunftsprobleme kraft seiner Aura lösen, obwohl die Korruption seit Jahren ausufert und die Abhängigkeit des Landes von Rohstoffexporten beständig wächst.

"Seht, die neue Eva ist auf die Erde gekommen"

Wenn es nach Sekten-Chefin Fotinja geht, hat das Volk ohnehin keine Wahl. "Gott hat Putin eingesetzt, um Russland auf das Kommen von Jesus Christus vorzubereiten", sagt sie. Der Premier selbst scheint sich der göttlichen Gunst mitunter nicht allzu sicher zu sein und stärkt seine Machtbasis.

In Wolgograd, dem ehemaligen Stalingrad, gründete er ein Wahlbündnis mit dem martialischen Namen "Volksfront", um "Menschen mit frischen und interessanten Ideen heranzuziehen". Staatsunternehmen wie die russische Post (400.000 Mitarbeiter) und die Eisenbahnen (eine Million) haben ihren Beitritt zur Volksfront erklärt, hinzu kommt die "Russische Agrarbewegung", die angeblich 38 Millionen russische Landbewohner vereinigt, sowie eine unbekannte Anzahl Teilnehmerinnen des "ersten gesamtrussischen Blondinen-Treffens".

In Bolschaja Jelnja breitet Mütterchen Fotinja die Arme aus. Als Swetlana Frolowa geboren, saß sie Mitte der neunziger Jahre für 21 Monate im Gefängnis, weil sie als Beamtin Staatsgelder veruntreut hatte. Danach öffnete sie erst ein "Zentrum für kosmo-energetische Medizin", später den "Tempel des Auferstehenden Russlands". "Seht, die neue Eva ist auf die Erde gekommen", ruft sie und meint sich selbst. Ihre Anhängerinnen glauben, Fotinja heile per Handauflegen und könne auch Krankheiten wie Leukämie wegbeten. Dafür stecken sie ihr manchmal Briefumschläge zu. "Für die Liebe", steht auf den Couverts.

Die orthodoxe Kirche bezichtigt sie der Hexerei, auch weil sie der örtlichen Gemeinde des "Heiligen Wundertäters Nikolai" Konkurrenz und fromme Spender abspenstig macht. "Vor ein paar Jahren hat ihr die Kirche deshalb den Inlandsgeheimdienst FSB auf den Hals gehetzt", erinnert sich ein pensionierter Armee-Offizier aus der Nachbarschaft. "Damals fing sie an, Putin öffentlich als Heiligen zu verehren - um sich vor den Ermittlungen zu schützen", sagt er. Es ist wie immer in Putins Russland. Letztlich geht es nur ums Geld.

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insgesamt 24 Beiträge
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1. Seriös
Pepito_Sbazzagutti 29.09.2011
"Früher leitete*Mütterchen Fotinja ein "Zentrum für kosmo-energetische Medizin"" Das hört sich ja schon mal recht seriös an :-)
2. Tradition
bunterepublik 29.09.2011
Sekten und Esoterik haben wohl kaum in einem anderen europäischen Land soviel Tradition wie in Russland. Rasputin lässt grüßen...
3. Warum sollte es in Russland
Gandhi, 29.09.2011
keine Spinner geben? Gerade nach dem Fall der kommunistischen Diktatur sind die Menschen, die ohne eine 'schuetzende Hand' nicht glauben auszukommen , anfaellig fuer solche Ansichten. Putin wird's freuen, die Orthodoxe Kirche stoeren. Und ansonsten geht das Leben weiter wie bisher.
4. ...
Mardor 29.09.2011
Zitat von bunterepublikSekten und Esoterik haben wohl kaum in einem anderen europäischen Land soviel Tradition wie in Russland. Rasputin lässt grüßen...
Oh ja! Putins Großvater hieß sogar noch Rasputin, aber der Name war dann nicht mehr so en vogue...
5. klingt logisch
Absurdistan-Veteran 29.09.2011
Na klar. Putin ist die Reinkarnation des Apostel Paulus und Merkel die von Maria Magdalena.
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AP
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Paukenschlag in Moskau: Putin soll zurück in den Kreml

Fläche: 17.098.200 km²

Bevölkerung: 143,972 Mio.

Hauptstadt: Moskau

Staatsoberhaupt:
Wladimir Putin

Regierungschef: Dmitrij Medwedew

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